Die letzte Bemerkung ließ Darlin eine Braue heben.
»Die Weiße Burg erscheint tatsächlich als die beste Wahl, Lord Drache«, fügte Tenobia hinzu.
Rand schüttelte den Kopf. »Nein. Die Amyrlin ist sicherlich vieles, aber eine Schlachtenführerin … Ich halte das für keine gute Entscheidung.«
Seltsamerweise schwieg Egwene. Perrin musterte sie. Eigentlich hätte er angenommen, dass sie sich auf die Gelegenheit stürzen würde, die Heerscharen selbst anzuführen.
»Es sollte einer von uns sein«, sagte Darlin. »Aus denen auserwählt, die in die Schlacht ziehen.«
»Vielleicht wäre das möglich«, sagte Rand. »Solange ihr alle wisst, wer den Befehl hat, gebe ich in diesem Punkt nach. Aber Ihr müsst meine anderen Forderungen erfüllen.«
»Ihr besteht noch immer darauf, dass Ihr die Siegel brechen müsst?«, sagte Egwene.
»Sorgt Euch nicht, Egwene.« Moiraine lächelte. »Er wird die Siegel nicht brechen.«
Rands Miene verfinsterte sich.
Egwene lächelte.
»Ihr brecht sie«, sagte Moiraine zu Egwene.
»Was? Auf gar keinen Fall!«
»Ihr seid die Wächterin über die Siegel, Mutter«, sagte Moiraine. »Habt Ihr nicht gehört, was ich eben sagte? ›Und es wird kommen eine Zeit, da das, was Menschen erbauten, zerstört werde, und der Schatten wird sich auf das Muster des Zeitalters senken, und der Dunkle König wird noch einmal seine Hand auf alles Menschenwerk legen …‹ Es muss geschehen.«
Egwene erschien beunruhigt.
»Ihr habt es gesehen, nicht wahr?«, flüsterte Moiraine. »Was habt Ihr Geträumt, Mutter?«
Egwene antwortete nicht.
»Was habt Ihr gesehen?«, drängte Moiraine sie und trat näher an sie heran.
»Wie er sie zertritt«, sagte Egwene und starrte Moiraine in die Augen. »Rand tritt auf die Scherben des Dunklen Königs Kerker. In einem anderen Traum sah ich ihn, wie er darauf einschlägt, um ihn zu öffnen. Aber ich sah nicht, dass er ihn tatsächlich auch öffnet, Moiraine.«
»Die Splitter waren da, Mutter«, sagte Moiraine. »Die Siegel waren gebrochen.«
»Träume sind interpretierbar.«
»Ihr wisst, dass dieser Traum die Wahrheit sagt. Es muss getan werden, und die Siegel gehören Euch. Ihr werdet sie brechen, wenn der richtige Augenblick gekommen ist. Rand, Wiedergeborener Lord Drache, es ist Zeit, sie ihr zu übergeben.«
»Das gefällt mir nicht, Moiraine«, sagte er.
»Dann hat sich nicht viel verändert, oder?«, fragte sie leichthin. »Ich weiß, Ihr habt Euch oft geweigert, das zu tun, was Ihr tun solltet. Vor allem wenn ich es bin, der Euch darauf hinweist.«
Einen Moment lang ging er in sich, dann lachte er und griff in die Manteltasche. Er zog drei Scheiben aus Cuendillar hervor, von denen jede in der Mitte von einer Schlangenlinie durchzogen wurde. Er legte sie auf den Tisch.
»Wie wird sie den richtigen Zeitpunkt erkennen?«, wollte er wissen.
»Sie wird es«, sagte Moiraine.
Egwene roch skeptisch, und Perrin konnte es ihr nicht verübeln. Moiraine hatte stets daran geglaubt, den Geweben des Musters zu folgen und sich den Drehungen des Rades zu beugen. Perrin sah das nicht so. Seiner Ansicht nach erschuf man sich seinen eigenen Weg und vertraute auf die Kraft seiner Arme, alles Nötige zu tun. Man sollte sich nicht auf das Muster verlassen.
Egwene war Aes Sedai. Anscheinend war sie der Ansicht, dass sie es auf die gleiche Weise wie Moiraine betrachten musste. Entweder das, oder sie stimmte einfach nur zu, um die Siegel in die Hand zu bekommen. »Ich breche sie, wenn ich das Gefühl habe, dass es sein muss.« Sie nahm die Siegel an sich.
»Also unterzeichnet Ihr.« Rand nahm das Dokument, während sich die Sekretäre über die Eile beklagten, mit der sie hatten arbeiten müssen. Auf der Rückseite standen nun mehrere Zusätze. Einer der Sekretäre schrie auf und griff nach dem Sand, um die Tinte zu trocknen, aber Rand tat etwas mit der Einen Macht und trocknete die Schrift augenblicklich, während er Egwene das Dokument vorlegte.
»Das werde ich«, sagte sie und hielt die Hand für eine Schreibfeder hin. Sorgfältig las sie die Zusätze, und andere Schwestern blickten ihr dabei über die Schulter. Eine nach der anderen nickte.
Egwene setzte die Feder an und schrieb.
»Und jetzt der Rest«, sagte Rand und drehte sich um, um die Reaktionen einzuschätzen.
»Beim Licht, er ist schlau geworden«, flüsterte Faile an Perrins Seite. »Ist dir klar, was er getan hat?«
»Was denn?«, fragte Perrin und kratzte sich am Bart.
»Er brachte alle mit, von denen er wusste, dass sie ihn unterstützen würden«, flüsterte Faile. »Die Grenzländer, die praktisch alles unterschreiben würden, um Hilfe für ihre Heimat zu bekommen. Arad Doman, dem er erst kürzlich half. Die Aiel … nun gut, wer weiß schon, wie die Aiel reagieren? Trotzdem.
Dann ließ er Egwene die anderen einsammeln. Das ist genial, Perrin. Da sie diese Koalition gegen ihn mitbrachte, brauchte er eigentlich nur sie zu überzeugen. Sobald er sie auf seine Seite gebracht hat, würden die anderen als die Dummen dastehen, wenn sie nicht mitziehen.«
Und in der Tat, als die Herrscher anfingen, der Reihe nach zu unterzeichnen – Berelain war die Erste und Eifrigste –, wurden diejenigen, die Egwene unterstützt hatten, unruhig. Darlin trat vor und ergriff die Feder. Kurz zögerte er, dann unterschrieb er.
Gregorin folgte ihm. Dann die Grenzländer, ein Herrscher nach dem anderen, dann der König von Arad Doman. Selbst Roedran, der die ganze Sache noch immer als Fiasko zu betrachten schien, unterschrieb. Perrin fand das seltsam.
»Er bläst sich gern auf«, sagte er zu Faile, »aber er weiß, dass das seinem Königreich nur nutzen kann.«
Sie nickte. »Er benimmt sich wie ein Rüpel, um alle dazu zu bringen, ihn zu missachten. Dieses Dokument legt die derzeitigen Grenzen der Nationen auf Dauer fest. Für jemanden, der versucht, seine Herrschaft zu festigen, ist das eine gewaltige Gunst. Aber …«
»Aber?«
»Die Seanchaner?«, sagte Faile leise. »Falls Rand sie überreden kann, dürfen sie dann Länder behalten, die sie jetzt haben? Die Frauen, die Damane sind? Dürfen sie jeder Frau, die ihre Grenze überschreitet, einen dieser Kragen mit Leine um den Hals legen?«
In das Zelt kehrte Stille ein; vielleicht hatte Faile lauter als beabsichtigt gesprochen. Manchmal hatte Perrin Probleme, sich daran zu erinnern, was gewöhnliche Menschen hören konnten und was nicht.
»Ich kümmere mich um die Seanchaner«, versprach Rand. Er stand über den Tisch gebeugt und sah zu, wie sich jeder Herrscher das Dokument noch einmal durchlas, mit den mitgebrachten Beratern sprach und dann unterzeichnete.
»Wie denn?«, fragte Darlin. »Sie wollen keinen Frieden mit Euch schließen, Lord Drache. Ich glaube, sie werden dieses Dokument bedeutungslos machen.«
»Sobald wir hier fertig sind«, sagte Rand leise, »gehe ich zu ihnen. Sie werden unterschreiben.«
»Und wenn sie es nicht tun?«, verlangte Gregorin zu wissen.
Rand stützte seine Hand mit gespreizten Fingern auf den Tisch. »Möglicherweise muss ich sie dann vernichten. Oder zumindest ihre Möglichkeiten, in der näheren Zukunft Krieg zu führen.«
Totenstille breitete sich im Pavillon aus.
»Seid Ihr dazu fähig?«, fragte Darlin.
»Ich bin mir nicht sicher«, gestand Rand ein. »Falls ich es kann, könnte es mich in einem Augenblick schwächen, in dem ich meine ganze Kraft brauche. Licht, vielleicht ist das meine einzige Wahl. Eine schreckliche Wahl, als ich sie das letzte Mal verließ … Wir können einfach nicht zulassen, dass sie uns in den Rücken fallen, während wir den Schatten bekämpfen.« Er schüttelte den Kopf, und Min trat vor und nahm seinen Arm. »Ich finde eine Möglichkeit, mit ihnen zu verfahren. Irgendwie finde ich eine Möglichkeit.«
Die Unterzeichnung ging weiter. Manche taten es mit großem Gehabe, andere eher nüchtern. Rand ließ auch Perrin, Gawyn, Faile und Gareth Bryne unterschreiben. Er schien zu wollen, dass jeder der hier Anwesenden, der möglicherweise in eine Machtposition aufsteigen würde, seinen Namen unter diesen Vertrag setzte.