Dennel deutete auf ein paar Seiten, die Aludra ihm gegeben hatte, Anweisungen, wie man diesen Drachen reparieren musste. Die Frau selbst unterwies eine andere Gruppe. Ihre Stimme hallte durch den Raum.
»Die meisten Rohre sind in Ordnung«, sagte Dennel. »Wenn man mal darüber nachdenkt, sind sie dazu gemacht, etwas Feuer und eine gelegentliche Explosion zu überstehen …« Er kicherte, dann verstummte er und sah Talmanes an.
»Lasst Euch von meinem Ausdruck nicht die gute Laune verderben«, meinte Talmanes und steckte die Pfeife weg. »Lasst Euch auch nicht davon stören, dass wir am Ende der Welt kämpfen, dass unsere Heere weit unterlegen sind und unsere Seelen im Falle einer Niederlage vom Dunklen König alles Bösen vernichtet werden.«
»Es tut mir leid, mein Lord.«
»Das war ein Scherz.«
Dennel blinzelte. »Das?«
»Ja.«
»Das war ein Scherz?«
»Ja.«
»Ihr habt einen bemerkenswerten Sinn für Humor, mein Lord.«
»Das höre ich nicht zum ersten Mal.« Talmanes beugte sich vor und musterte den Drachenkarren. Das angesengte Holz wurde von Schrauben und zusätzlichen Brettern zusammengehalten. »Das sieht nicht sehr zweckmäßig aus.«
»Es wird funktionieren, mein Lord. Allerdings werden wir nicht schnell manövrieren können. Die Rohre selbst sind ganz gut davongekommen, aber die Karren … Nun, wir haben mit dem Nachschub aus Baerlon und den Resten getan, was wir konnten, aber in der uns zur Verfügung stehenden Zeit können wir nicht mehr tun.«
»Aber die Zeit haben wir nicht«, sagte Talmanes. »Lord Mat könnte uns jeden Augenblick rufen.«
»Wenn sie dort oben noch leben«, sagte Dennel und schaute zur Decke.
Ein beunruhigender Gedanke. Die Bande könnte ihre letzten Tage hier unten verbringen – gefangen. Wenigstens würden es nicht mehr viele Tage sein. Entweder die Welt endete, oder der Bande würde der Proviant ausgehen. Er reichte keine Woche. Hier begraben. In der Dunkelheit.
Verdammte Asche, Mat. Du solltest dort oben besser nicht verlieren. Besser nicht! Die Bande hatte noch immer Kampfgeist in sich. Sie würden das Ende nicht hier unten erleben und verhungern.
Talmanes hielt die Laterne hoch und wollte gehen, aber dann fiel ihm etwas auf. Die an den Drachen arbeitenden Soldaten warfen einen verzerrten Schatten an die Wand, der aussah wie ein Mann mit einem weiten Umhang und einem Hut, der sein Gesicht unkenntlich machte.
Dennil folgte seinem Blick. »Beim Licht. Sieht aus, als würden wir vom Schwarzen Mann selbst beobachtet, oder?«
»In der Tat«, sagte Talmanes. Dann rief er mit lauterer Stimme: »Hier ist es viel zu still! Männer, ein Lied!«
Ein paar Soldaten hielten inne. Aludra richtete sich auf, stemmte die Hände in die Hüften und blickte ihn missbilligend an.
Also fing Talmanes selbst an.
Schweigen.
Dann fielen sie ein:
Ihre lauten Stimmen hallten von den Steinwänden wider, und sie bereiteten sich mit wildem Eifer auf die Rolle vor, die sie spielen würden.
Und sie würden sie spielen. Talmanes würde dafür sorgen. Selbst wenn sie sich in einem Sturm aus Drachenfeuer den Weg aus dieser Gruft sprengen mussten.
Olver stach auf die Frau in Weiß ein, und Failes Fesseln lösten sich auf. Sie stürzte zu Boden, stolperte, blieb aber aufrecht. Mandevwin landete fluchend neben ihr.
Aravine. Beim Licht, Aravine. Zurückhaltend, sorgfältig und fähig. Aravine war eine Schattenfreundin.
Sie hatte das Horn.
Aravine warf einen Blick auf die zusammengesunkene Aes Sedai, die Olver angegriffen hatte, dann verfiel sie in Panik, schnappte sich das Pferd, das ein Diener gebracht hatte, und sprang in den Sattel.
Faile rannte auf sie zu, als die Gefangenen aus den Käfigen kamen, sich auf die Trollocs stürzten und an ihre Waffen zu kommen versuchten. Sie hatte Aravine fast erreicht, als die Frau losgaloppierte und das Horn mitnahm. Sie hielt auf den weniger steilen Teil des Hangs zu, der ihr erlauben würde, nach oben auf die Polov-Anhöhe zu reiten.
»Nein!«, schrie Faile. »Aravine! Tut das nicht!« Sie rannte ihr hinterher, erkannte dann aber, dass das sinnlos war.
Ein Pferd. Sie brauchte ein Pferd. Hektisch blickte sie sich um und entdeckte die paar Lasttiere, die sie durch das Tor gebracht hatten. Faile rannte zu Bela, schnitt den Sattel ab – mitsamt seiner Last. Sie sprang auf den Rücken der Stute und packte die Zügel, dann trieb sie sie an.
Die zottelige Stute galoppierte hinter Aravine her, und Faile duckte sich tief über ihren Rücken. »Lauf, Bela«, rief sie. »Falls du je Kraft aufgespart hast, jetzt ist der Augenblick gekommen, sie zu benutzen. Bitte. Lauf, Mädchen. Lauf!«
Bela galoppierte über den zertrampelten Boden, und der Donner aus der Höhe untermalte ihr Hufgetrappel. Das Lager des Schattengezüchts war ein Ort der Dunkelheit, nur von Kochfeuern und vereinzelten Fackeln erhellt. Faile hatte das Gefühl, durch einen Albtraum zu reiten.
Voraus stürmten ein paar Trollocs herbei, um ihr den Weg zu versperren. Faile beugte sich noch tiefer und betete zum Licht, dass sie sie verfehlten, wenn sie angriffen. Bela wurde langsamer, und dann jagten zwei Reiter mit Lanzen an Failes Seiten vorbei. Einer durchbohrte den Hals eines Trollocs, aber der andere Reiter verfehlte sein Ziel. Doch sein Pferd schleuderte die Kreatur zur Seite und machte den Weg frei. Bela galoppierte zwischen den verblüfften Trollocs vorbei und holte die beiden vorausreitenden Männer ein. Der eine war ziemlich fett, der andere schlank. Harnan und Vanin.
»Ihr beiden!«, brüllte Faile.
»Hallo, meine Lady!«, erwiderte Harnan und lachte.
»Aber wie?«, brüllte sie ihnen über den Huflärm zu.
»Wir ließen uns von einer Karawane finden«, brüllte Harnan zurück, »und gefangen nehmen. Sie brachten uns vor ein paar Stunden durch ein Wegetor zurück, und wir halfen den Gefangenen, die Vorbereitungen zur Flucht zu treffen. Eure Ankunft verschaffte uns die nötige Gelegenheit.«
»Das Horn! Ihr wolltet das Horn stehlen!«
»Nein«, rief Harnan.« Wir wollten etwas von Mats Tabak stehlen!«
»Ich glaubte, Ihr hättet ihn vergraben, um ihn zurückzulassen!«, brüllte Vanin von der anderen Seite. »Mat wäre es egal gewesen. Außerdem schuldet er mir ohnehin ein paar Mark! Als ich diesen Beutel öffnete und das verfluchte Horn von Valere fand … verfluchte Asche! Ich wette, mein Aufschrei war noch in Tar Valon zu hören!«
Faile stöhnte und stellte sich die Szene vor. Der Schrei, den sie gehört hatte, war ein Schrei der Überraschung gewesen, und er hatte das Bärenwesen zum Angriff gereizt.
Nun, dieser Augenblick war vorbei. Sie klammerte sich mit den Knien an Bela fest und trieb das Pferd an. Voraus galoppierte Aravine zwischen den Trollocs und eilte auf die Stelle zu, wo der Steilhang weniger abschüssig wurde. Sie brüllte den Trollocs wild zu, ihr zu helfen. Aber die dahinjagenden Pferde waren schneller als jeder Tiermensch.
Demandred. Aravine hatte verkündet, das Horn einem der Verlorenen zu bringen. Faile stöhnte leise, beugte sich noch weiter vor, und wunderbarerweise ließ Bela Vanin und Harnan hinter sich zurück. Sie fragte sich nicht, wo die beiden ihre Pferde herhatten. Sie richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Schattenfreundin.
Im Lager ertönte ein Schrei. Vanin und Harnan rissen ihre Pferde herum, um Reiter abzufangen, die auf Faile zuhielten. Sie lenkte Bela zur Seite, drängte sie, über einen Ausrüstungsstapel zu springen, und ritt mitten durch eine Gruppe von Leuten in seltsamer Kleidung, die an einem kleinen Feuer etwas aßen. Sie brüllten ihr mit schweren Akzenten etwas hinterher.