Das Bollwerk explodierte.
Leane warf sich zur Seite, als Erdklumpen herabregneten. Hustend rollte sie sich durch die Rauchschwaden und klammerte sich an Saidar fest. Es waren diese sharanischen Männer! Sie konnte ihre Gewebe nicht wahrnehmen. Sie rappelte sich auf. Die Explosion hatte ihr Kleid zerrissen, ihre Arme waren voller Kratzer. In einer nahen Erdspalte schimmerte etwas Blaues. Doesine. Sie eilte zu ihr.
Sie fand den Körper der Frau dort. Aber nicht ihren Kopf.
Ein beinahe überwältigendes Gefühl von Trauer und Verlust überfiel Leane. Doesine und sie hatten sich nicht nahegestanden, aber sie hatten hier zusammen gekämpft. Der Verlust, die Zerstörung – es zermürbte Leane. Wie viel konnte sie noch davon ertragen? Wie viele musste sie noch sterben sehen?
Mühsam riss sie sich zusammen. Beim Licht, das war eine Katastrophe. Feindliche Schattenlords hatten sie erwartet, aber da waren Aberhunderte von diesen Sharanern. Die Machtlenker einer ganzen Nation, alle für den Krieg gedrillt. Das Schlachtfeld war mit hellen Farbflecken übersät, alles tote Aes Sedai. Ihre Behüter stürmten den Hügel empor und brüllten den Zorn über den Verlust ihrer Aes Sedai heraus, während sie von der Macht niedergemäht wurden.
Leane stolperte zu einer Gruppe Roter und Grüner, die aus einem ausgehöhlten Graben auf dem Westhang kämpften. Im Augenblick beschützte sie das Gelände, aber wie lange konnten diese Frauen durchhalten?
Trotzdem verspürte sie Stolz. In der Unterzahl und überfordert kämpften die Aes Sedai weiter. Das hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der Nacht, in der die Seanchaner angegriffen hatten, als eine gespaltene Burg von innen zerbrochen worden war. Diese Frauen hielten stand; wurde eine Gruppe auseinandergetrieben, sammelte sie sich wieder und kämpfte weiter. Feuer fiel vom Himmel, aber genauso viel flog zurück, und Blitze schlugen auf beiden Seiten ein.
Leane suchte sich behutsam einen Weg zu der Gruppe und kam zu Raechin Connoral, die neben einem Felsen kauerte, während sie Feuer auf die vorrückenden Sharaner schleuderte. Leane hielt nach feindlichen Geweben Ausschau, dann wehrte sie eines mit einem schnellen Strang Wasser ab, das den Feuerball zu winzigen Funken zerfallen ließ.
Raechin nickte ihr zu. »Und dabei glaubte ich immer, Ihr wärt zu nichts mehr nütze, außer Männern schöne Augen zu machen.«
»Die Kunst der Domani liegt darin, sein Ziel zu erreichen«, sagte Leane kühl, »mit so wenig Aufwand wie möglich.«
Raechin schnaubte und schleuderte noch ein paar neue Feuerbälle auf den Feind. »Da sollte ich Euch demnächst um Rat fragen«, sagte sie. »Falls es eine Möglichkeit gibt, Männer dazu zu bringen, das zu tun, was man will, würde ich das sehr gern wissen.«
Die Vorstellung war so absurd, dass Leane trotz der schrecklichen Umstände beinahe lachen musste. Eine Rote? Die sich schminkte und die Domani-Kunst der Manipulation erlernte? Nun, warum nicht?, dachte Leane und wehrte den nächsten Feuerball ab. Die Welt veränderte sich, und die Ajahs veränderten sich mit ihr – wenn auch nur auf subtile Weise.
Der Widerstand der Schwestern erregte die Aufmerksamkeit von weiteren sharanischen Machtlenkern. »Wir werden diese Position bald aufgeben müssen«, sagte Raechin.
Leane nickte bloß.
»Diese Sharaner …«, knurrte die Rote. »Seht Euch das an!«
Leane keuchte. Zuvor hatten sich viele der gegnerischen Soldaten in diesem Abschnitt zurückgezogen – etwas schien sie weggelockt zu haben –, aber die Machtlenker hatten sie durch eine große Gruppe verängstigter Menschen ersetzt und trieben sie zur vordersten Linie, damit sie die Angriffe abfingen. Viele trugen Stöcke oder Werkzeuge, um damit zu kämpfen, aber sie hielten die Waffen völlig eingeschüchtert und blieben dicht zusammen.
»Blut und verdammte Asche«, stieß Raechin aus, was Leane eine Augenbraue heben ließ. Die Rote webte weiter und versuchte Blitze hinter die Reihen der verängstigten Leute zu schicken. Trotzdem wurden viele von ihnen getroffen. Leane verspürte Übelkeit, beteiligte sich aber an den Angriffen.
Während sie arbeiteten, kroch Manda Wan zu ihnen. Rußverschmiert sah die Grüne schrecklich aus. Vermutlich sehe ich nicht anders aus, dachte Leane und schaute auf ihre zerkratzten und mit Asche verschmierten Arme.
»Wir ziehen uns zurück«, sagte Manda. »Vielleicht müssen wir Wegetore einsetzen.«
»Um wohin zu gehen?«, fragte Leane. »Wollen wir den Kampf aufgeben?«
Schweigen kehrte ein. Nein. Von diesem Kampf gab es keinen Rückzug. Entweder sie siegten, oder es war zu Ende.
»Wir sind hier zu zersplittert«, sagte Manda. »Wir müssen zumindest zurückfallen, um uns neu zu gruppieren. Wir müssen die Frauen zusammenbringen, und das ist das Einzige, was mir einfällt. Es sei denn, Ihr hättet eine bessere Idee.«
Manda sah Raechin an. Leane war nun zu schwach in der Macht, als dass ihre Meinung viel Gewicht gehabt hätte. Sie fing an, Gewebe vom Himmel zu holen, während sich die beiden flüsternd unterhielten. In der Nähe zogen sich die Aes Sedai aus der Bodenvertiefung zurück und wichen den Hang hinunter. Sie würden sich neu gruppieren, ein Wegetor zum Dasharfels weben und zu entscheiden versuchen, was sie als Nächstes tun sollten.
Moment. Was war das? Leane spürte starkes Machtlenken in der Nähe. Hatten sich die Sharaner zu einem Zirkel verknüpft? Sie kniff die Augen zusammen; mittlerweile war die Nacht hereingebrochen, aber genug von der Gegend brannte, um für Licht zu sorgen. Es gab auch viel Qualm. Leane webte Luft, um den Rauch aus dem Weg zu wehen, aber er teilte sich von selbst, wie von einem mächtigen Wind gespalten.
Egwene al’Vere schritt an ihnen vorbei den Hang hinauf und leuchtete mit der Macht von hundert Leuchtfeuern. Das war mehr, als Leane je eine Frau hatte halten gesehen. Die Amyrlin ging mit ausgestreckter Hand, die einen Stab hielt. Egwenes Augen schienen zu glühen.
Licht und Macht pulsierten aus ihr, als sie ein Dutzend verschiedene Feuergewebe schleuderte. Ein Dutzend. Sie peitschten über ihnen auf den Hügel ein, schleuderten sharanische Machtlenker in die Luft.
»Manda«, sagte Leane, »ich glaube, wir haben einen besseren Sammelpunkt für Euch gefunden.«
Talmanes entflammte an einer Laterne einen Zweig, mit dem er seine Pfeife anzündete. Er nahm einen Zug, fing an zu husten und klopfte den Pfeifenkopf auf dem Felsboden aus. Irgendwie war der Tabak verdorben. Ekelhaft. Er hustete und zermahlte den ungenießbaren Tabak mit dem Absatz.
»Alles in Ordnung, mein Lord?«, fragte Melten, der gerade vorbeiging und mit der rechten Hand zwei Hämmer jonglierte.
»Ich bin noch immer verdammt lebendig«, erwiderte Talmanes. »Was viel mehr ist, als ich erwarten dürfte.«
Melten nickte ausdruckslos und ging weiter, gesellte sich zu einer der Gruppen, die an den Drachen arbeiteten. In der tiefen Höhle hallte das Schlagen der Hämmer auf Holz, da die Bande ihr Bestes tat, um die Waffen zu flicken. Talmanes klopfte gegen die Laterne, schätzte den Ölstand ein. Es roch schrecklich, während es verbrannte, aber daran gewöhnte man sich. Er reichte noch für ein paar Stunden.
Das war gut, da diese Höhle seines Wissens keine Ausgänge auf das Schlachtfeld über ihm hatte. Sie war allein durch ein Wegetor zugänglich. Irgendein Asha’man hatte davon gewusst. Seltsamer Bursche. Was war das für ein Mann, der Höhlen kannte, die nur mit der Einen Macht zu erreichen waren?
Wie dem auch sei, die Bande war hier unten gefangen, an einem sicheren, wenn auch abgeschnittenen Ort. Mats Botschaften brachten nur bruchstückhafte Informationen.
Talmanes strengte die Ohren an, weil er zu hören glaubte, wie sich über ihnen die Machtlenker bekämpften, aber das war reine Einbildung. Das Land war stumm, und diese uralten Steine hatten seit der Zerstörung der Welt kein Licht mehr gesehen, falls überhaupt.
Talmanes schüttelte den Kopf und ging zu einer der Arbeitsgruppen. »Wie geht es voran?«