Noch immer versuchte der Dunkle König ihn zu vernichten. Trotz der Angriffe fühlte sich Rand stark. Entspannt, in sich selbst ruhend. Nun, da seine Last verschwunden war, konnte er wieder kämpfen. Er hielt sich selbst zusammen. Es war sehr schwer, aber er blieb siegreich.
Rand trat vor.
Die Finsternis erbebte. Sie zitterte, vibrierte, als könnte sie es nicht glauben.
ICH VERNICHTE SIE.
Der Dunkle König war kein Wesen. Er war die Dunkelheit dazwischen. Zwischen dem Licht, zwischen Momenten, zwischen einem Blinzeln.
DIESES MAL GEHÖRT ALLES MIR. SO WAR ES BESTIMMT. WIRD ES IMMER SEIN.
Rand salutierte den Gestorbenen. Dem Blut, das zwischen den Steinen vorbeiströmte. Den Tränen derjenigen, die andere hatten fallen sehen. Der Schatten warf alles gegen Rand, versessen auf seine Vernichtung. Aber es vernichtete ihn nicht.
»Wir geben niemals auf«, flüsterte Rand. »Ich gebe niemals auf.«
Der riesige Schatten donnerte und schüttelte sich. Er sandte Stöße durch und über die Welt. Der Boden spaltete sich, die Naturgesetze zerbrachen. Schwerter wendeten sich gegen ihre Besitzer, Nahrung verdarb, Steine verwandelten sich in Schlamm.
Sie stürzte sich wieder auf Rand, die Kraft aus Nichts versuchte ihn auseinanderzureißen. Die Wucht der Angriffe ließ nicht nach. Und doch fühlten sie sich plötzlich wie ein nutzloses Summen an.
Die Menschen würden nicht aufgeben. Es ging nicht nur um Rand. Sie alle würden weiterkämpfen. Die Angriffe des Dunklen Königs verloren ihre Bedeutung. Wenn sie Rand nicht zur Aufgabe zwingen konnten, wenn sie ihn nicht einlenken ließen, welche Bedeutung hatten sie dann noch?
Im Sturm suchte Rand in der Tiefe seines Ichs nach der Leere, wie Tam es ihm beigebracht hatte. Alle Gefühle, alle Sorgen, alle Schmerzen. Er nahm sie und speiste damit die Flamme einer einzelnen Kerze.
Frieden erfüllte ihn. Der Frieden eines einzelnen Tropfen Wassers, der einen Teich traf. Der Frieden einzelner Augenblicke, der Frieden zwischen einem Blinzeln, der Frieden dieses speziellen Nichts in ihm.
»Ich gebe nicht auf«, wiederholte er, und die Worte erschienen ihm wie ein Wunder.
ICH KONTROLLIERE SIE ALLE. ICH BRECHE SIE. DU HAST VERLOREN, KIND DER MENSCHHEIT.
»Wenn du das glaubst«, flüsterte Rand in die Dunkelheit, »dann nur, weil du nicht sehen kannst.«
Loial keuchte schwer, als er zum Nordende des Plateaus zurückkehrte. Er überbrachte Mat die Neuigkeiten, wie Lan so tapfer gekämpft hatte, bevor er gefallen war und Demandred mit in den Tod gerissen hatte. Loials Bericht berührte Mat tief, so wie alle Mitglieder seines Heeres, insbesondere die Grenzländer, die einen König verloren hatten, einen Bruder. Auch bei den Sharanern herrschte Unruhe, die Nachricht von Demandreds Tod verbreitete sich bereits in ihren Reihen.
Mat verdrängte seine Trauer. Das hätte Lan nicht gewollt. Stattdessen hob er seinen Ashandarei. »Tai’shar Malkier!«, schrie er mit der ganzen Kraft, zu der er fähig war. »Lan Mandragoran, Ihr verfluchter, wunderbarer Mann! Ihr habt es geschafft!«
Sein Ruf hallte durch die Stille, als er auf die Schattenarmee zustürmte. Hinter ihm stiegen Rufe auf: »Tai’shar Malkier!« Rufe von allen Nationalitäten, allen Menschen, Grenzländern und anderen. An Mats Seite stürmten sie über die Anhöhe. Gemeinsam griffen sie den wie gelähmten Feind an.
39
Und sie kämpften
DU VERSTEHST ES EINFACH NICHT, ODER?, FRAGTE RAND DIE FINSTERNIS. DAS GEHT ÜBER DEINEN HORIZONT HINAUS. DU BRICHST UNS, UND WIR KÄMPFEN TROTZDEM WEITER! WARUM? HAST DU UNS NICHT GETÖTET? HAST DU UNS NICHT ZERSTÖRT?
DICH, erwiderte der Dunkle König. ICH HABE DICH!
Rand trat vor. An diesem Ort schien das Muster wie ein Bildteppich um ihn herumzuwirbeln. DAS IST DEIN FEHLER, SHAI’TAN – HERR DER DUNKELHEIT, HERR DES NEIDES! HERR ÜBER GAR NICHTS! DARUM SCHEITERST DU! ES GING NICHT UM MICH. ES GING NIE UM MICH!
Es ging um eine Frau, die man von ihrem Thron gestürzt und zu einer Marionette gemacht hatte – eine Frau, die kroch, wenn sie es musste. Diese Frau kämpfte noch immer.
Es ging um einen Mann, den die Liebe oft im Stich gelassen hatte, einen Mann, für den eine Welt Bedeutung erlangte, die andere schlichtweg ignorierten. Ein Mann, der sich an alte Geschichten erinnerte und ein paar grüne Jungen unter seine Fittiche nahm, obwohl es doch viel klüger gewesen wäre, einfach weiterzugehen. Dieser Mann kämpfte noch immer.
Es ging um eine Frau mit einem Geheimnis, einer Hoffnung für die Zukunft. Eine Frau, die die Wahrheit gejagt hatte, bevor es andere tun konnten. Eine Frau, die ihr Leben gab und dann zurückgekehrt war. Diese Frau kämpfte noch immer.
Es ging um einen Mann, dem man die Familie genommen hatte, der aber trotz seiner Trauer ungebeugt war und die beschützte, die er konnte.
Es ging um eine Frau, die einfach nicht glauben wollte, dass sie nicht helfen konnte, dass sie nicht jene zu Heilen vermochte, die zu Schaden gekommen waren.
Es ging um einen Helden, der mit jedem Atemzug darauf beharrte, dass er alles andere als ein Held war.
Es ging um eine Frau, die sich nicht beugte, als man sie schlug, und in der das Licht brannte, was jeder sehen konnte, der darauf achtete. Rand eingeschlossen.
Um sie alle ging es.
Er entdeckte das immer wieder in dem um ihn aufgestellten Muster. Rand schritt durch Äonen und Zeitalter, seine Hand strich durch Schleifen aus Licht.
HIER IST DIE WAHRHEIT, SHAI’TAN, sagte Rand und tat mit ausgebreiteten Armen einen weiteren Schritt, und das Gewebe des Musters schlang sich um sie. DU KANNST NICHT GEWINNEN, SOLANGE WIR NICHT AUFGEBEN. DAS IST SO, NICHT WAHR? BEI DIESEM KAMPF GEHT ES NICHT UM EINEN SIEG IN DER SCHLACHT. MICH ZU HOLEN … ES GING NIE DARUM, MICH ZU BESIEGEN. ES GING DARUM, MEINEN WILLEN ZU BRECHEN.
UND DAS HAST DU MIT UNS ALLEN VERSUCHT. DARUM WOLLTEST DU UNS MANCHMAL TÖTEN, WÄHREND DIR DAS DANN WIEDER VÖLLIG EGAL ZU SEIN SCHIEN. DU GEWINNST, WENN DU UNS BRICHST. ABER DAS HAST DU NICHT. DAS KANNST DU NICHT.
Die Finsternis erzitterte. Sie bebte, als würde das Himmelsgewölbe selbst einstürzen. Der Schrei des Dunklen Königs war trotzig.
Eingehüllt in das Nichts in seinem Inneren ging Rand weiter, und die Dunkelheit erzitterte.
ICH KANN NOCH IMMER TÖTEN!, brüllte der Dunkle König. ICH KANN SIE NOCH IMMER ALLE HOLEN! ICH BIN DER HERR DES GRABES! DER HERR DER SCHLACHT, ER GEHÖRT MIR. AM ENDE GEHÖREN SIE ALLE MIR.
Rand ging mit ausgestreckter Hand weiter. Auf seiner Handfläche ruhte die Welt, und auf dieser Welt ein Kontinent, und auf diesem Kontinent ein Schlachtfeld, und auf diesem Schlachtfeld lagen zwei Männer am Boden.
Mat kämpfte, und Tam an seiner Seite hatte das Schwert gezogen. Karede und die Totenwächter gesellten sich zu ihnen, dann Loial und die Ogier. Die Armeen und Menschen von einem Dutzend Nationen kämpften, und viele schlossen sich ihm an, als er über das Plateau rannte.
Sie waren drei zu eins in der Unterzahl.
Mat kämpfte und brüllte in der Alten Sprache. »Für das Licht! Für die Ehre! Für den Ruhm! Für das Leben selbst!«
Er tötete einen Trolloc, dann den nächsten. Ein halbes Dutzend in wenigen Augenblicken, aber er fühlte, dass er mit der Brandung selbst kämpfte. Wo auch immer er die Finsternis niederstreckte, nahm mehr von ihr ihren Platz ein. Kreaturen bewegten sich in den Schatten, nur vom Licht einer seltenen Laterne oder einem im Boden steckenden Brandpfeil beleuchtet.
Das Schattengezücht kämpfte nicht als Einheit. Wir können sie brechen, dachte Mat. Wir müssen sie brechen! Das war seine Chance. Jetzt Druck zu machen, während die Sharaner von Demandreds Fall wie benommen waren.
DER SOHN DER SCHLACHTEN. ICH HOLE IHN MIR. ICH HOLE SIE MIR ALLE, WIDERSACHER. SO WIE ICH DEN KÖNIG DES NICHTS HOLTE.