Rand machte Anstalten, sich abzuwenden. Verließ er den Pavillon, dann war das das Ende.
»Rand!«, rief sie.
Er erstarrte. »Ich gebe nicht nach, Egwene.«
»Tu das nicht«, beschwor sie ihn. »Wirf nicht alles weg.«
»Es geht nicht anders.«
»Doch, das tut es! Du musst bloß ein einziges Mal kein vom Licht verbrannter, wollköpfiger, sturer Narr sein!«
Egwene hielt inne. Wie hatte sie nur zulassen können, mit ihm zu sprechen, als seien sie wieder in Emondsfelde, ganz am Anfang?
Rand starrte sie einen Moment lang an. »Nun, und du könntest dich ein einziges Mal nicht wie eine verwöhnte, selbstsüchtige Göre benehmen, Egwene.« Er warf die Arme in die Höhe. »Blut und Asche! Das hier war reine Zeitverschwendung.«
Beinahe hätte er recht gehabt. Egwene bemerkte nicht, wie jemand den Pavillon betrat. Rand schon, und er fuhr herum, als sich der Eingang teilte und Licht einließ. Stirnrunzelnd blickte er dem Störenfried entgegen.
Das Stirnrunzeln verschwand wie weggewischt, als er den Eintretenden erkannte.
Moiraine.
6
Ein Talent
Schlagartig wurde es still im Pavillon. Perrin hasste solchen Aufruhr, und die Gerüche der Menschen waren nicht viel besser. Frustration, Zorn, Furcht. Entsetzen.
Der größte Teil davon war auf die Frau gerichtet, die direkt im Eingang des Pavillons stehen geblieben war.
Mat, du gesegneter Narr, dachte Perrin und musste breit grinsen. Du hast es geschafft. Du hast es tatsächlich geschafft.
Zum ersten Mal seit Langem ließ der Gedanke an Mat die Farben in seinem Blickfeld wirbeln. Er sah Mat auf einem Pferd, wie er über eine staubige Straße ritt und an etwas herumspielte, das er in der Hand hielt. Perrin verscheuchte das Bild. Wohin war Mat jetzt schon wieder unterwegs? Warum war er nicht zusammen mit Moiraine zurückgekehrt?
Es spielte keine Rolle. Moiraine war wieder da. Beim Licht, Moiraine! Perrin setzte sich in Bewegung, um sie zu umarmen, aber Faile packte ihn am Ärmel. Er folgte ihrem Blick.
Rand. Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren. Er stolperte von dem Tisch fort, als wäre alles andere in Vergessenheit geraten, und bahnte sich seinen Weg zu Moiraine. Zögernd hob er die Hand und berührte ihr Gesicht. »Beim Grab meiner Mutter«, flüsterte er, dann fiel er vor ihr auf die Knie. »Aber wie?«
Moiraine lächelte und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Das Rad webt, wie es das Rad will, Rand. Habt Ihr das vergessen?«
»Ich …«
»Nicht wie Ihr wollt, Wiedergeborener Drache«, sagte sie sanft. »Nicht wie wir wollen. Vielleicht webt es sich eines Tages selbst aus der Existenz. Ich glaube aber nicht, dass heute dieser Tag ist – oder er in absehbarer Zukunft kommt.«
»Wer ist diese Frau?«, verlangte Roedran zu wissen. »Und was redet sie da für einen Unsinn? Ich …« Er verstummte, als etwas Unsichtbares seinen Kopf traf und ihn zusammenzucken ließ. Perrin warf Rand einen Blick zu, dann bemerkte er das Lächeln auf Egwenes Lippen. Trotz der vielen Leute im Pavillon roch er deutlich ihre Zufriedenheit.
Nynaeve und Min rochen völlig schockiert. Wenn es dem Licht gefiel, würde Nynaeve eine Weile so bleiben. Im Augenblick würde es wenig hilfreich sein, Moiraine anzubrüllen.
»Ihr habt meine Frage nicht beantwortet«, sagte Rand.
»Doch, habe ich«, erwiderte Moiraine liebevoll. »Es war nur nicht die Antwort, die Ihr wolltet.«
Rand warf den Kopf zurück und lachte. »Beim Licht, Moiraine! Ihr habt Euch kein bisschen verändert, oder?«
»Wir alle verändern uns jeden Tag«, erwiderte sie und lächelte dann. »Ich mich mehr als andere in letzter Zeit. Steht auf. Ich sollte es sein, der vor Euch kniet, Lord Drache. Das sollten wir alle.«
Rand stand auf und trat zurück, damit Moiraine ein Stück weiter in den Pavillon kommen konnte. Perrin nahm einen anderen Geruch wahr und lächelte, als Thom Merrilin hinter ihr ins Zelt schlüpfte. Der alte Gaukler blinzelte ihm zu.
»Moiraine«, sagte Egwene und trat vor. »Die Weiße Burg heißt Euch mit offenen Armen willkommen. Eure Dienste sind nicht in Vergessenheit geraten.«
»Nun ja«, meinte Moiraine. »Eine zukünftige Amyrlin entdeckt zu haben sollte ein gutes Licht auf mich werfen. Das ist eine Erleichterung, da ich zuvor auf dem Weg zur Dämpfung oder gar zur Hinrichtung war, wenn ich mich nicht irre.«
»Die Dinge haben sich geändert.«
»Offensichtlich.« Moiraine nickte. »Mutter.« Sie kam an Perrin vorbei, drückte mit einem Funkeln in den Augen seinen Arm.
Ein Herrscher der Grenzländer nach dem anderen nahm das Schwert und verneigte sich vor ihr oder machte einen Knicks. Jeder von ihnen schien sie persönlich zu kennen. Viele der anderen im Zelt sahen noch immer völlig verblüfft aus, obwohl Darlin offenbar wusste, wer sie war. Er erschien eher nachdenklich als verwirrt.
Bei Nynaeve zögerte Moiraine. Perrin konnte Nynaeves Geruch in diesem Augenblick nicht einfangen. Das erschien ihm unheilvoll. O Licht! Es geht los …
Nynaeve riss Moiraine in eine kräftige Umarmung.
Moiraine blieb einen Moment einfach stehen und roch definitiv schockiert, hielt die Hände steif ausgestreckt. Schließlich erwiderte sie die Umarmung auf eine irgendwie mütterliche Weise und tätschelte Nynaeve den Rücken.
Nynaeve ließ los, trat zurück, dann wischte sie sich eine Träne aus dem Auge. »Wagt es ja nicht, das Lan zu erzählen«, fauchte sie.
»Das fiele mir im Traum nicht ein«, erwiderte Moiraine und trat in die Mitte des Pavillons.
»Unerträgliche Frau«, grummelte Nynaeve, während sie sich eine Träne aus dem anderen Auge wischte.
»Moiraine«, sagte Egwene. »Ihr seid genau im richtigen Augenblick gekommen.«
»Das Talent habe ich.«
»Nun«, fuhr Egwene fort, während sich Rand wieder hinter den Tisch begab, »Rand … der Wiedergeborene Drache … hat sich entschieden, dieses Land zu erpressen, damit es seine Forderungen erfüllt. Er weigert sich, seine Pflicht zu tun, bevor wir uns seinen Launen unterwerfen.«
Moiraine schürzte die Lippen und ergriff den Vertrag für den Drachenfrieden, den Galad für sie auf den Tisch legte. Sie überflog die Zeilen.
»Wer ist diese Frau?«, sagte Roedran. »Und warum stehen wir hier und … Könnt Ihr das lassen!« Er hob die Hand, als wäre er von einem Strang Luft getroffen worden, dann starrte er Egwene finster an – aber dieses Mal roch einer der Asha’man in der Nähe zufrieden.
»Gut gemacht, Grady«, flüsterte Perrin.
»Danke, mein Lord.«
Natürlich würde Grady nur ihre Legende kennen, aber die Geschichten über Moiraine hatten sich unter Rands Anhängern verbreitet.
»Und?«, fragte Egwene.
»›Und es wird kommen eine Zeit, da das, was Menschen erbauten, zerstört werde‹«, flüsterte Moiraine. »›Und der Schatten wird sich auf das Muster des Zeitalters senken, und der Dunkle König wird noch einmal seine Hand auf alles Menschenwerk legen. Die Frauen werden weinen und die Männer verzagen, wenn die Nationen dieser Erde wie brüchiger Stoff zerrissen werden. Nichts wird erhalten bleiben oder überdauern.‹«
Die Anwesenden scharrten mit den Füßen. Perrin sah Rand fragend an.
»›Doch einer wird geboren werden, der dem Schatten gegenübertritt‹«, sagte Moiraine nun lauter. »›Wiedergeboren, wie er zuvor geboren worden war und unzählige Male wiedergeboren werden wird. Der Drache wird wiedergeboren, und es wird ein Weinen und ein Zähneknirschen sein bei seiner Wiedergeburt. In Sackleinen und Asche wird er die Völker kleiden, und er wird die Welt noch einmal zerbrechen durch seine Wiederkehr und alle Bande zwischen den Menschen zerreißen!
Wie die grellen Strahlen der Sonne bei ihrem Aufgang wird er uns blenden und uns verbrennen, doch wird der Wiedergeborene Drache in der Letzten Schlacht dem Schatten die Stirn bieten, und sein Blut wird uns das Licht bringen. Lasst die Tränen fließen, ihr Völker dieser Welt! Weint um eure Erlösung!‹«