Loial rief den anderen etwas zu, dann beteiligte er sich wieder am Kampf. Sie schlugen weiterhin auf die Trollocs ein und hieben sie nieder. Die Kreaturen hatten fast die gleiche Größe wie die Ogier, aber irgendwie schienen die Ogier das Schattengezücht hoch zu überragen. Sie kämpften nicht wie Soldaten, sondern wie Waldarbeiter, die Bäume fällen. Erst in die eine Richtung hacken, dann in die andere, Trollocs brachen entzwei. Mat wusste, dass Ogier es hassten, Bäume zu fällen, aber sie schienen es zu genießen, das Schattengezücht zu fällen.
Die Ogier zerschmetterten die Faust Trolloc, die sie bekämpft hatten, und schlugen sie in die Flucht. Elaynes Soldaten rückten vor und blockierten den Rest der Horde, und mehrere Hundert Ogier zogen sich in Mats Richtung zurück. Darunter auch etliche seanchanische Ogier – die sogenannten Gärtner. Mat hatte dazu keinen Befehl gegeben. Die beiden Gruppen kämpften zusammen, schienen jetzt aber kaum einen Blick füreinander übrigzuhaben.
Jeder der Ogier, ob Mann oder Frau, hatte zahllose Schnitte an Armen und Beinen davongetragen. Sie hatten keinerlei Rüstung am Leib, aber viele der Schnitte erschienen oberflächlich, als hätte ihre Haut die Festigkeit von Rinde.
Loial kam zu Mat und den Totenwächtern herüber und schulterte die Axt. Seine Hosen waren bis zu den Oberschenkeln dunkel verfärbt, als wäre er durch Rotwein gewatet. »Mat«, sagte er und holte tief Luft. »Wir haben getan, worum du uns batest, haben hier gekämpft. Kein Trolloc kam an uns vorbei.«
»Das habt ihr gut gemacht, Loial«, erwiderte Mat. »Vielen Dank.«
Er wartete auf die Erwiderung. Zweifellos etwas Langatmiges und Eifriges. Loial stand da und atmete ein und aus, mit Lungen, die genug Luft aufnehmen konnten, um einen ganzen Raum zu füllen. Keine Worte. Die anderen, die sich zu ihm gesellten und von denen viele wesentlich älter waren, hatten ebenfalls nichts zu sagen. Ein paar trugen Fackeln. Die Sonne war hinter dem Horizont versunken. Jetzt lag die Nacht vor ihnen.
Stumme Ogier. Also das war wirklich seltsam. Aber Ogier im Krieg … so etwas hatte Mat noch nie zuvor gesehen. In den ganzen Erinnerungen, die nicht seine eigenen waren, kam so etwas nicht vor.
»Ich brauche euch«, sagte er. »Wir müssen dieser Schlacht eine Wendung geben, oder wir sind erledigt. Kommt schon.«
»Der Hornbläser befiehlt!«, brüllte Loial. »Die Äxte hoch!«
Mat zuckte zusammen. Falls er jemals jemanden brauchte, der für ihn eine Nachricht von Caemlyn nach Cairhien brüllte, wusste er, wen er fragen musste. Aber vermutlich würde man sie dann noch bis oben zur Fäule hören.
Er trieb Pips an, und die Ogier umringten ihn und die Totenwächter. Die Ogier hielten mühelos mit ihrem Tempo mit.
»Höchsterlauchter«, sagte Karede. »Ich und die Meinen haben den Befehl …«
»An der Front zu sterben. Ich arbeite daran, Karede, verdammt. Hättet Ihr bitte die Freundlichkeit, Euch im Moment nicht das Schwert in den Bauch zu rammen?«
Die Miene des Mannes verdüsterte sich, aber er schwieg.
»Euch ist schon klar, dass sie Euch nicht wirklich tot sehen will«, sagte Mat. Mehr konnte er dazu nicht sagen, ohne den Plan zu enthüllen, wie sie zurückgeholt werden sollte.
»Wenn mein Tod der Kaiserin, möge sie ewig leben, dient, dann gebe ich ihn ihr mit Freude.«
»Verflucht, Karede, Ihr seid einfach nur verrückt«, erwiderte Mat. »Leider bin ich das auch. Ihr seid also in guter Gesellschaft. Ihr da! Wer führt diese Truppe an?«
Sie hatten die hinteren Reihen erreicht, wo sich die Reserve der Drachenverschworenen, die Verwundeten und diejenigen, die sich von ihrem Einsatz an der Front ausruhten, befanden.
»Mein Lord?«, sagte einer der Kundschafter. »Das dürfte Lady Tinna sein.«
»Holt sie«, sagte Mat. In seinem Kopf klapperten die Würfel. Außerdem verspürte er einen Lockruf aus dem Norden, als würden ein paar Fäden um seine Brust ihn in diese Richtung zerren.
Nicht jetzt, Rand. Ich bin verflucht beschäftigt.
Es bildeten sich keine Farben, sondern bloß Schwärze. Dunkler als das Herz eines Myrddraal. Der Lockruf wurde stärker.
Mat verwarf die Vision. Nicht! Jetzt!
Er hatte hier zu tun. Er hatte einen Plan. Beim Licht, hoffentlich funktionierte er.
Tinna erwies sich als ein hübsches Mädchen, wesentlich jünger als erwartet, hochgewachsen und kräftig. Sie trug ihr langes braunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, obwohl an einigen Stellen die Locken hervorlugten. Sie steckte in Hosen und hatte, nach dem Schwert am Gürtel und dem dunklen Trolloc-Blut an den Ärmeln zu urteilen, an den Kämpfen teilgenommen.
Sie kam angeritten und musterte ihn von Kopf bis Fuß. »Ihr habt Euch endlich an uns erinnert, Lord Cauthon?« Ja, sie erinnerte ihn an Nynaeve, keine Frage.
Mat schaute zur Anhöhe. Das Feuergefecht zwischen Aes Sedai und Sharanern hatte sich in ein wildes Chaos verwandelt.
Du solltest dort lieber siegen, Egwene. Ich verlasse mich auf dich.
»Euer Heer«, sagte Mat und blickte Tinna an. »Wie man mir sagte, haben sich eurer Streitmacht ein paar Aes Sedai angeschlossen?«
»Ein paar«, antwortete sie vorsichtig.
»Seid Ihr eine?«
»Nein. Jedenfalls nicht genau.«
»Nicht genau? Was soll das denn heißen? Hört zu, Frau, ich brauche ein Wegetor. Wenn wir das nicht bekommen, könnte diese Schlacht verloren gehen. Bitte sagt mir, dass wir hier ein paar Machtlenkerinnen haben, die mich an den Ort bringen können, wo ich sein muss.«
Tinnas Lippen verzogen sich zu einem schmalen Strich. »Ich will Euch nicht verärgern, Lord Cauthon. Alte Gewohnheiten erzeugen starke Fesseln, und ich habe gelernt, von gewissen Dingen nicht zu sprechen. Ich wurde aus der Weißen Burg verwiesen wegen … Eben aus komplizierten Gründen. Es tut mir leid, aber ich kenne das Gewebe für das Reisen nicht. Ich weiß aber genau, dass die meisten, die sich uns anschlossen, zu schwach sind, um dieses Gewebe weben zu können. Dazu braucht man eine bedeutende Menge der Einen Macht, wozu viele nicht fähig sind, die …«
»Ich kann eines weben.«
Eine Frau in einem roten Kleid erhob sich von den Verwundeten, wo sie anscheinend mit Heilen beschäftigt gewesen war. Sie war dünn und knochig und hatte eine saure Miene, aber Mat war so froh, sie zu sehen, dass er sie hätte küssen können. Zwar hätte man da genauso gut kaputtes Glas küssen können. Aber er hätte es trotzdem getan.
»Teslyn!«, rief er. »Was macht Ihr denn hier?«
»Ich glaube, ich kämpfe in der Letzten Schlacht«, erwiderte sie und wischte sich die Hände ab. »Tun wir das nicht alle?«
»Aber bei den Drachenverschworenen?«
»Nach meiner Rückkehr fühlte ich mich in der Weißen Burg nicht gerade wohl«, sagte sie. »Sie hat sich verändert. Ich ergriff die sich hier bietende Gelegenheit, denn dieser Bedarf übertrifft andere. Ihr braucht also ein Wegetor? Wie groß?«
»Genug, um so viele dieser Truppen wie möglich zu verlegen, die Drachenverschworenen, die Ogier und dieses Banner Kavallerie von der Bande der Roten Hand«, sagte Mat.
»Ich brauche einen Zirkel, Tinna«, sagte Teslyn. »Und ich will nichts davon hören, dass Ihr die Macht nicht lenken könnt; ich spüre es in Euch, und sämtliche früheren Bündnisse und Versprechungen sind hier für uns gebrochen. Holt die anderen Frauen zusammen. Wo gehen wir hin, Cauthon?«
Mat grinste. »Auf die Anhöhe.«
»Die Anhöhe?«, wiederholte Karede. »Aber Ihr habt sie zu Beginn der Schlacht aufgegeben! Ihr habt sie dem Schattengezücht überlassen!«
»Ja, habe ich.«
Und jetzt … jetzt hatte er die Gelegenheit, das zu beenden. Elaynes Streitkräfte hielten den Fluss, Egwene kämpfte im Westen … Er musste den Nordabschnitt der Anhöhe erobern. Da die Seanchaner nun weg und der größte Teil seiner Truppen beschäftigt waren, wusste er genau, dass Demandred eine starke Streitmacht aus Sharanern und Trollocs quer über das Plateau nach Nordosten schicken würde, damit sie dort den Hang hinunter und dann über das Flussbett marschierten und Elaynes Verbänden in den Rücken fielen. Die Heere des Lichts würden eingekreist und Demandreds Gnade ausgeliefert sein. Seine einzige Chance lag darin, die gegnerischen Truppen trotz ihrer überlegenen Zahl daran zu hindern, ihre derzeitige Position zu verlassen. Beim Licht. Es hatte wenig Aussicht auf Erfolg, aber manchmal musste man den einzigen Pfeil nehmen, den man hatte.