Die Frau fiel auf die Knie und senkte den Kopf. »Ich … ja.«
Egwene formte das Gewebe für den Behüterbund. Leilwin stand auf, sah plötzlich weniger erschöpft aus und holte tief Luft. Egwene öffnete ein Wegetor zur anderen Seite des Raumes, dann benutzte sie ihre schlagartig erfolgte Kenntnis dieses Zimmers, um ein weiteres zu dem Ort zu öffnen, an dem ihre Leute kämpften. Explosionen, Schreie und der klirrende Aufprall von Waffen auf Schilden drang aus der Öffnung.
Egwene betrat wieder das Schlachtfeld, und sie brachte den Zorn der Amyrlin mit.
Demandred war ein Klingenmeister. Galad war davon ausgegangen, aber er zog es vor, seine Annahmen einer Prüfung zu unterziehen.
Die beiden tänzelten im Kreis der zusehenden Sharaner vor und zurück. Galad trug eine leichte Rüstung, ein Kettenhemd unter dem Wappenrock, und bewegte sich schneller. Die miteinander verwobenen Münzen Demandreds waren schwerer als eine normale Rüstung, boten aber einen guten Schutz gegen eine Klinge.
»Du bist besser als dein Bruder«, sagte Demandred. »Er starb schnell.«
Der Mann versuchte, Galad in Rage zu bringen. Damit scheiterte er. Eiskalt und vorsichtig griff Galad an. ›Der Höfling tippt mit dem Fächer‹. Demandred reagierte mit etwas, das große Ähnlichkeit mit ›Der Falke stößt herab‹ hatte, und wehrte Galads Angriff ab. Der Verlorene trat zurück und ging den Rand des Kreises mit seitlich ausgestrecktem Schwert entlang. Anfangs hatte er viel geredet. Jetzt machte er nur noch gelegentlich eine höhnische Bemerkung.
Sie umkreisten einander in der Dunkelheit, die von den Fackeln der Sharaner erleuchtet wurde. Eine Umdrehung. Zwei.
»Macht schon«, sagte Demandred. »Ich warte.«
Galad schwieg. Jeder Augenblick, den er herausschlagen konnte, war ein Augenblick weniger, in dem Demandred Vernichtung auf Elayne oder ihre Heere herabregnen ließ. Der Verlorene schien das ebenfalls zu begreifen, denn er kam schnell näher. Drei Schläge: nach unten, zur Seite, Rückhand. Galad erwiderte jeden Hieb, ihre Arme waren wie ein Schemen.
Eine Bewegung von der Seite. Es war ein Stein, den Demandred mit der Macht schleuderte. Nur mit Mühe konnte Galad ihm ausweichen, dann hob er das Schwert gegen die nächsten Hiebe. Wütende, von oben nach unten geführte Schläge, ›Der Keiler stürmt bergab‹, krachten gegen Galads Klinge. Er hielt stand, konnte aber nicht die folgende Drehung der Klinge verhindern, die in seinen Unterarm schnitt.
Demandred trat zurück, und Galads Blut tropfte von seinem Schwert. Wieder umkreisten sie einander, beobachteten einander. Warmes Blut floss am Arm herunter in Galads Handschuh. Auch ein kleiner Blutverlust konnte einen Mann langsamer machen und ihn schwächen.
Galad atmete ein und aus, ließ jeden Gedanken und jede Sorge los. Als Demandred erneut angriff, sah er es voraus, trat zur Seite und schlug mit beiden Händen nach unten, schnitt tief in das Leder hinter Demandreds Knieschutz. Das Schwert glitt von der Rüstung ab, richtete aber trotzdem Schaden an. Als Galad zurückwich, hinkte Demandred.
Der Verlorene verzog das Gesicht. »Du hast mich bluten lassen«, sagte er. »Es ist sehr lange her, dass das jemandem gelang.«
Unter Galad bäumte sich plötzlich der Boden auf. Verzweifelt machte er einen Satz nach vorn, auf Demandred zu, und zwang ihn, das Machtlenken einzustellen, wenn er nicht selbst stürzen wollte. Der Verlorene grunzte und schwang die Klinge, aber Galad befand sich innerhalb der gegnerischen Deckung.
Zu nahe, um richtig ausholen zu können, rammte Galad den Schwertknauf in Demandreds Gesicht. Sein Gegner fing die Hand ab, packte sie am Gelenk. Aber da krallte er schon die Finger der anderen Hand in den Helm und versuchte, ihn dem Verlorenen über die Augen zu ziehen. Er grunzte. Keiner von ihnen ließ los, und so standen sie in stummem Ringen reglos da.
Dann riss der Muskel in dem durch den Schnitt verletzten Arm. Er tat es mit einem widerwärtigen Laut, den Galad deutlich hörte. Tauben Fingern entglitt die Klinge, sein Arm verkrampfte sich, und Demandred stieß ihn zurück und schlug blitzschnell zu.
Galad fiel auf die Knie. Sein rechter Arm landete vor ihm auf dem Boden – am Ellbogen abgetrennt.
Keuchend trat Demandred zurück. Er war besorgt gewesen. Gut. Galad hielt seinen blutenden Stumpf umklammert, dann spuckte er dem Verlorenen vor die Füße.
Demandred schnaubte, dann schwang er erneut das Schwert.
Alles wurde schwarz.
Androl hatte das Gefühl, vergessen zu haben, wie frische Luft schmeckte. Um ihn herum qualmte und bebte das Land, hing dichter Rauch im Wind und trug den Gestank brennender Körper heran.
Er und die anderen waren auf dem Plateau zur Westseite marschiert und suchten weiter nach Taim. Hier kämpfte ein großer Teil der sharanischen Armee mit den Soldaten der Weißen Burg.
Gruppen Machtlenker zogen von der einen oder anderen Seite Feuer auf sich, daher durchquerte Androl die schreckliche Landschaft allein. Tief geduckt trat er über aufgewühlte Stellen aus qualmender Erde hinweg und versuchte wie ein Verwundeter zu erscheinen, der sich in Sicherheit brachte. Noch immer trug er Nensens Gesicht, aber in seiner verkrümmten Haltung spielte das keine große Rolle.
Er verspürte einen heftigen Stich von Pevara, die sich allein in der Nähe bewegte.
Was ist los?, dachte er in ihre Richtung. Seid Ihr wohlauf?
Einen angespannten Augenblick später kamen ihre Gedanken. Mir geht es gut. Ein paar Sharaner jagten mir einen Schrecken ein. Ich konnte sie davon überzeugen, dass ich auf ihrer Seite bin, bevor sie angriffen.
Es ist ein Wunder, dass hier überhaupt jemand Freund und Feind unterscheiden kann, erwiderte Androl. Er hoffte, dass Emarin und Jonneth unversehrt waren. Die beiden waren zusammen aufgebrochen, aber wenn sie …
Androl erstarrte. Durch die Rauchschwaden erblickte er einen Kreis aus Trollocs voraus, die etwas beschützten. Sie standen auf einem Felsvorsprung, der wie die Sitzfläche eines Stuhls über den Hang hinausragte.
In der Hoffnung, einen Blick riskieren zu können, schlich Androl weiter.
Androl! Pevaras Stimme in seinem Kopf ließ ihn beinahe aus der Haut fahren.
Was?
Ihr wart wegen etwas alarmiert. Ich reagierte auf Euch.
Er nahm ein paar beruhigende Atemzüge. Ich habe etwas entdeckt. Einen Augenblick.
Tatsächlich kam er nahe genug heran, um in dem Kreis Machtlenken zu fühlen. Er wusste nicht, ob …
Die Trollocs wichen auseinander, als jemand einen Befehl brüllte. Mishraile schaute aus dem Kreis, dann runzelte er die Stirn. »Es ist bloß Nensen!«
Androls Herz schlug schneller.
Ein Mann in Schwarz wandte sich von seiner Betrachtung der Schlacht ab. Taim. In Händen hielt er eine dünne Scheibe, schwarz und weiß. Mit dem Daumen rieb er darüber, während er den Blick über das Schlachtfeld schweifen ließ, und lachte höhnisch, als würde er die schwächeren Machtlenker verachten, die überall um ihn herum kämpften.
»Und?«, fauchte er Androl an, drehte sich um und schob die Scheibe in einen Beutel an seinem Gürtel.
»Ich sah Androl«, sagte Androl, während sich seine Gedanken überschlugen. Beim Licht, die anderen erwarteten, dass er näher kam. Das tat er dann auch, ging an den Trollocs vorbei, begab sich auf direktem Weg in den Rachen der Bestie. Falls er nahe genug herankommen konnte … »Ich folgte ihm eine Weile.« Nensen sprach immer mit rauer, knirschender Stimme, und Androl gab sich alle Mühe, sie nachzumachen. Pevara hätte die Stimme in das Gewebe einfügen können, hatte sie aber nicht gut genug gekannt.
»Der ist mir doch egal! Narr. Was tut Demandred?«
»Ich begegnete ihm«, sagte Androl. »Es gefiel ihm nicht, dass ich dort drüben war. Er hat mich zurück zu Euch geschickt und gesagt, sollte er auch nur einen von uns außerhalb dieser Position sehen, würde er uns töten.«
Androl …, sagte Pevara besorgt. Er hatte keine Konzentration dafür übrig, ihr jetzt zu antworten. Er musste sich mit allen Kräften bemühen, nicht am ganzen Leib zu zittern, als er nahe an Taim herantrat.