»Ich glaube, ich bin ein verdammter Trolloc«, rief Arganda. »Haben diese Grenzländer entschieden, sich uns anzuschließen?«
Lan Mandragoran salutierte im Fackelschein, sein Schwert funkelte silbrig. »Wir sind hier, um zu kämpfen.«
Arganda nickte.
»Gut«, sagte Lan leise vom Sattel. »Ich habe soeben Berichte empfangen, dass sich dort oben eine große sharanische Streitmacht in nordöstlicher Richtung bewegt. Mir ist klar, dass sie sich in den Rücken unserer Leute setzen wollen, die am Fluss gegen die Trollocs kämpfen; dann wären wir umzingelt und ihrer Gnade ausgeliefert. Sieht so aus, als wäre es unsere Aufgabe, das zu verhindern.«
Er wandte sich Tam zu. »Bogenschützen, seid ihr bereit, sie für uns weichzuklopfen?«
»Ich glaube, das schaffen wir.«
Lan nickte, dann hob er das Schwert. Ein Malkieri an seiner Seite stieß den Goldenen Kranich in die Höhe. Und dann galoppierten sie einfach den Hang hinauf. Ein gewaltiges feindliches Heer kam ihnen entgegen, formiert zu breiten Reihen. Tausende Fackeln erhellten den Himmel.
Tam al’Thor brüllte seinen Männern zu, Aufstellung zu nehmen und die Bögen zu spannen. »Schießt!«, rief Tam, und sie schickten den Sharanern Pfeilsalven entgegen.
Dann wurde der Beschuss erwidert, da sich der Abstand zwischen beiden Heeren verringert hatte. Arganda vermutete, dass Bogenschützen in der Dunkelheit nicht so zielsicher waren wie am Tag – aber das würde für beide Seiten gelten.
Die Männer von den Zwei Flüssen entfesselten eine Woge des Todes, Pfeile so schnell wie vom Himmel stoßende Falken.
»Aufhören!«, brüllte Tam seinen Männern zu. Sie stellten ihren Beschuss in genau dem Augenblick ein, in dem Lans Kavallerie die zerschossenen feindlichen Linien erreichte.
Wo hat Tam bloß seine Schlachterfahrung her? Arganda dachte an die Gelegenheiten, bei denen er Tam hatte kämpfen sehen. Er hatte erfahrene Generäle gekannt, die auf einem Schlachtfeld bedeutend weniger Geschick bewiesen hatten als dieser Schafhirte.
Die Grenzländer zogen sich zurück und ließen Tam und seine Männer weitere Pfeile abschießen. Dann gab Arganda ein Signal.
»Los geht’s!«, rief er seinen Fußsoldaten zu. »Alle Kompanien – vorwärts!«
Der abwechselnde Angriff der Bogenschützen und der schweren Kavallerie war machtvoll, aber sobald der Feind seine Verteidigung eingerichtet hatte, würde die Wirkung begrenzt sein. Bald würden die Sharaner einen soliden Wall aus Schilden und Speeren errichtet haben, um Reiter und Bogenschützen abzuwehren. Da kam die Infanterie ins Spiel.
Arganda nahm seinen Streitkolben – diese Sharaner trugen Kettenhemden und Leder –, hob ihn und führte seine Männer nach oben. Er vertrat dem Feind den Weg, der wieder vorrückte. Tams Truppe setzte sich aus Weißmänteln, Ghealdanern, Perrins Wolfsgarde und der Geflügelten Wache von Mayene zusammen, aber sie betrachtete sich als eine Armee. Noch vor sechs Monaten hätte Arganda beim Grab seines Vaters geschworen, dass solche Männer niemals gemeinsam kämpfen würden – geschweige denn einander zu Hilfe eilen würden, wie es die Wolfsgarde getan hatte, als die Weißmäntel überrannt wurden.
An der Seite der Sharaner waren heulende Trollocs zu hören. Beim Licht! Auch noch Trollocs?
Arganda schwang seinen Streitkolben, bis sein Arm brannte, dann wechselte er die Hand und schlug weiter, brach Knochen und zerschmetterte Hände und Arme, bis Mächtigs Fell blutbefleckt war.
Plötzlich zuckten vom entgegengesetzten Ende der Anhöhe Lichtblitze auf die Andoraner in der Tiefe zu. Arganda war völlig im Kampf versunken und bemerkte es kaum, aber etwas in seinem Inneren wimmerte. Demandred musste seinen Angriff wieder aufgenommen haben.
»Ich habe deinen Bruder besiegt, Lews Therin!« Die Stimme hallte so laut wie ein Gewitterdonnern über das Schlachtfeld. »Er stirbt jetzt, verblutet!«
Arganda ließ Mächtig zurücktänzeln und drehte sich um, als ein gewaltiger Trolloc mit einem fast menschlichen Gesicht den verwundeten Sharaner neben sich zur Seite stieß und blökte. Blut strömte aus einer klaffenden Wunde an seiner Schulter, aber er schien es nicht zu bemerken. Er hob einen an einer kurzen Kette befestigten Flegel, dessen Kopf wie ein mit Nägeln gespickter Holzscheit aussah.
Der Flegel krachte direkt neben Mächtig in den Boden und ließ das Pferd scheuen. Während Arganda um die Kontrolle kämpfte, trat der riesige Trolloc vor und schlug mit der freien Hand zu, donnerte eine schinkengroße Faust gegen Mächtigs Kopf. Das Pferd brach zusammen.
»Interessierst du dich nicht für das Fleisch dieser Geburt?«, donnerte Demandred in der Ferne. »Hast du keine Liebe für den Mann, der dich Bruder nannte, diesen Mann in Weiß?«
Mächtigs Kopf war wie ein Ei zersplittert. Seine Beine zuckten noch immer. Arganda kam wieder auf die Füße. Er konnte sich nicht daran erinnern, von dem zusammenbrechenden Pferd gesprungen zu sein, aber sein Instinkt hatte ihn gerettet. Unglücklicherweise hatte sein Sprung ihn von seinen Leibwächtern entfernt, die gegen eine Gruppe Sharaner kämpften.
Seine Männer rückten vor, und der Feind wurde langsam zurückgedrängt. Aber er hatte keine Zeit, sich das anzusehen. Der Trolloc hatte ihn erreicht. Arganda umklammerte seinen Streitkolben und schaute zu der Bestie hoch, die den Flegel über dem Kopf schwang und über das sterbende Pferd stieg.
Noch nie hatte sich Arganda so klein gefühlt.
»Feigling!«, brüllte Demandred. »Du bezeichnest dich als Retter dieses Landes? Ich beanspruche diesen Titel! Stell dich mir! Muss ich erst deinen Verwandten töten, um dich aus deinem Versteck zu locken?«
Arganda holte tief Luft, dann sprang er vorwärts. Vermutlich rechnete der Trolloc damit zuletzt. Tatsächlich verfehlte ihn der Hieb der Bestie. Arganda landete einen soliden Treffer gegen ihre Seite, der Streitkolben traf die Hüfte und zerschmetterte Knochen.
Dann traf ihn die Kreatur mit dem Handrücken. Arganda sah ein weißes Licht aufblitzen, und der Lärm der Schlacht verblich. Schreie, trampelnde Füße, Rufe. Schreie und Rufe. Rufe und Schreie … Vergessen.
Etwas später – er vermochte nicht zu sagen, wie viel Zeit verstrichen war – hob ihn jemand vom Boden auf. Der Trolloc? Er blinzelte und wollte seinem Mörder noch mindestens ins Gesicht spucken, nur um zu entdecken, dass er hinter al’Lan Mandragoran in den Sattel gehoben wurde.
»Ich lebe noch?«, sagte Arganda. Ein pulsierender Schmerz auf der linken Seite unterrichtete ihn darüber, dass er tatsächlich noch lebte.
»Ihr habt einen Großen gefällt, Ghealdaner«, sagte Lan und trieb sein Pferd zum Galopp in Richtung der rückwärtigen Linien an. Die anderen Grenzländer ritten mit ihnen, wie Arganda sah. »Der Trolloc traf Euch in seinen Todeszuckungen. Ich hielt Euch für tot, aber ich konnte Euch nicht holen, bevor wir sie zurückgedrängt hatten. Wir wären in arge Bedrängnis geraten, hätte dieses andere Heer die Sharaner nicht überrascht.«
»Andere Heer?«, sagte Arganda und rieb sich den Arm.
»Cauthon hatte ein Heer auf der Nordseite der Anhöhe in Bereitschaft. Allem Anschein nach Drachenverschworene und ein Banner Kavallerie, vermutlich von der Bande. Als Ihr mit diesem Trolloc gerungen habt, stürmten sie gegen die linke Flanke der Sharaner und sprengten sie auseinander. Sie werden eine Weile brauchen, um sich wieder zu sammeln.«
»Licht!« Arganda stöhnte. Er wusste, dass sein linker Arm gebrochen war. Nun, er lebte. Für den Augenblick reichte das. Er schaute zu den Frontlinien, wo seine Soldaten noch immer ihre Reihen hielten. Königin Alliandre ritt in ihrer Mitte auf und ab und machte ihnen Mut. Licht! Er wünschte sich, sie wäre bereit gewesen, in dem Lazarett in Mayene zu dienen.
Im Augenblick herrschte hier Ruhe – die Sharaner waren schwer genug getroffen worden, um sich zurückzuziehen und offenes Gelände zwischen den gegnerischen Heeren zu hinterlassen. Vermutlich hatten sie nicht mit einem so energischen Angriff gerechnet.