Nach ihrem Aufstieg stand Egwene oben auf dem Plateau, auf gleicher Höhe mit M’Hael. Irgendwo tief in ihrem Inneren wusste sie, dass ihr Körper bald Ruhe brauchen würde.
Im Augenblick war das ein unerschwinglicher Luxus. Im Augenblick war allein der Kampf wichtig.
Feuer blitzte ihr entgegen, und sie schlug es mit Luft zur Seite. Die Funken fingen sich im Wind und wirbelten in einer hellen Wolke um sie herum, während sie Erde webte. Sie schickte ein Aufbäumen durch den bereits zerstörten Boden und versuchte M’Hael von den Beinen zu holen, aber er zerschnitt das Gewebe.
Er wird langsamer, dachte sie.
Egwene trat vor Macht berstend vor. Sie webte zwei Gewebe, eines über jeder Hand, und schleuderte Feuer auf ihn.
Als Erwiderung schickte er einen Strahl aus purem Weiß, so dünn wie ein Draht, der sie um eine Handbreite verfehlte. Das Baalsfeuer hinterließ ein Nachglühen in ihrem Sichtfeld, und der Boden unter ihnen stöhnte auf, während sich die Luft verzerrte. Überall breiteten sich blitzschnell die Spinnweben aus, Brüche ins Nichts.
»Du Narr!«, schrie sie ihn an. »Du wirst das Muster selbst vernichten!« Ihr Kampf drohte das bereits an. Dieser Wind war nicht natürlich, genauso wenig wie die knisternde Luft. Die Spalten im Boden pflanzten sich von M’Hael aus fort und wurden größer.
»Er webt es schon wieder!«, rief Narishma. Der Sturm erfasste seine Stimme.
M’Hael schickte erneut Baalsfeuer auf den Weg und spaltete den Boden, aber Egwene war bereit. Sie sprang zur Seite, und ihr Zorn loderte auf. Baalsfeuer. Sie musste ihm etwas entgegensetzen!
Ihnen ist egal, was sie zerstören. Sie sind hier, um alles zu vernichten. Das ist der Befehl ihres Herrn. Zerstört. Brennt es nieder. Tötet.
Gawyn …
Sie schrie ihre Wut heraus und webte eine Feuersäule nach der anderen. Narishma rief, was M’Hael tat, aber das Rauschen in ihren Ohren hinderte Egwene daran, es zu verstehen. Aber bald sah sie, dass er eine Barriere aus Luft und Feuer errichtet hatte, um ihre Angriffe abzuwehren.
Sie setzte sich in Bewegung und deckte ihn unaufhörlich mit Geweben ein. Das ließ ihm keine Zeit zur Erholung, keine Zeit anzugreifen. Sie hielt im Rhythmus nur so lange inne, um eine Abschirmung zu weben, die sie bereithielt. Ein von seinem Wall abprallender Feuerstrom ließ M’Hael zurückstolpern, seine Stränge zerfaserten, und er hob die Hand, um vielleicht erneut Baalsfeuer einzusetzen.
Egwene schlug die Abschirmung zwischen ihn und die Quelle. Sie schnitt ihn nicht vollständig ab, denn er stemmte sich mit reiner Willenskraft dagegen. Sie standen sich nun nahe genug gegenüber, dass sie seinen Unglauben und Zorn sehen konnte. Er wehrte sich, war aber schwächer als sie. Egwene drängte weiter, brachte diese Abschirmung immer näher an den unsichtbaren Faden, der ihn mit der Einen Macht verband. Sie zwang sie mit ihrer ganzen Kraft vorwärts …
M’Hael spannte sich an, schickte einen kleinen Strom Baalsfeuer nach oben durch die Lücke, wo die Abschirmung noch nicht zugeschnappt war. Das Baalsfeuer zerstörte das Gewebe – genau wie die Luft und tatsächlich das Muster selbst.
Egwene stolperte zurück, als M’Hael das Gewebe auf sie richtete, aber der glühend heiße Balken war zu klein und zu schwach, um sie zu erreichen. Er verblasste, bevor er traf. M’Hael fauchte, dann verschwand er einfach, verzerrte die Luft mit einer Form des Reisens, die Egwene unbekannt war.
Egwene atmete tief ein, hielt die Hand auf die Brust. Licht! Um ein Haar wäre sie aus dem Muster gelöscht worden.
Er verschwand, ohne ein Wegetor zu weben! Die Wahre Macht. Die einzige Erklärung. Sie wusste so gut wie gar nichts darüber – es war die Essenz des Dunklen Königs, die Verheißung, die im Zeitalter der Legenden die Machtlenker dazu gebracht hatte, die Bohrung überhaupt erst in Angriff zu nehmen.
Baalsfeuer. Licht. Beinahe wäre ich gestorben. Es wäre sogar schlimmer als der Tod gewesen.
Ihr stand keine Möglichkeit zur Verfügung, sich gegen Baalsfeuer zu wehren.
Es ist doch nur ein Gewebe … Nur ein Gewebe. Perrins Worte.
Der Augenblick war vorbei, und M’Hael war geflohen. Sie würde Narishma in ihrer Nähe behalten müssen, damit er sie warnte, wenn ein Mann anfing, die Macht zu lenken.
Es sei denn, M’Hael benutzt wieder die Wahre Macht. Kann ein anderer Mann das überhaupt wahrnehmen?
»Mutter!«
Merise zeigte in die Richtung, in der die meisten Aes Sedai und Asha’man noch immer gegen die sharanischen Streitkräfte kämpften. Viele Schwestern in farbigen Kleidern lagen tot auf dem Hang.
Gawyns Tod suchte ihre Gedanken wie ein Attentäter in Schwarz heim. Egwene biss die Zähne zusammen und fachte ihren Zorn an, füllte sich mit der Einen Macht und stürzte sich auf die Sharaner.
Hurin kämpfte zusammen mit den anderen Grenzländern auf der Polov-Anhöhe, die Nase mit einem Tuch verbunden.
Selbst durch den Stoff roch er den Krieg. So viel Gewalt um ihn herum, der Gestank von Blut und verfaulendem Fleisch. Er klebte am Boden, an seinem Schwert, sogar an seiner Kleidung. Während der Schlacht hatte er sich bereits mehrere Male heftig übergeben müssen.
Trotzdem kämpfte er weiter. Er warf sich zur Seite, als ein Trolloc mit den Zügen eines Bären über die Leichen kroch und auf ihn einschlug. Das Schwert der Bestie ließ den Boden erzittern, und Hurin schrie auf.
Die Kreatur lachte ein unmenschliches Lachen und hielt Hurins Aufschrei für Furcht. Sie machte einen Satz nach vorn, also duckte sich Hurin darunter hinweg und schlitzte ihr im Vorbeigehen den Leib auf. Das Ungeheuer kam stolpernd zum Stehen und sah zu, wie sich seine stinkenden Eingeweide auf den Boden ergossen.
Ich muss Zeit für Lord Rand erkaufen, dachte Hurin und wartete darauf, dass der nächste Trolloc über die Leichen stieg. Sie kamen die Ostseite der Anhöhe hinauf, die Flussseite. Hier war der Hang so steil, dass sie stellenweise beinahe klettern mussten, aber beim Licht, es waren so viele von ihnen.
Kämpf weiter, kämpf weiter.
Lord Rand war zu ihm gekommen, um sich zu entschuldigen. Zu ihm! Nun, er würde dafür sorgen, dass er stolz auf ihn sein konnte. Der Wiedergeborene Drache brauchte die Vergebung eines kleinen Diebefängers nicht, trotzdem hielt sich bei Hurin das Gefühl, als hätte sich die Welt selbst wieder zurechtgerückt. Lord Rand war wieder Lord Rand. Lord Rand würde sie retten, wenn sie ihm nur genug Zeit verschaffen konnten.
Es gab eine Atempause. Er runzelte die Stirn. Die Bestien waren zahllos erschienen. Unmöglich konnten sie alle tot sein. Vorsichtig trat er weiter nach vorn und spähte über die Leichen den steilen Hang hinunter.
Nein, sie waren nicht besiegt. Noch immer schien das Meer der Bestien kein Ende zu nehmen. Die unten brennenden Feuer beleuchteten sie noch immer. Die Trollocs hatten mit ihrem Aufstieg innegehalten, weil sie die Kadaver auf dem Hang aus dem Weg schaffen mussten. Viele davon waren von Tams Bogenschützen niedergemäht worden. Viel weiter darunter kämpfte ein weitaus größeres Heer Trollocs gegen Elaynes Armee am Flussbett.
»Wir sollten ein paar Minuten lang Ruhe haben«, sagte Lan Mandragoran vom Sattel seines Hengstes aus zu den Soldaten. Nicht weit entfernt ritt auch Königin Alliandre und unterhielt sich völlig ruhig mit ihren Männern. Zwei Monarchen in Sichtweite. Sie wussten, wie man Befehle zu geben hatte. Das gab Hurin neue Zuversicht.
»Sie bereiten sich auf einen letzten Sturm vor«, sagte Lan, »einen Ansturm, der uns vom Hang vertreiben soll, damit sie uns hier auf ebenem Boden bekämpfen können. Ruht euch aus, während sie die Kadaver wegräumen. Das Licht schenke euren Schwertern seine Gunst, Freunde. Der nächste Angriff wird der schlimmste sein.« Der nächste Angriff würde der schlimmste sein? Licht!