Wäre eine dieser Frauen statt Nynaeve hier gewesen, hätte die Welt geendet.
Die Bedingungen waren schrecklich. Wenig Licht, außer den Dingen in ihrer Tasche kein Werkzeug. Trotzdem nähte Nynaeve mit der Nadel und dem Faden, die sie immer bei sich trug. Sie hatte für Alanna eine Kräutermischung zubereitet und sie ihr in den Mund gezwungen. Es würde nicht viel bewirken, aber vielleicht konnte jede Kleinigkeit helfen. Es würde Alannas Kraft bewahren, ihr gegen die Schmerzen beistehen und verhindern, dass ihr Herz versagte, während Nynaeve arbeitete.
Die Wunde war verschmutzt, aber sie hatte schon zuvor verschmutzte Wunden genäht. Obwohl sie innerlich wie Espenlaub zitterte, waren ihre Hände völlig ruhig, als sie die Wundränder zusammenflickte und die Frau von der Schwelle des Todes zurückholte.
Rand und Moridin rührten sich nicht. Aber sie fühlte, wie von ihnen ein Pulsieren ausging. Rand kämpfte. Kämpfte einen Kampf, den sie nicht sehen konnte.
»Matrim Cauthon, Ihr verfluchter Narr. Ihr seid noch am Leben?«
Mat sah zur Seite, als Davram Bashere in der frühen Abenddunkelheit angeritten kam. Mat hatte sich mit den Totenwächtern zur Rückseite der andoranischen Linien begeben, die am Fluss kämpften.
Bashere wurde von seiner Frau und einer Leibwache aus Saldaeanern begleitet. Dem Blut auf Deira Basheres Kleidung nach zu urteilen, hatte sie bei den Kämpfen ihren Teil geleistet.
»Ja, ich lebe noch«, sagte Mat. »Eigentlich bin ich ganz gut darin, am Leben zu bleiben. Ich kann mich nur an das eine Mal erinnern, wo ich darin gescheitert bin, aber das zählt kaum. Was tut Ihr hier? Seid Ihr …«
»Sie haben sich in meinen verdammten Verstand gegraben«, sagte Bashere mit finsterer Miene. »Das haben sie getan, Mann. Deira und ich haben das besprochen. Ich werde nicht führen, aber warum sollte mich das davon abhalten, ein paar Trollocs zu töten?«
Mat nickte. Nach Tenobias Tod war dieser Mann der König von Saldaea geworden – aber bis jetzt hatte er die Krone verweigert. Die Korrumpierung seines Verstandes hatte ihn erschüttert. Er hatte nur verkündet, dass Saldaea an Malkiers Seite kämpfte, und den Truppen befohlen, Lan zu folgen. Die Thronfolge würde man regeln, falls sie alle die Letzte Schlacht überlebten.
»Was ist mit Euch passiert?«, wollte Bashere wissen. »Ich habe gehört, der Kommandoposten fiel?«
Mat nickte. »Die Seanchaner haben uns im Stich gelassen.«
»Blut und Asche!«, rief Bashere aus. »Als wäre alles nicht schon schlimm genug. Verfluchte seanchanische Hunde.«
Die Totenwächter, die hinter Mat standen, verzogen keine Miene.
Elaynes Truppen hielten das Flussufer, aber nur so gerade eben – flussaufwärts drängten sich die Bestien langsam um sie herum. Die Andoraner wichen nicht, weil sie hartnäckig und sorgfältig gedrillt waren. Jedes gewaltige Rechteck aus Männern stemmte die Piken empor wie ein sich sträubendes Stachelschwein.
Diese Formationen konnten gesprengt werden, wenn Demandred Keile auf die richtige Weise dazwischentrieb. Mat setzte Kavallerieattacken ein. Daran nahmen auch die andoranische Kavallerie und die Bande teil – sie versuchten die Trollocs daran zu hindern, in die Pikenhaufen einzudringen oder Elayne einzukreisen.
Der Rhythmus der Schlacht pulsierte zwischen Mats Fingerspitzen. Er fühlte, was Demandred tat. Für jeden anderen schien das Ende der Schlacht nur noch eine simple Angelegenheit zu sein. Mit einer großen Streitmacht angreifen, die Pikenformationen aufbrechen, Mats Verteidigung zerschmettern. Aber es war viel raffinierter.
Lans Grenzländer hatten die Trollocs flussaufwärts vernichtet und erwarteten neue Befehle. Gut. Mat benötigte die Männer für den nächsten Schritt seines Plans.
Drei der gewaltigen Pikenformationen erlahmten, aber wenn er einen Machtlenker oder zwei in jedes Zentrum setzen konnte, konnte er sie verstärken. Sollte das Licht denjenigen behüten, der Demandred abgelenkt hatte. Die Angriffe des Verlorenen hatten ganze Pikenhaufen vernichtet. Demandred brauchte nicht jeden Mann einzeln zu töten; er musste bloß mit der Einen Macht angreifen, um das Rechteck zu knacken. Danach konnten die Trollocs sie überrennen.
»Bashere«, sagte Mat, »bitte sagt mir, dass jemand etwas von Eurer Tochter gehört hat.«
»Niemand«, sagte Deira. »Es tut mir leid.«
Verdammte Asche, dachte Mat. Armer Perrin.
Und armer Mat. Wie sollte er das ohne das Horn schaffen? Licht! Er war sich doch nicht einmal sicher, ob er es mit dem verfluchten Horn schaffen würde.
»Geht«, rief er, als sie die Pferde antrieben. »Reitet zu Lan flussaufwärts. Bestellt ihm, er soll diese Trollocs angreifen, die die rechte Flanke der Andoraner umgehen wollen! Und richtet ihm aus, ich habe bald andere Befehle für ihn.«
»Aber ich …«
»Es ist mir völlig egal, ob Ihr verflucht noch mal vom Schatten berührt wurdet!«, fauchte Mat. »Jeder Mann hat den Finger des Dunklen Königs auf seinem Herzen gespürt, und das ist die verdammte Wahrheit. Ihr könnt das überwinden. Jetzt reitet zu Lan und sagt ihm, was getan werden muss!«
Im ersten Augenblick versteifte sich Bashere, dann lächelte er seltsamerweise breit unter seinem Schnurrbart. Verfluchte Saldaeaner. Sie genossen es, angebrüllt zu werden. Mats Worte schienen ihm neuen Mut zu geben, und er galoppierte mit seiner Frau an der Seite los. Sie warf Mat einen liebevollen Blick zu, was ihm Unbehagen einflößte.
Und jetzt … brauchte er ein Heer. Und ein Wegetor. Er brauchte ein lichtverfluchtes Wegetor. Du blöder Narr, dachte er. Er hatte die Damane weggeschickt. Hätte er nicht zumindest eine behalten können? Auch wenn sie ihm eine Gänsehaut verschafften, als wären sie mit Spinnen bedeckt.
Mat hielt Pips an, die Totenwächter folgten seinem Beispiel. Ein paar von ihnen zündeten Fackeln an. Sich Mat beim Kampf gegen die Sharaner anzuschließen hatte ihnen die Tracht Prügel verschafft, die sie gewollt hatten. Anscheinend sehnten sie sich nach mehr.
Da, dachte Mat und lenkte Pips auf eine Truppenansammlung südlich von Elaynes Pikenformationen zu. Die Drachenverschworenen. Vor dem Abzug der Seanchaner vom Dasharfels hatte Mat diese Armee zur Verstärkung von Elaynes Truppen geschickt.
Er wusste noch immer nicht, was er von ihnen halten sollte. Als sie sich versammelt hatten, war er nicht auf dem Feld gewesen, aber er hatte Berichte gehört. Menschen aus sämtlichen gesellschaftlichen Rängen und allen Nationalitäten, die zusammengekommen waren, um in der Letzten Schlacht zu kämpfen – und Loyalitäten oder Ländergrenzen spielten keine Rolle. Rand brach alle Eide und sämtliche anderen Bündnisse.
Mat ritt im schnellen Tritt – die Totenwächter liefen, um mitzuhalten – um die Rückseite der andoranischen Linien. Beim Licht, die Linien wölbten sich. Das war übel. Nun, er hatte seinen Wetteinsatz gemacht. Jetzt konnte er die verfluchte Schlacht bloß abreiten und hoffen, dass sie nicht zu sehr bockte.
Als er zu den Drachenverschworenen galoppierte, hörte er etwas, das nicht an diesen Ort passte. Singen? Mat zügelte Pips. Die Ogier waren in den Kampf gegen die Trollocs verstrickt worden, um Elaynes linker Flanke auf Höhe des gegenüberliegenden Moors zu helfen und die Tiermenschen zu hindern, aus dieser Richtung zu kommen.
Sie hielten dort die Stellung, so unerschütterlich wie Eichen in einer Flut, hieben mit ihren Äxten um sich, während sie sangen. Um sie herum türmten sich tote Trollocs auf.
»Loial!«, brüllte Mat und stemmte sich in seinen Steigbügeln hoch. »Loial!«
Einer der Ogier trat vom Kampf zurück und drehte sich um. Mat war bestürzt. Sein sonst so ruhiger Freund hatte die Ohren angelegt, die Zähne zornig zusammengebissen, und eine blutige Axt in den Fingern. Licht, dieser Ausdruck ließ Mat entsetzt zusammenzucken. Er hätte eher zehn Männer niedergestarrt, die ihn für einen Falschspieler hielten, als einen einzigen wütenden Ogier!