Ein eisiger Schock durchfuhr Olver, als hätte man ihn in einen Wintersee geworfen. Er bekam keine Luft mehr. Der Myrddraal schien dahinzugleiten, sein Umhang hing reglos und tot, als er die Gruppe umrundete. Nach einem schrecklichen Augenblick bewegte er sich zurück zum Lager.
»Sie suchen nach Machtlenkern«, flüsterte Faile zu Mandevwin.
»Das Licht steh uns bei«, flüsterte der Mann zurück.
Das Warten war beinahe unerträglich. Schließlich schritt eine dicke Frau in weißer Kleidung herbei und webte ein Wegetor. Aravine brüllte sie alle an, auf die Beine zu kommen, dann winkte sie sie durch. Olver stellte sich in die Reihe, ging neben Faile, dann verließen sie das Land der roten Erde und der kalten Luft und betraten einen Ort, der so roch, als stünde er in Flammen.
Sie betraten ein primitives Lager voller Trollocs. In der Nähe brodelten mehrere riesige Kochtöpfe. Direkt hinter dem Lager führte ein steiler Hang zu einem großen Plateau hinauf. Dort oben stiegen Rauchsäulen in die Luft, und von dort und irgendwo von Olvers Linken ertönte Schlachtenlärm. Er wandte sich von dem Hang ab und erblickte in der Ferne den schattenhaften Umriss eines hohen, schmalen Berges, der wie eine Kerze in der Tischmitte aus einer flachen Ebene emporragte.
Er schaute zurück zu dem Hang hinter dem Lager, und sein Herz tat einen Sprung. Ein Körper stürzte in die Tiefe, der noch immer ein Banner in der Hand hielt – ein Banner, das eine große rote Hand zeigte. Die Bande der Roten Hand! Mann und Banner landeten in einer Gruppe Trollocs, die um ein Feuer hockten und brutzelnde Fleischstücke fraßen. Funken flogen in alle Richtungen, und die zornigen Bestien rissen den Eindringling aus den Flammen, aber ihm war schon lange egal, was sie ihm antaten.
»Faile!«, flüsterte er.
»Ich habe es gesehen.« Ihr Bündel verbarg den Beutel mit dem Horn. Mehr zu sich selbst fügte sie hinzu: »Licht! Wie sollen wir nur Mat finden?«
Sie traten zur Seite, als der Rest ihrer Gruppe durch das Tor kam. Sie hatten Schwerter, trugen sie aber zusammengeschnürt wie Pfeile auf dem Rücken, als wären es Güter für das Schlachtfeld.
»Blut und Asche«, flüsterte Mandevwin. Er gesellte sich zu ihnen. In der Nähe wimmerten Gefangene in einem Käfig. »Vielleicht stecken sie uns da rein? Wir könnten uns in der Nacht wegschleichen.«
Faile schüttelte den Kopf. »Sie werden unsere Bündel nehmen. Uns unbewaffnet zurücklassen.«
»Was machen wir dann?«, fragte Mandevwin und warf einen Blick zur Seite, als eine Gruppe Trollocs Leichen vorbeischleifte, die sie an der Front erbeutet hatten. »Kämpfen? Hoffen, dass Lord Mat uns sieht und Hilfe schickt?«
Olver hielt nicht viel von dem Plan. Er wollte kämpfen, aber diese Trollocs waren riesig. Einer ging ganz in der Nähe vorbei, und der Kopf mit den Wolfszügen schwang in Olvers Richtung. Augen, die einem Menschen hätten gehören können, musterten ihn von Kopf bis Fuß, als wäre er hungrig. Olver trat zurück, dann griff er nach seinem Bündel, in dem er sein Messer versteckt hatte.
»Wir fliehen«, flüsterte Faile, sobald der Trolloc weg war. »Verteilt euch in einem Dutzend verschiedener Richtungen, versucht sie damit zu verwirren. Vielleicht schaffen es ein paar von uns, hier zu entkommen.« Sie runzelte die Stirn. »Wo bleibt denn Aravine?«
Sie hatte noch nicht ausgesprochen, als Aravine durch das Tor schritt. Die Frau in Weiß, die die Macht gelenkt hatte, folgte ihr, und Aravine zeigte auf Faile.
Etwas riss Faile in die Luft. Olver keuchte auf, Mandevwin fluchte, warf sein Bündel zu Boden und tastete nach seinem Schwert, während Arrela und Selande aufschrien. Alle drei wurden Augenblicke später von Geweben in die Luft gerissen, und Aiel mit roten Schleiern rannten mit gezückten Waffen aus dem Tor.
Chaos folgte. Ein paar von Failes Soldaten starben, als sie versuchten, sich mit den Fäusten zu wehren. Olver warf sich zu Boden und suchte fieberhaft nach seinem Messer, aber als er die Finger um den Griff schloss, war das Scharmützel schon vorbei. Die anderen waren entweder überwältigt oder mit Luft gefesselt.
So schnell, dachte Olver verzweifelt. Warum hatte ihn nie jemand gewarnt, dass Kämpfe so schnell verliefen?
Anscheinend hatte man ihn vergessen, aber er wusste nicht, was er tun sollte.
Aravine trat auf Faile zu, die noch immer in der Luft hing. Was geschah hier? Aravine … sie hatte sie verraten?
»Es tut mir leid, meine Lady«, sagte Aravine zu Faile. Olver konnte ihre Worte kaum verstehen. Niemand schenkte ihm auch nur die geringste Aufmerksamkeit; die Aiel stießen die Soldaten zu einer Gruppe zusammen, die sie bewachen konnten. Mehr als nur ein paar von ihnen lagen blutend am Boden.
Faile bäumte sich in der Luft auf, ihr Gesicht lief vor Anstrengung rot an. Offensichtlich war sie geknebelt. In so einem Augenblick hätte sie niemals geschwiegen.
Aravine schnallte das Bündel von Failes Rücken, dann suchte sie den Beutel mit dem Horn. Sie öffnete ihn und schaute hinein. Ihre Augen weiteten sich. Sie zog die Schnur des Verschlusses wieder zu und drückte den Beutel an die Brust. »Ich hatte so gehofft, mein altes Leben hinter mir zu lassen«, flüsterte sie zu Faile. »Noch einmal von vorn anzufangen. Ich glaubte, mich verbergen zu können oder dass man mich vergessen würde, dass ich zurück ins Licht kommen könnte. Aber der Große Herr vergisst nicht, und niemand kann sich vor ihm verstecken. Sie fanden mich in der Nacht, in der wir Andor erreichten. Das wollte ich nicht, aber ich muss es tun.«
Aravine wandte sich ab. »Ein Pferd!«, rief sie. »Ich werde diesen Beutel Lord Demandred persönlich übergeben, wie man mir befahl.«
Die Frau in Weiß trat zu ihr, und die beiden fingen an, sich in gedämpftem Ton zu streiten. Olver blickte sich um. Niemand beachtete ihn.
Seine Finger fingen an zu zittern. Er hatte gewusst, dass Trollocs groß waren und dass sie hässlich waren. Aber … das waren Albtraumgestalten. Überall um ihn herum waren Albträume. O Licht!
Was würde Mat tun?
»Dovie’andi se tovya sagain«, flüsterte Olver und zog das Messer aus der Scheide. Mit einem Aufschrei warf er sich auf die Frau in Weiß und rammte ihr die Klinge unten in den Rücken.
Sie schrie auf. Faile löste sich aus ihren Fesseln aus Luft und fiel zu Boden. Und dann brachen die Gefangenenkäfige auf, und eine Gruppe brüllender Männer stürmte in die Freiheit.
»Hebt sie höher!«, rief Doesine. »Und zwar verdammt schnell!«
Leane gehorchte, webte mit den anderen Schwestern Erde. Vor ihnen erbebte der Boden, zog sich wie ein verrutschter Teppich zusammen. Sie vollendeten ihr Werk, dann benutzten sie den Hügel als Deckung, als oben vom Hang Feuer in die Tiefe regnete.
Doesine führte die bunt zusammengewürfelte Gruppe an. Ungefähr ein Dutzend Aes Sedai, eine Handvoll Behüter und Soldaten. Die Männer umklammerten ihre Waffen, aber in letzter Zeit hatten die sich ungefähr als so nützlich erwiesen wie ein Laib Brot. In der Luft knisterte die Macht. Das improvisierte Bollwerk bebte, als die Sharaner es mit Feuer eindeckten.
Leane hielt die Eine Macht umklammert und warf einen Blick über die Deckung. Sie hatte sich von ihrer Begegnung mit dem Verlorenen Demandred erholt. Es war eine erschütternde Erfahrung gewesen – er hatte sie völlig in seiner Gewalt gehabt, und ihr Leben hätte jeden Augenblick ausgelöscht werden können. Die Intensität seiner geifernden Tiraden hatte sie ebenfalls verstört; so etwas wie seinen Hass auf den Wiedergeborenen Drachen hatte sie noch nie erlebt.
Eine Gruppe Sharaner bewegte sich den Hang hinunter und schleuderte Gewebe auf das provisorische Bollwerk. Leane schnitt einen Strang aus der Luft wie ein Feldscher fauliges Fleisch. Sie war viel schwächer in der Einen Macht als früher.
Sie musste nun viel effizienter Macht lenken. Es war erstaunlich, was eine Frau alles mit weniger erreichen konnte.