Androl zögerte, dann streckte er die Hand aus und nahm die Nadel andächtig in Empfang.
»Und die Siegel?«, fragte Pevara mit verschränkten Armen. »Sie gehören der Weißen Burg; die Amyrlin ist ihre Wächterin.«
»Nach allem, was ich gehört habe, ist die Amyrlin so gut wie tot«, erwiderte Logain. »In ihrer Abwesenheit bin ich ein guter Verwalter.« Er ergriff die Quelle, unterwarf sie seinem Willen. Dann öffnete er ein Wegetor auf das Plateau.
Der Krieg prallte ihm mit voller Macht entgegen, die Verwirrung, der Rauch und die Schreie. Er trat durch die Öffnung, und die anderen folgten ihm. Demandreds energisches Machtlenken strahlte wie ein Leuchtfeuer, die dröhnende Stimme des Mannes verhöhnte noch immer den Wiedergeborenen Drachen.
Rand al’Thor war nicht hier. Nun, Logain kam ihm am nächsten. Ein weiterer Ersatz. »Ich werde mit ihm kämpfen«, teilte er den anderen mit. »Gabrelle, du bleibst zurück und wartest auf meine Rückkehr, denn ich könnte Heilung brauchen. Der Rest von euch kümmert sich um Taims Männer und diese Sharaner. Lasst keinen Mann leben, der zum Schatten übergelaufen ist, ob nun freiwillig oder gezwungen. Führt die einen der Gerechtigkeit zu und die anderen der Gnade.«
Sie nickten. Gabrelle schien von ihm beeindruckt zu sein, vielleicht wegen seiner Entscheidung, gegen das Herz des Feindes loszuschlagen. Sie begriff es nicht. Nicht einmal einer der Verlorenen konnte so mächtig sein, wie es Demandred scheinbar war.
Demandred verfügte über ein Sa’angreal, und zwar ein mächtiges. Mit einer ähnlichen Macht wie Callandor, vielleicht sogar noch stärker. In Logains Händen würden sich damit auf dieser Welt viele Dinge ändern. Die Welt würde ihn und die Schwarze Burg kennen, und sie würde vor ihm zittern, und zwar auf eine Weise, wie es der Amyrlin-Sitz niemals zustande gebracht hatte.
Egwene führte einen Angriff an, wie man ihn seit Jahrtausenden nicht mehr gesehen hatte. Die Aes Sedai verließen ihre Deckung und schlossen sich ihr an, stiegen ohne innezuhalten den Westhang hinauf. Gewebe flogen durch die Luft wie vom Sturmwind erfasste Spitzenschleifen.
Das Licht von tausend Blitzen sprengte den Himmel, der Boden erbebte und ächzte unter den Einschlägen. Demandred schlug noch immer von der anderen Seite der Anhöhe auf die Andoraner ein, und jeder Strahl Baalsfeuer schickte kleine Wellen durch die Luft. Schwarze Spinnweben spalteten den Boden, aber nun stiegen aus den Rissen rankenförmige Schwaden aus etwas Verderblichem empor. Es kroch wie eine Krankheit über die zerborstenen Steine des Hangs.
Die Macht knisterte in der Luft, die Kraft war so dicht, dass Egwene beinahe glaubte, die Eine Macht wäre für alle sichtbar geworden. Während der ganzen Zeit zog sie durch Voras Sa’angreal so viel Kraft in sich hinein, wie sie halten konnte. Sie fühlte sich wie bei dem Kampf gegen die Seanchaner, nur dass sie eine größere Kontrolle hatte. Damals war ihr Zorn von Verzweiflung und Entsetzen durchmischt gewesen.
Dieses Mal war er glühend heiß, wie ein Stück Metall, das der Schmied zu lange erhitzt hatte, um es noch bearbeiten zu können.
Ihr, Egwene al’Vere, war der Schutz dieses Landes anvertraut worden.
Sie war der Amyrlin-Sitz und würde sich nicht länger vom Schatten herumstoßen lassen.
Sie würde nicht zurückweichen. Sie würde nicht kriechen, wenn ihre Kräfte versagten.
Sie würde kämpfen.
Sie lenkte Luft und webte einen tosenden Sturm aus Staub, Rauch und toten Pflanzen. Sie hielt ihn vor sich und versperrte jenen den Blick, die sie aus der Höhe ausmachen wollten. Um sie herum schlugen Blitze ein, aber sie webte Erde, grub tief in die Felsen und ließ verflüssigtes Eisen emporspritzen, das neben ihr zu einer spitzen Säule erstarrte. Die Blitze schlugen dort ein und verfehlten sie, während sie den Wirbelsturm die Steigung hinaufschickte.
Neben ihr war eine Bewegung. Leilwin kam näher. Diese Frau … diese Frau hatte sich als treu erwiesen. Was für eine Überraschung. Eine neue Behüterin zu haben verringerte keineswegs die Verzweiflung über Gawyns Tod, aber es half auf andere Weise. Ein neuer, zutiefst anderer und doch schockierend loyaler Knoten ersetzte den alten in ihrem Bewusstsein.
Egwene hob Voras Sa’angreal und setzte ihre Angriffe fort, erklomm den Hang, Leilwin an ihrer Seite. Voraus duckten sich Sharaner und ertrugen die Sturmwinde. Egwene traf sie mit schmalen Feuerstreifen. Machtlenker versuchten sie durch den Wirbelsturm anzugreifen, aber Staub peitschte ihnen in die Augen und ließ die Gewebe fehlschlagen. Drei Soldaten griffen von der Seite an, aber Leilwin machte sie augenblicklich nieder.
Egwene benutzte den Sturm wie Hände, schaufelte die Machtlenker zusammen und warf sie in die Luft. Die Blitze rissen die Männer in eine feurige Umarmung, und qualmende Leichen stürzten den Hang hinunter. Egwene ging voraus, und ihr Heer aus Aes Sedai rückte vor und schleuderte Gewebe wie Pfeile aus Licht.
Asha’man gesellten sich zu ihnen. Zuvor hatten sie immer mal wieder an der Seite der Weißen Burg gekämpft, aber jetzt schienen sie sich alle festgelegt zu haben. Dutzende Männer versammelten sich, während sie vorausging. Die Luft schien durch die Eine Macht zu glühen.
Schlagartig verstummte der Wind.
Unvermittelt erstarb der Staubsturm, als hätte man eine Kerze mit einer Decke erstickt. Dafür war keine natürliche Kraft verantwortlich. Egwene stieg auf einen aus dem Boden ragenden Stein und schaute zu einem Mann in Schwarz und Rot hinauf, der mit ausgestreckter Hand oben am Hang stand. Endlich hatte sie den Mann aus der Deckung gelockt, der diese Streitmacht anführte. Seine Schattenlords kämpften an der Seite der Sharaner, aber sie suchte ihren Anführer. Taim. M’Hael.
»Er webt Blitze!«, schrie ein Mann hinter ihr.
Sofort ließ Egwene eine Säule aus geschmolzenem Eisen aus dem Boden schießen und kühlte sie ab, damit sie den einen Augenblick später einschlagenden Blitz ablenken konnte. Sie warf einen Blick zur Seite. Der Mann, der sie gewarnt hatte, war Jahar Narishma, Merises Asha’man-Behüter.
Egwene lächelte und blickte zu Taim hoch. »Haltet die anderen von mir fern«, befahl sie laut. »Alle bis auf Narishma und Merise. Narishmas Warnungen werden sich als nützlich erweisen.«
Sie sammelte ihre Kraft und schleuderte dem Verräter M’Hael einen Sturm entgegen.
Auf dem Schlachtfeld unweit der Ruinen suchte sich Ila einen Weg vorbei an den Toten. Obwohl sich der Kampf flussabwärts verlagert hatte, hörte sie die Explosionen und fernen Schreie in der Nacht.
Sie suchte nach den Verletzten unter den Gefallenen und ignorierte Pfeile und Schwerter, wenn sie sie fand. Die würden andere einsammeln, auch wenn sie sich wünschte, dass das nicht nötig sein würde. Schwerter und Pfeile hatten so viel Tod gebracht.
In der Nähe war Raen zugange, ihr Mann. Er stieß jeden Körper an, dann suchte er nach einem Herzschlag. Seine Handschuhe waren mit roten Flecken übersät, seine bunte Kleidung voller Blut, weil er das Ohr auf die Brust der Gefallenen legte. Sobald sie sich vergewissert hatten, dass jemand tot war, malten sie ihm ein X auf die Wange, oft mit dem Blut des betreffenden Leichnams. Das würde den anderen unnötige Arbeit ersparen.
Raen schien im vergangenen Jahr ein Jahrzehnt gealtert zu sein, und Ila hatte das gleiche Gefühl. Meistens war der Weg des Blattes ein anspruchsloser Herr, der für ein Leben der Freude und des Friedens sorgte. Aber ein Blatt fiel in einer sanften Brise und im Sturm; die Hingabe verlangte, dass man Letzteres genau wie das Erstere akzeptierte. Von einem Land ins nächste getrieben zu werden, an Hunger zu leiden, während das Land starb, dann schließlich in den Ländern der Seanchaner Zuflucht zu finden … das war ihr Leben gewesen.
Nichts davon war so schlimm wie der Verlust Arams. Das hatte viel mehr geschmerzt, als seine Mutter an die Trollocs zu verlieren.