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Der große Mann warf ihm einen finsteren Blick zu. Plötzlich wusste er genau, wie sich ein Klumpen Eisen anfühlte, wenn Perrin ihn musterte und den Hammer hob. Karede ging steif auf ihn zu, und obwohl er sich offensichtlich Mühe gab, seine Miene ausdruckslos zu halten, konnte Mat dennoch den Zorn fühlen, den er ausstrahlte.

»Vielen Dank«, sagte Karede steif, »für Eure Hilfe, die Kaiserin, möge sie ewig leben, zu beschützen.«

»Ihr seid der Ansicht, ich hätte sie an einem sicheren Ort lassen sollen«, sagte Mat. »Und nicht im Befehlshaus.«

»Es steht mir nicht zu, einen vom Blut infrage zu stellen, Höchsterlauchter.«

»Ihr stellt mich nicht infrage«, erwiderte Mat, »sondern denkt darüber nach, mich mit etwas Scharfem zu durchbohren. Das ist etwas ganz anderes.«

Karede stieß langsam die angehaltene Luft aus. »Ihr müsst mich entschuldigen, Höchsterlauchter«, sagte er und wandte sich zum Gehen. »Ich muss meine Männer nehmen und sterben.«

»Das glaube ich nicht«, sagte Mat. »Ihr kommt mit mir.«

Karede fuhr auf dem Absatz zu ihm herum. »Die Kaiserin, möge sie ewig leben, befahl uns …«

»… an die Front zu gehen.« Mat beschattete sein Auge und betrachtete das von Trollocs wimmelnde Flussbett. »Toll. Was glaubt Ihr eigentlich, wo ich verdammt noch mal hingehe?«

»Ihr reitet in die Schlacht?«

»Eigentlich wollte ich gemütlich hingehen.« Mat schüttelte den Kopf. »Ich muss ein Gefühl dafür bekommen, was Demandred da macht … Ich gehe ins Getümmel, Karede, und Euch und Eure Männer zwischen mich und die Trollocs zu schieben klingt wunderbar. Begleitet Ihr mich?«

Karede antwortete nicht, aber er ließ Mat auch nicht stehen.

»Seht mal, was habt Ihr denn für Möglichkeiten?«, fragte Mat. »Dort rüberzureiten und sinnlos zu sterben? Oder zu versuchen, mich für Eure Kaiserin am Leben zu erhalten? Ich bin mir fast sicher, dass sie mich mag. Na ja, vielleicht. Tuon ist wirklich schwer zu durchschauen.«

»Ihr nennt sie nicht bei diesem Namen«, knurrte Karede.

»Ich nenne sie verflucht noch einmal so, wie es mir gefällt.«

»Nicht, wenn wir Euch begleiten sollen! Wenn ich mit Euch reite, Prinz der Raben, lasse ich nicht zu, dass meine Männer so etwas von Euch zu hören bekommen. Das wäre ein böses Omen.«

»Nun, das wollen wir ja auf gar keinen Fall«, erwiderte Mat. »Also gut, Karede. Stürzen wir uns wieder in diesen Schlamassel und sehen, was wir tun können. In Fortuonas Namen.«

Tam hob das Schwert, als wollte er sich zum Duell stellen, aber er fand keinen ehrenvollen Gegner. Bloß grunzende, heulende, wilde Trollocs. Die in dieser Schlacht bei den Ruinen von den bedrängten Weißmänteln abgelenkt worden waren.

Die Kreaturen wandten sich gegen die Männer von den Zwei Flüssen und griffen an. An der Spitze seines Keils nahm Tam ›Schilfrohr im Wind‹ ein. Er weigerte sich, auch nur einen einzigen Schritt zurückzumachen. Er beugte sich in diese Richtung und in jene, behielt aber seine Position, als er die Linie des Feindes durchbrach und mit schnellen Bewegungen um sich hieb.

Seine Männer drängten nach vorn und waren ein Dorn im Fuß des Dunklen Königs und eine Brombeerhecke in seiner Hand. In dem folgenden Chaos brüllten sie und fluchten, kämpften hart darum, die Trollocs auseinanderzutreiben.

Aber schon bald waren sie vollauf damit beschäftigt, ihre Stellung zu halten. Die Ungeheuer strömten um die Kämpfer herum. Die Keilformation funktionierte gut, obwohl es normalerweise eine Offensivtaktik war. Trollocs eilten die Seiten des Keils entlang und wurden von Äxten, Schwertern und Speeren getroffen.

Tam ließ die Jungs sich von ihrem Drill leiten. Er hätte es vorgezogen, im Zentrum des Keils zu stehen und genau wie Dannil jetzt Ermunterungen zu rufen – aber er gehörte zu den wenigen, die Kampferfahrung hatten, und die Keilformationen hingen davon ab, dass jemand an der Spitze stand, der alles zusammenhielt.

Also hielt er alles zusammen. Völlig versunken in der Leere, ließ er die Trollocs herankommen. Er wechselte von ›Den Reif vom Ast schütteln‹ über ›Apfelblüten im Wind‹ zu ›Steine fallen in den Teich‹ – alles Schwertfiguren, die die Position stabilisierten, während man gegen mehrere Gegner kämpfte.

Trotz der vielen Übung in den letzten Monaten war Tam nicht einmal mehr annähernd so stark wie in seiner Jugend. Glücklicherweise brauchte ein Schilfrohr keine Kraft. Er war nicht mehr so geübt wie einst, aber ein Schilfrohr brauchte nicht zu üben, wie man sich im Wind bog.

Es tat es einfach.

Jahre der Reife und des Alterns hatten Tam ein tiefes Verständnis für den Zustand des Nichts in seinem Inneren gebracht. Er verstand es jetzt, und zwar besser als je zuvor. Die Jahre, in denen er Rand Verantwortungsgefühl beigebracht hatte, die Jahre, in denen er mit Kari zusammengelebt hatte, die Jahre, in denen er dem leisen Rauschen des Windes und dem Rascheln der Blätter gelauscht hatte …

Tam al’Thor wurde zum Nichts. Er brachte es den Trollocs, zeigte es ihnen und schickte sie in seine Tiefen.

Er tänzelte um eine ziegenköpfige Kreatur, zog die Klinge zur Seite und schlitzte der Bestie den Unterschenkel bis zur Ferse auf. Sie stolperte, und er drehte sich um und überließ sie den Männern hinter ihm. Die Klinge fuhr in die Höhe – wobei sich das Blut von ihr in einem feinen Regen löste – und sprühte die dunklen Tropfen in die Augen eines Tiermenschen mit einer Fratze aus einem Albtraum. Geblendet heulte er auf, und Tam floss mit ausgestreckten Armen vorwärts und schlitzte den Bauch unterhalb des Brustpanzers auf. Das Ungeheuer stolperte einem dritten Trolloc vor die Füße, der gerade mit der Axt auf Tam einschlagen wollte und stattdessen seinen Kameraden traf.

Jeder Schritt war Teil eines Tanzes, und Tam lud die Trollocs ein, sich ihm anzuschließen. Nur einmal hatte er auf diese Weise gekämpft, vor langer Zeit, aber die Leere ließ keine Erinnerungen zu. Er dachte nicht an andere Zeiten; er dachte an rein gar nichts. Falls ihm bewusst war, dass er so etwas schon einmal getan hatte, lag das am Widerhall seiner Bewegungen, einem Begreifen, das von seinen Muskeln auszugehen schien.

Er stach einem Trolloc mit einem beinahe menschlichen Gesicht und nur ein paar zu vielen Haaren auf den Wangen in den Hals. Die Bestie kippte nach hinten und brach zusammen, und plötzlich fand Tam keinen Gegner mehr. Er blieb stehen, riss das Schwert nach oben und verspürte einen sanften Windhauch. Die Bestien strömten in wilder Panik flussabwärts, verfolgt von Reitern mit den Wimpeln der Grenzländer. In wenigen Augenblicken würden sie auf die wie eine Mauer stehende Legion des Drachen stoßen und zwischen ihr und den sie jagenden Grenzländern zerschmettert werden.

Tam reinigte die Klinge und verließ das Nichts in sich. Der Ernst der Situation traf ihn. Beim Licht! Seine Männer müssten tot sein. Wären diese Grenzländer nicht eingetroffen …

Er schob das Schwert zurück in die lackierte Scheide. Der rot-goldene Drache fing funkelnd das Sonnenlicht ein, obwohl Tam nicht gedacht hätte, dass etwas durch diese Wolkendecke kam. Er hielt nach der Sonne Ausschau und entdeckte sie hinter den Wolken beinahe am Horizont. Der Einbruch der Nacht stand kurz bevor!

Glücklicherweise hatte es den Anschein, als würden die Trollocs hier in der Schlacht an den Ruinen endlich aufgeben. Ernsthaft geschwächt von der langen Flussüberquerung, gaben sie endlich nach, als Lans Männer sie hinterrücks trafen.

Nach kurzer Zeit war es vorbei. Tam hatte die Stellung gehalten.

Ein schwarzes Pferd trottete heran. Sein Reiter Lan Mandragoran – gefolgt von seinem Standartenträger und Leibwächtern – betrachtete die Männer aus den Zwei Flüssen.

»Ich habe mich das oft gefragt«, sagte Lan zu Tam. »Der Mann, der Rand diese Klinge mit dem Reiherzeichen gab. Ich hatte mich gefragt, ob er sie sich wirklich verdient hatte. Jetzt weiß ich es.« Lan hob sein Schwert und salutierte.

Tam drehte sich zu seinen Männern um, einer erschöpften, blutverschmierten Gruppe, die sich an ihren Waffen festhielt. Der Weg ihres Keils war leicht auf dem zertrampelten Boden auszumachen; Dutzende gefallener Trollocs lagen dort, wo der Keil in sie hineingeschnitten hatte. Im Norden hoben die Männer des Zweiten Keils ihre Waffen. Man hatte sie fast bis zum Wald zurückgedrängt, aber sie hatten dort durchgehalten, und am Ende hatten einige von ihnen überlebt. Tam musste sich damit abfinden, dass Dutzende guter Männer gestorben waren.