Sie kamen an Morgase vorbei, der einstigen Königin, die diese Arbeiter organisierte und ihnen Befehle gab. Ila ging weiter. Sie hatte nicht viel für Königinnen übrig. Sie hatten nie etwas für sie oder ihr Volk getan.
In der Nähe blieb Raen stehen und hob die Laterne, um einen vollen Köcher Pfeile zu untersuchen, den ein Soldat getragen hatte, als er gefallen war. Ila zischte und hob die Röcke, um über Leichen zu steigen und an die Seite ihres Mannes zu gelangen. »Raen!«
»Friede, Ila«, sagte er. »Ich habe keineswegs vor, ihn aufzuheben. Und doch macht es mich nachdenklich.« Er schaute zu den fernen Lichtblitzen flussabwärts und auf dem Plateau, wo die Heere ihr schreckliches Morden fortsetzten. So oft leuchtete es in der Nacht auf, als würden Hunderte Blitze einschlagen. Mitternacht war lange vorbei. Schon seit Stunden suchten sie auf diesem Feld nach Überlebenden.
»Es macht dich nachdenklich?«, fragte Ila. »Raen …«
»Was sollten sie denn machen? Trollocs werden sich nicht dem Weg des Blattes anschließen.«
»Es gibt noch genug Platz zum Weglaufen«, erwiderte Ila. »Sieh sie dir doch an. Sie traten an, um den Trollocs entgegenzutreten, als das Schattengezücht kaum die Fäule verlassen hatte. Wäre dieser ganze Aufwand darauf verwendet worden, die Menschen zu versammeln und in den Süden zu bringen …«
»Die Trollocs wären ihnen gefolgt«, meinte Raen. »Und was dann, Ila?«
»Wir haben vielen Herren gedient«, sagte sie. »Der Schatten hätte uns vermutlich schlecht behandelt, aber wäre das wirklich so viel schlimmer gewesen, als uns die Menschen behandeln?«
»Ja«, sagte Raen leise. »Ja, Ila. Es wäre schlimmer. Viel, viel schlimmer.«
Sie blickte ihn an.
Seufzend schüttelte er den Kopf. »Ich werde den Weg des Blattes nicht aufgeben, Ila. Es ist mein Weg, und er ist richtig für mich. Aber … vielleicht werde ich nicht mehr ganz so schlecht über jene denken, die sich einem anderen Weg verschworen haben. Falls wir diese Zeit überleben, dann ist das das Vermächtnis all jener, die auf diesem Schlachtfeld gestorben sind, ob wir ihr Opfer nun gutheißen oder nicht.«
Er verstummte. Das ist bloß die Finsternis dieser Nacht, dachte sie. Sobald die Sonne wieder scheint, wird er sie überwinden. So wird es sein. Nicht wahr?
Sie schaute in den Nachthimmel. Diese Sonne … Würden sie sie erkennen, wenn sie wieder aufging? Die von den Feuern am Boden beleuchteten Wolken schienen zusehends dichter zu werden. Ila zog das gelbe Schultertuch enger um den Körper, weil sie plötzlich noch mehr fror.
Vielleicht werde ich nicht mehr ganz so schlecht über jene denken, die sich einem anderen Weg verschworen haben …
Sie blinzelte ein paar Tränen fort. »Beim Licht«, flüsterte sie, als sich etwas in ihr zusammenzog. »Ich hätte ihm nicht den Rücken zukehren sollen. Ich hätte ihm helfen sollen, zu uns zurückzukehren, statt ihn zu verstoßen. Licht, o Licht. Nimm ihn in dich auf …«
In der Nähe fand eine Gruppe Söldner die Pfeile und nahm sie. »Hey, Hanlon!«, rief einer. »Seht Euch das an!«
Als die brutalen Männer die Tuatha’an zuerst in ihrer Arbeit unterstützt hatten, war sie stolz auf sie gewesen. Der Schlacht fernzubleiben, um bei der Versorgung der Verwundeten zu helfen? Die Männer hatten über ihre gewalttätige Vergangenheit hinausgesehen.
Jetzt blinzelte sie und sah etwas anderes in ihnen. Feiglinge, die eher die Taschen von Leichen durchstöberten, als zu kämpfen. Was war schlimmer? Die Männer, die, so fehlgeleitet sie auch sein mochten, den Trollocs Widerstand leisteten und sie abzuwehren versuchten? Oder diese Söldner, die sich zu kämpfen weigerten, weil sie diesen Weg bequemer fanden?
Ila schüttelte den Kopf. Sie war stets der Ansicht gewesen, alle Antworten des Lebens zu kennen. Heute entglitten ihr die meisten davon. Aber das Leben eines Menschen zu retten … daran konnte sie sich festklammern.
Sie ging weiter und suchte nach den Lebenden unter den Toten.
Olver drückte das Horn fest an den Leib und kroch zurück unter den Wagen, während Lady Faile losritt. Dutzende Reiter folgten ihr und Hunderte von Trollocs. Es war so dunkel geworden.
Allein. Wieder hatte man ihn alleingelassen.
Er kniff fest die Augen zusammen, aber das richtete nicht viel aus. In der Ferne konnte er noch immer Männer schreien und rufen hören. Er roch noch immer das Blut der Gefangenen, die bei ihrem Fluchtversuch vom Schattengezücht getötet worden waren. Über dem Blut lag dichter Rauch, der im Hals kratzte. Als stünde die ganze Welt in Flammen.
Der Boden erbebte, als wäre in der Nähe etwas außerordentlich Schweres eingeschlagen. Donner grollte am Himmel, begleitet von scharfen Peitschenschlägen, als unaufhörlich Blitze auf der Anhöhe einschlugen. Olver wimmerte.
Für wie tapfer hatte er sich doch gehalten. Und jetzt hockte er hier, endlich mitten in der Schlacht. Und konnte kaum seine Hände am Zittern hindern. Verstecken wollte er sich, sich tief im Boden eingraben.
Faile hatte ihm befohlen, ein anderes Versteck zu finden, weil sie auf der Suche nach dem Horn vermutlich zurückkehren würden.
Wagte er es, diesen Ort zu verlassen? Wagte er es hierzubleiben? Mühsam öffnete er die Augen einen Spaltbreit und hätte beinahe aufgeschrien. Zwei Beine, die in Hufen endeten, standen vor dem Karren. Im nächsten Augenblick beugte sich ein Gesicht mit einer Schnauze herab und starrte ihn an, Knopfaugen verengten sich, Nüstern blähten sich.
Olver schrie auf, robbte mit fest umklammertem Horn rückwärts. Der Trolloc schrie etwas, stieß den Karren um und schleuderte ihn um ein Haar auf Olver. Die Pfeilladung verteilte sich über den ganzen Boden, während er auf die Beine kam und losrannte. Zu einem sicheren Ort.
Den gab es aber nicht. Dutzende Tiermenschen wandten sich ihm zu, und sie riefen sich etwas in einer unbekannten Sprache zu. Hektisch schaute er sich um, das Horn in der einen, das Messer in der anderen Hand. Kein Zufluchtsort.
In der Nähe schnaubte ein Pferd. Es war Bela, die Getreide kaute, das aus einem Nachschubkarren gerieselt war. Die Stute hob den Kopf und sah Olver an. Sie trug keinen Sattel, bloß Halfter und Zaumzeug.
Blut und Asche, dachte Olver und rannte auf sie zu, ich wünschte, ich hätte Wind. Diese fette Stute würde ihn mit Sicherheit in einem Kochtopf enden lassen. Er schob das Messer in die Scheide, sprang auf Belas Rücken, packte mit einer Hand die Zügel und drückte mit der anderen das Horn fest an sich.
Der Trolloc mit der Eberschnauze vom Wagen schlug mit seinem Schwert zu und trennte Olver um ein Haar den Arm ab. Olver schrie auf, trieb Bela an, und die Stute galoppierte los. Die Bestien rannten brüllend hinterher. Im ganzen Lager ertönten Rufe; es leerte sich beinahe, als sich alle auf den Jungen stürzten.
Olver ritt, wie man es ihm beigebracht hatte, den Kopf gesenkt, mit den Knien lenkend. Und Bela rannte. Beim Licht, und wie sie rannte! Mat hatte gesagt, dass sich viele Pferde vor Trollocs fürchteten und ihre Reiter abwarfen, falls man sie in ihre Nähe zwang, aber dieses Tier nicht. Es donnerte direkt an den heulenden Trollocs vorbei durch die Lagermitte.
Olver warf einen Blick über die Schulter. Hunderte Bestien verfolgten ihn. »O beim Licht!«
Er hatte Mats Banner oben auf dieser Anhöhe gesehen, da war er sich sicher. Aber es stand so viel Schattengezücht im Weg. Olver lenkte Bela in die Richtung, die Aravine eingeschlagen hatte. Vielleicht konnte er das Lager der Tiermenschen umrunden und auf diesem Weg davonkommen, um die Anhöhe dann von der Rückseite hochzureiten.
Bring Mat das Horn, oder alles ist verloren.
Olver ritt, so gut er konnte, feuerte Bela an.
Es ist kein anderer da.
Eine große Gruppe Trollocs schnitt ihm den Weg ab. Olver wendete und galoppierte zurück, aber aus dieser Richtung kamen sie auch. Olver schrie auf, drehte Bela erneut, aber ein dicker schwarzer Trolloc-Pfeil bohrte sich in ihre Flanke. Sie wieherte laut, stolperte, stürzte.