Schließlich war nur noch Elayne übrig. Rand hielt ihr die Schreibfeder hin.
»Ihr verlangt da eine schwierige Sache von mir«, sagte sie mit verschränkten Armen. Ihr blondes Haar glänzte im Licht seiner Lichtkugel. Warum hatte sich draußen bloß der Himmel bewölkt? Rand schien das nicht zu beunruhigen, aber Perrin fürchtete, dass die Wolken wieder den Himmel zurückerobert hatten. Ein gefährliches Zeichen, wenn sie ausgerechnet jetzt dort herrschten, wo Rand sie zuvor zurückgedrängt hatte.
»Ich weiß, es ist schwierig«, sagte Rand. »Vielleicht, wenn ich Euch etwas im Gegenzug gebe …«
»Was denn?«
»Den Krieg.« Rand wandte sich an die Herrscher. »Ihr wolltet, dass einer von Euch die Letzte Schlacht anführt. Würdet Ihr Andor und seine Königin in dieser Rolle akzeptieren?«
»Zu jung«, sagte Darlin. »Zu neu. Das soll keine Beleidigung sein, Eure Majestät.«
Alsalam schnaubte. »Ihr habt es gerade nötig, Darlin. Die Hälfte der anwesenden Monarchen sitzt nicht einmal ein Jahr auf ihrem Thron.«
»Was ist mit den Grenzländern?«, fragte Alliandre. »Sie kämpfen ihr ganzes Leben schon gegen die Fäule.«
»Wir werden überrannt«, sagte Paitar. Er schüttelte den Kopf. »Das kann keiner von uns bewerkstelligen. Andor ist eine genauso gute Wahl wie alle anderen.«
»Andor hat gerade selbst mit einer Invasion zu kämpfen«, bemerkte Darlin.
»Das gilt für euch alle, oder zumindest bald«, sagte Rand. »Elayne Trakand ist die geborene Anführerin; sie hat mir viel von dem beigebracht, was ich über Führung weiß. Sie hat von einem Großen Hauptmann über Taktik gelernt, und ich bin davon überzeugt, dass sie sich bei allen Großen Hauptmännern Rat holt. Jemand muss der Befehlshaber sein. Seid ihr alle bereit, sie in dieser Position zu akzeptieren?«
Die anderen nickten zögernd. Rand wandte sich Elayne zu.
»Also gut, Rand«, sagte sie. »Ich werde es tun, und ich unterschreibe auch, aber Ihr solltet besser einen Weg finden, die Seanchaner zur Vernunft zu bringen. Ich will den Namen ihrer Herrscherin auf diesem Dokument sehen. Vorher ist keiner von uns sicher.«
»Was ist mit den Frauen, die von den Seanchanern gefangen gehalten werden?«, fragte Rhuarc. »Ich muss zugeben, Rand al’Thor, dass es unsere Absicht war, in dem Augenblick, in dem die dringenderen Schlachten gewonnen sind, diesen Invasoren eine Blutfehde zu erklären.«
»Wenn ihre Herrscherin unterzeichnet, werde ich um Handelsbeziehungen bitten im Austausch für die Machtlenkerinnen, die sie geraubt haben. Ich werde versuchen, sie dazu zu überreden, die von ihnen annektierten Länder zurückzugeben und in ihre Heimat zurückzukehren.«
Egwene schüttelte den Kopf. »Und wenn sie sich weigern? Sollen sie unterschreiben, ohne in diesen Punkten nachzugeben? Tausende sind versklavt, Rand.«
»Wir können sie nicht besiegen«, sagte Aviendha leise. Perrin warf ihr einen Blick zu. Sie roch frustriert, aber entschlossen. »Wenn wir gegen sie in den Krieg ziehen, wird das unser Untergang sein.«
»Aviendha hat recht«, sagte Amys. »Die Aiel werden nicht gegen die Seanchaner kämpfen.«
Überrascht sah Rhuarc die beiden nacheinander an.
»Sie haben schreckliche Dinge getan«, sagte Rand, »aber bis jetzt haben die von ihnen übernommenen Länder von ihrer starken Führung profitiert. Falls ich dazu gezwungen werde, bin ich bereit, ihnen die Länder zu überlassen, die sie bis jetzt haben, solange sie sich nicht weiter ausbreiten. Was die Frauen angeht … was geschehen ist, ist geschehen. Wollen wir uns erst einmal um die ganze Welt kümmern, danach tun wir, was wir für diese Gefangenen tun können.«
Elayne hielt das Dokument einen Moment in der Hand, vielleicht um der Dramatik willen, dann beugte sie sich vor und fügte schwungvoll ihren Namen hinzu.
»Es ist vollbracht«, sagte Moiraine, als Rand das Blatt nahm. »Dieses Mal bekommt Ihr Euren Frieden, Lord Drache.«
»Zuerst müssen wir überleben«, sagte er und hielt das Dokument andächtig in der Hand. »Ich überlasse euch euren Schlachtvorbereitungen. Ich muss noch einige Aufgaben zum Abschluss bringen, die Seanchaner eingeschlossen, bevor ich mich zum Shayol Ghul begebe. Allerdings habe ich noch eine Bitte an euch. Es gibt da einen lieben Freund, der unsere Hilfe braucht …«
Wütende Blitze durchzuckten den bewölkten Himmel. Trotz des Schattens floss der Schweiß Lan in den Nacken und klebte sein Haar unter dem Helm fest. Schon seit Jahren hatte er keinen mehr getragen; als Moiraines Begleiter hatte er unauffällig sein müssen, und Helme waren das nun wirklich nicht.
»Wie … wie schlimm ist es?« Andere verzog das Gesicht, hielt sich die Seite und lehnte sich an einen Felsen.
Lan betrachtete die Schlacht. Das Schattengezücht rottete sich wieder zusammen. Die Ungeheuer erweckten den Anschein, als würden sie miteinander verschmelzen, und zwar zu einer finsteren, heulenden Masse aus purem Hass so dick wie die Luft selbst – sie speicherte die Hitze und Luftfeuchtigkeit, so wie ein Kaufmann feine Teppiche hortete.
»Schlimm«, erwiderte Lan.
»Das wusste ich«, sagte Andere. Zwischen seinen Fingern sickerte Blut hervor, während er immer schneller atmete. »Nazar?«
»Nicht mehr unter uns«, sagte Lan. Der weißhaarige Mann war in demselben Kampf gefallen, der auch um ein Haar Andere das Leben gekostet hätte. Lan hatte sie nicht schnell genug retten können. »Ich sah, wie er einem Trolloc den Bauch aufschlitzte, während die Bestie ihn tötete.«
»Möge die letzte Umarmung der Mutter …« Andere verkrampfte sich vor Schmerzen. »Möge die letzte …«
»Möge die letzte Umarmung der Mutter dich daheim willkommen heißen«, vollendete Lan leise den Satz.
»Seht mich nicht so an, Lan«, sagte Andere. »Wir alle wussten, wie das hier endet, als wir … als wir uns Euch anschlossen.«
»Darum habe ich auch versucht, Euch davon abzuhalten.«
Andere runzelte die Stirn. »Ich …«
»Friede, Andere«, sagte Lan und erhob sich. »Mein Wunsch war selbstsüchtig. Ich kam, um für Malkier zu sterben. Ich habe nicht das Recht, anderen dieses Privileg zu verweigern.«
»Lord Mandragoran!« Prinz Kaisel kam angeritten; seine einst so kostbare Rüstung war voller Beulen und blutverschmiert. Der Kandori-Prinz sah noch immer zu jung für diese Schlacht aus, aber er hatte sich als genauso kaltblütig wie jeder erfahrene Veteran erwiesen. »Sie formieren sich wieder.«
Lan trat zu dem Pferdeknecht, der Mandarb hielt. Die Flanken des schwarzen Hengstes wiesen Schnitte von Trolloc-Waffen auf. Dank dem Licht waren sie nur oberflächlich. Lan legte dem Hengst die Hand auf den Hals, und Mandarb schnaubte. In der Nähe hob sein Standartenträger, ein kahlköpfiger Mann namens Jophil, die Flagge von Malkier. Der Goldene Kranich. Das war sein fünfter Standartenträger seit dem Vortag.
Lans Truppe hatte den Pass mit ihrem Sturmangriff erobert und das Schattengezücht zurückdrängen können, bevor es ins Tal strömte. Das war mehr, als Lan je erwartet hatte. Der Pass war ein langes, schmales Stück felsiges Terrain zwischen zerklüfteten Felswänden und Gipfeln.
Diese Position zu halten erforderte keine clevere Taktik. Man hielt stand, man starb und man tötete – so lange, wie man dazu imstande war.
Lan kommandierte Kavallerie. Für diese Aufgabe war sie nicht unbedingt ideal – Kavallerie funktionierte eigentlich am besten, wenn sie sich ausbreiten konnte und ordentlich Platz für einen Sturmangriff hatte –, aber der Weg durch den Tarwin-Pass war schmal genug, dass immer nur eine kleine Anzahl Trollocs auf einmal passieren konnte. Das verschaffte Lan eine Chance. Zumindest fiel es den Tiermenschen schwerer, ihre gewaltige zahlenmäßige Überlegenheit zu nutzen. Für jeden gewonnenen Zoll würden sie eine Metzgerrechnung bezahlen.