»Euer Majestät«, sagte Hauptmann Guybon, der mit ihren Befehlshabern angeritten kam. Ihre verbeulten Rüstungen und blutigen Wappenröcke bewiesen, dass niemand vom direkten Kampf verschont blieb, nicht einmal der Befehlsstab.
»Ein Rat«, sagte Elayne und sah ihn, den Kommandanten der Kavallerie Theodor und Birgitte an, die ja ihr Generalhauptmann war.
»Rückzug?«, fragte Guybon.
»Glaubt Ihr wirklich, wir könnten uns vom Feind lösen?«, erwiderte Birgitte.
Guybon zögerte, dann schüttelte er den Kopf.
»Also gut«, sagte Elayne. »Wie siegen wir?«
»Wir halten durch«, sagte Theodor. »Wir hoffen, dass die Weiße Burg ihren Kampf gegen die sharanischen Machtlenker gewinnt und uns zu Hilfe kommt.«
»Es gefällt mir nicht, einfach hier herumzusitzen«, sagte Birgitte. »Es …«
Ein brodelnder Strahl aus weiß glühendem Feuer schnitt durch Elaynes Leibwache und verdampfte Dutzende von ihnen. Guybons Pferd löste sich unter ihm auf, obwohl er selbst haarscharf dem Tod entging. Elaynes Pferd stieg auf die Hinterbeine.
Fluchend zwang sie das Tier zur Räson. Das war Baalsfeuer gewesen!
»Lews Therin!« Eine mit der Macht verstärkte Stimme hallte über das Feld. »Ich jage eine Frau, die du liebst! Komm her, du Feigling! Kämpfe!«
Direkt neben ihr explodierte der Boden und schleuderte ihren Standartenträger in die Luft. Die Flagge fing Feuer. Dieses Mal wurde Elayne von ihrem Pferd abgeworfen und landete mit einem harten Aufprall am Boden.
Meine Babys! Stöhnend rollte sie sich herum, als Hände sie schnappten. Birgitte. Unterstützt von mehreren Gardistinnen zerrte die Frau sie hinter sich in den Sattel.
»Kannst du die Macht lenken?«, fragte Birgitte. »Nein, vergiss es. Danach werden sie Ausschau halten. Celebrain, zieht ein neues Banner auf! Reitet mit einer Abteilung der Garde flussabwärts. Ich bringe die Königin in die andere Richtung!«
Die Frau, die neben Birgittes Pferd stand, salutierte. Das war ein Todesurteil! »Birgitte, nein«, rief Elayne.
»Demandred hat entschieden, dass du den Wiedergeborenen Drachen für ihn aus seiner Deckung lockst«, sagte Birgitte und wendete das Pferd. »Das lasse ich nicht zu!« Sie trieb ihr Tier zum Galopp an, als Blitze in Elaynes Leibwache einschlugen und Körper in die Luft schleuderten.
Elayne biss die Zähne zusammen. Ihre Heere schwebten in Gefahr, überrannt und eingekreist zu werden, während Demandred ein Gewebe Baalsfeuer, Blitze und Erde nach dem anderen schleuderte. Dieser Mann war so gefährlich wie eine ganze Armee.
»Ich kann nicht weg«, sagte sie hinter Birgitte.
»Doch, du kannst, und du wirst«, erwiderte ihre Behüterin grob, während ihr Pferd weitergaloppierte. »Falls Mat gefallen ist – und das Licht gebe, dass das nicht der Fall ist –, dann müssen wir einen neuen Kommandoposten einrichten. Es gibt einen Grund, warum Demandred den Dasharfels und danach dich angriff. Er will unsere Befehlskette zerstören. Es ist deine Pflicht, an irgendeinem sicheren und geheimen Ort den Befehl wieder zu übernehmen. Sobald wir weit genug weg sind, dass Demandreds Kundschafter dich nicht Machtlenken spüren können, machen wir ein Wegetor, und du wirst wieder alles unter Kontrolle haben. Aber im Augenblick musst du den Mund halten und mich dich beschützen lassen.«
Sie hatte recht. Sie sollte verdammt sein, aber sie hatte recht. Elayne klammerte sich an Birgitte fest, während sie über das Schlachtfeld galoppierte und ihr Pferd auf ihrer Flucht in die Sicherheit Erdklumpen aufspritzen ließ.
Wenigstens macht er es einem leicht, ihn zu finden, dachte Galad und sah zu, wie Feuerstrahlen von der feindlichen Position auf Elaynes Heer zurasten.
Galad grub die Fersen in die Flanken seines gestohlenen Pferdes und trabte quer über das Plateau auf den Ostrand zu, und immer wieder sah er Gawyn vor sich, wie er in seinen Armen starb.
»Komm zu mir, Lews Therin!« Der Donner von Demandreds Stimme erschütterte voraus den Boden. Er hatte Galads Bruder getötet. Jetzt jagte das Ungeheuer seine Schwester.
Das einzig Richtige zu tun war Galad immer glasklar erschienen, aber noch niemals zuvor hatte es sich so richtig angefühlt wie das hier. Diese Lichtblitze waren wie die Markierungen auf einer Karte, Pfeile, die ihm die Richtung wiesen. Das Licht selbst führte ihn. Es hatte ihn vorbereitet und in diesem Augenblick an diesen Ort gebracht.
Galad preschte durch die hinteren Linien der Sharaner zu der Stelle, an der Demandred direkt über dem Flussbett stand und nach unten auf Elaynes Truppen schaute. Pfeile bohrten sich vor den Pferdehufen in den Boden, die sharanischen Bogenschützen schossen, ohne darauf zu achten, die eigenen Leute zu treffen. Das Schwert gezogen, löste Galad die Füße aus den Steigbügeln und bereitete sich auf den Sprung vor.
Ein Pfeil bohrte sich in das Pferd. Galad warf sich von dem Tier. Er landete hart, kam rutschend zum Stehen und trennte einem Armbrustmann in der Nähe die Hand ab. Ein knurrender Machtlenker vertrat ihm den Weg, und das Fuchskopf-Medaillon auf seiner Brust wurde plötzlich eiskalt.
Galad rammte dem Mann die Klinge durch den Hals. Der Sharaner brüllte, und jeder Herzschlag spritzte Blut aus der Wunde. Er schien nicht überrascht zu sein, dass er starb, sondern bloß wütend. Sein Geschrei zog weitere Aufmerksamkeit in die Richtung.
»Demandred!«, rief Galad. »Demandred, Ihr ruft nach dem Wiedergeborenen Drachen! Ihr wollt mit ihm kämpfen! Er ist nicht hier, aber sein Bruder schon! Tretet Ihr gegen mich an?«
Dutzende Armbrüste hoben sich. Hinter Galad brach das Pferd zusammen und schnaubte blutigen Schaum aus den Nüstern.
Rand al’Thor. Sein Bruder. Der Schock von Gawyns Tod hatte Galad diese Enthüllung seltsam gleichgültig aufnehmen lassen. Falls er überlebte, würde er sich irgendwann damit auseinandersetzen müssen. Er vermochte noch immer nicht zu sagen, ob er stolz oder beschämt sein würde.
Eine Gestalt in einer seltsamen Rüstung wie aus Münzen schob sich durch die Reihen der Sharaner. Demandred war ein stolzer Mann; das verriet einem ein Blick auf sein Gesicht. Tatsächlich glich er al’Thor. Sie hatten eine ähnliche Ausstrahlung.
Der Verlorene musterte Galad, der dort mit blutiger Klinge stand. Der sterbende Machtlenker krallte vor ihm die Finger in den Boden.
»Sein Bruder?«, sagte Demandred.
»Der Sohn von Tigraine«, verkündete Galad, »die eine Tochter des Speers wurde. Die meinen Bruder am Drachenberg zur Welt brachte, der Gruft von Lews Therin. Ich hatte zwei Brüder. Ihr habt den anderen auf diesem Schlachtfeld getötet.«
»Wie ich sehe, hast du ein bemerkenswertes Artefakt«, sagte Demandred, als das Medaillon wieder kalt wurde. »Du glaubst doch sicher nicht, dass dich das vor dem Schicksal deines armseligen Bruders bewahrt? Ich meine den toten Bruder.«
»Kämpfen wir, Sohn der Schatten? Oder reden wir?«
Demandred zog das Schwert aus der Scheide, das an Klinge und Griff mit Reihern geschmückt war. »Mögest du mir einen besseren Kampf liefern als dein Bruder, kleiner Mann. Ich verliere allmählich die Geduld. Lews Therin kann mich hassen oder gegen mich wüten, aber er sollte mich nicht ignorieren!«
Galad betrat den Kreis aus Armbrustmännern und Machtlenkern. Siegte er, würde er trotzdem sterben. Aber er betete zum Licht, dass er einen der Verlorenen mitnehmen würde. Es würde ein passendes Ende sein.
Demandred kam auf ihn zu, und der Wettstreit begann.
Den Rücken gegen einen Stalagmiten gedrückt und allein durch das von Callandor von den Höhlenwänden reflektierte Licht etwas sehend, versuchte Nynaeve mit allen Kräften, Alannas Leben zu retten.
In der Weißen Burg hatten einige über ihr Vertrauen auf normale Heiltechniken gespottet. Was sollten zwei Hände und ein Faden ausrichten, das die Eine Macht nicht schaffte?