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Türen hatten keine Schlösser. Münzen waren eine beinahe vergessene Exzentrizität. Machtlenker halfen dabei, Nahrung für jedermann zu erschaffen. Rand kam an einem Fenster nach Tar Valon vorbei, wo die Aes Sedai jeden Heilten, der darum bat, und Wegetore erschufen, damit Menschen, die sich liebten, zusammenfinden konnten. Jeder hatte alles, was er brauchte.

Neben dem nächsten Fenster zögerte er. Es zeigte Rhuidean. Hatte diese Stadt je in einer Wüste gestanden? Die Wüste blühte von Shara bis Cairhien. Und hier sah Rand die Chorafelder durch das Fenster – ein ganzer Wald von ihnen umgab die sagenumwobene Stadt. Auch wenn er ihre Worte nicht verstehen konnte, sah er doch Aiel singen.

Keine Waffen mehr. Keine Speere, die tanzten. Die Aiel waren wieder Menschen des Friedens.

Er ging weiter. Bandar Eban, Ebou Dar, die Länder der Seanchaner, Shara. Jede Nation war vertreten, allerdings machten sich die Menschen dieser Zeit nicht viel aus Grenzen. Ein weiteres Relikt. Wen interessierte es schon, wer in welcher Nation lebte, und warum sollte man versuchen, Land zu »besitzen«? Es war genug für alle da. Das Erblühen der Wüste hatte Platz für neue Städte und neue Wunder geöffnet. Viele der Fenster gaben Ausblick auf Orte, die ihm unbekannt waren, allerdings freute es ihn, dass die Zwei Flüsse so majestätisch aussahen; beinahe, als wäre Manetheren wiederauferstanden.

Das letzte Fenster ließ ihn innehalten. Es schaute auf ein Tal hinaus, das einst das Verdorbene Land gewesen war. Dort erhob sich nur eine einzelne Steinplatte, wo vor langer Zeit ein Leichnam verbrannt worden war. Sie war mit Leben überwuchert: Schlingpflanzen, Gras, Blumen. Eine haarige Spinne von der Größe einer Kinderfaust huschte über den Stein.

Rands Grab. Der Ort, an dem man nach der Letzten Schlacht seinen Körper verbrannt hatte. Er blieb eine lange Weile vor diesem Fenster stehen, bevor er sich schließlich dazu zwang, weiterzugehen und die Galerie zu verlassen, um in den Palastgarten zu treten. Diener waren hilfreich, wann immer er sie ansprach. Niemand fragte ihn, warum er die Königin sehen wollte.

Er ging davon aus, dass sie von vielen Menschen umgeben sein würde. Falls jeder mit der Königin sprechen konnte, würde das nicht ihre ganze Zeit in Anspruch nehmen? Aber als er sich ihr näherte, saß sie allein unter dem Geäst des Chorabaums des Palastes.

Das hier war eine Welt ohne Sorgen. Eine Welt, wo Menschen ihre Meinungsverschiedenheiten mühelos bereinigten. Eine Welt des Gebens, nicht des Streites. Was würde jemand von der Königin brauchen?

Elayne war so wunderschön wie in dem Augenblick, als sie das letzte Mal auseinandergegangen waren. Natürlich war sie nicht länger schwanger. Seit der Letzten Schlacht waren hundert Jahre vergangen. Sie schien keinen Tag gealtert zu sein.

Rand ging auf sie zu und warf einen Blick auf die Gartenmauer, von der er einst heruntergefallen war, und zwar ihr genau vor die Füße. Damals hatte er sie kennengelernt. Dieser Garten war ganz anders, aber die Mauer gab es noch immer. Sie hatte die Vernichtung Caemlyns überstanden und auch den Anbruch eines neuen Zeitalters.

Elayne sah ihn an. Ihre Augen weiteten sich, und sie schlug die Hand vor den Mund. »Rand?«

Er richtete den Blick auf sie, die Hand auf den Knauf von Lamans Schwert gelegt. Warum hatte er es mitgebracht?

Elayne lächelte. »Soll das ein Streich sein? Tochter, wo bist du? Willst du mich wieder mit der Spiegelmaske auf den Arm nehmen?«

»Es ist kein Trick, Elayne«, sagte Rand und ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder, damit ihre Köpfe auf gleicher Höhe waren. Er sah ihr in die Augen.

Etwas stimmte nicht.

»Oh! Aber wie kann das sein?«, rief sie.

Das war nicht Elayne … oder doch? Ihre Stimme schien irgendwie nicht zu passen, ihre kleinen Eigenheiten stimmten nicht. Konnte sie sich so sehr verändert haben? Immerhin waren hundert Jahre vergangen.

»Elayne?«, fragte er. »Was ist mit dir geschehen?«

»Geschehen? Nichts, warum? Der Tag ist großartig, wunderbar. Wunderschön und friedlich. Wie sehr es mir doch gefällt, in meinem Garten zu sitzen und die Sonne zu genießen.«

Rand runzelte die Stirn. Dieser einfältige Tonfall, diese nichtssagenden Worte … Elayne war nie so gewesen.

»Wir werden ein Fest veranstalten!«, rief Elayne und klatschte in die Hände. »Ich werde Aviendha einladen! Es ist ihre freie Woche, wo sie nicht singen muss, obwohl sie vermutlich in der Kinderkrippe arbeitet. Sie arbeitet dort immer freiwillig.«

»In der Kinderkrippe?«

»In Rhuidean. Jeder spielt so gern mit den Kindern, dort wie hier. Es gibt einen großartigen Wettbewerb, sich um die Kinder zu kümmern! Aber wir verstehen die Notwendigkeit, sich darin abzuwechseln.«

Aviendha. Die sich um Kinder kümmerte und Chorabäume besang. Eigentlich war daran nichts Falsches. Warum sollte sie sich nicht an solchen Aktivitäten erfreuen?

Aber auch das war falsch. Er war fest davon überzeugt, dass Aviendha eine wunderbare Mutter abgeben würde, aber sich vorzustellen, wie sie den ganzen Tag mit den Kindern anderer Leute spielte …

Rand blickte in Elaynes Augen, blickte tief in sie hinein. Dahinter lauerte ein Schatten. Oh, es war ein unschuldiger Schatten, aber trotzdem ein Schatten. Er war wie … wie …

Wie der Schatten in den Augen der Leute, die mit der Macht zum Dunklen König Umgedreht worden waren.

Rand sprang auf die Füße und stolperte zurück. »Was hast du getan?«, brüllte er in den Himmel. »Shai’tan! Antworte mir!«

Elayne legte den Kopf schief. Sie fürchtete sich nicht. An diesem Ort gab es keine Furcht. »Shai’tan? Ich könnte schwören, ich erinnere mich an diesen Namen. Es ist so lange her. Manchmal bin ich richtig vergesslich.«

»SHAI’TAN!«, brüllte Rand.

ICH HABE GAR NICHTS GETAN, WIDERSACHER. DIE STIMME WAR LEISE. DAS IST DEINE SCHÖPFUNG.

»Unsinn!«, rief Rand. »Du hast sie verändert! Du hast sie alle verändert!«

HAST DU GEGLAUBT, DASS ES SIE UNBERÜHRT LÄSST, WENN DU MICH AUS IHREM LEBEN ENTFERNST?

Die Worte erschütterten Rand. Entsetzt trat er zurück, als Elayne offensichtlich um ihn besorgt aufstand. Ja, jetzt sah er es, das Ding hinter ihren Augen. Sie war nicht sie selbst … weil er ihr die Fähigkeit geraubt hatte, sie selbst zu sein.

ICH VERWANDLE MÄNNER IN MICH, sagte Shai’tan. DAS IST WAHR. SOBALD ICH SIE AUF DIESE WEISE ZU MEINEM GEFOLGE GEMACHT HABE, KÖNNEN SIE NICHT DAS GUTE WÄHLEN. AUF WELCHE WEISE UNTERSCHEIDET SICH DAS HIER DAVON, WIDERSACHER?

WENN DU DAS TUST, SIND WIR EINS.

»Nein!«, schrie Rand, hielt sich den Kopf und fiel auf die Knie. »Nein! Ohne dich wäre die Welt perfekt!«

PERFEKT. ZU KEINER VERÄNDERUNG FÄHIG. ZERSTÖRT. MACH DAS, WENN DU ES WILLST, WIDERSACHER. INDEM DU MICH TÖTEST, WÜRDE ICH GEWINNEN.

GANZ EGAL, WAS DU AUCH TUST, ICH GEWINNE.

Rand schrie und krümmte sich zusammen, als ihn der nächste Angriff des Dunklen Königs überflutete. Der Albtraum, den er selbst erschaffen hatte, explodierte und ließ Lichtfäden Rauchfahnen gleich in alle Richtungen schießen.

Die Dunkelheit um ihn herum erbebte.

DU KANNST SIE NICHT RETTEN.

Wieder wand sich das glühende Muster um Rand. Das echte Muster. Die Wahrheit dessen, was geschah. Mit der Schöpfung seiner Vision einer Welt ohne Dunklen König hatte er etwas Schreckliches erschaffen. Etwas Furchtbares. Etwas Schlimmeres, als zuvor entstanden wäre.

Der Dunkle König griff erneut an.

Mat zog sich aus dem Nahkampf zurück und legte den Ashandarei auf die Schulter. Karede hatte eine Gelegenheit zum Kampf verlangt – je hoffnungsloser die Situation, umso besser. Nun, eigentlich musste der Mann jetzt hochzufrieden sein. Er hätte tanzen und lachen müssen! Sein Wunsch hatte sich erfüllt. Beim Licht, und wie!

Mat setzte sich auf einen Trolloc-Kadaver, der einzig verfügbare Sitz in der Gegend, und nahm einen großen Schluck aus seinem Wasserbeutel. Er spürte den Puls der Schlacht, ihren Rhythmus. Sein Schlag war verzweifelt. Demandred war schlau. Er war nicht auf Mats Köder an der Furt hereingefallen, wo er ein kleineres Heer aufgestellt hatte. Der Verlorene hatte Trollocs hingeschickt, seine Sharaner aber zurückgehalten. Hätte er die Anhöhe preisgegeben, um Elaynes Heer anzugreifen, hätte Mat seine Verbände von Westen und Nordosten über das Plateau streifen lassen, um den Schatten hinterrücks zu zerschmettern. Jetzt versuchte Demandred, seine Truppen hinter Elaynes Heere zu formieren, und Mat hatte das für den Augenblick verhindert. Aber wie lange konnte er durchhalten?