»O ja. Es liegt versteckt in der Burg. Wir haben es gerade noch rechtzeitig aus seinem Lagerraum geholt. Letzte Nacht wurde in den Raum eingebrochen. Ich weiß das nur, weil wir ihn mit gewissen Geweben sicherten. Der Schatten weiß, dass wir das Horn haben, Perrin, und die Gehilfen des Dunklen Königs suchen danach. Sie können es nicht benutzen; es ist an Mat gebunden, bis er stirbt. Aber wenn es die Helfer des Schattens erbeuten können, kann er Mat daran hindern, es zu benutzen. Oder noch schlimmer – ihn töten und es dann selbst benutzen.«
»Ihr wollt seine Verlegung verschleiern«, sagte Faile, »die Nachschubtransporte sollen verbergen, wo Ihr es hinbringt.«
»Wir würden es lieber Mat direkt übergeben«, sagte Elayne. »Aber er kann manchmal … nun, schwierig sein. Ich hatte gehofft, dass er an der Zusammenkunft teilnimmt.«
»Er ist in Ebou Dar«, verkündete Perrin. »Macht irgendetwas mit den Seanchanern.«
»Das hat er Euch gesagt?«
»Nicht direkt.« Die Frage schien Perrin Unbehagen zu bereiten. »Wir … wir haben eine Art von Verbindung. Manchmal sehe ich, wo er ist und was er tut.«
»Dieser Mann ist nie da, wo er sein sollte«, klagte Elayne.
»Und doch trifft er schließlich immer dort ein«, hielt Perrin dagegen.
»Die Seanchaner sind der Feind«, sagte Elayne. »Das scheint Mat nicht zu begreifen, wenn man einmal in Betracht zieht, was er getan hat. Beim Licht, ich hoffe, dieser Mann bringt sich nicht in Schwierigkeiten …«
»Ich mache es«, sagte Faile. »Ich kümmere mich um das Horn von Valere. Ich sorge dafür, dass Mat es bekommt, und beschütze es.«
»Ich will Euch nicht zu nahetreten«, sagte Elayne zu den beiden, »aber ich zögere, es jemandem anzuvertrauen, den ich nicht gut kenne. Darum kam ich zu Euch, Perrin.«
»Das wird schwierig«, sagte Perrin. »Wenn sie wirklich das Horn suchen, dann erwarten sie, dass Ihr und Egwene es jemandem gebt, den Ihr gut kennt. Nehmt Faile. Niemandem vertraue ich mehr als ihr, aber auf sie wird kein Verdacht fallen, denn sie hat keine direkte Beziehung zur Weißen Burg.«
Elayne nickte langsam. »Sehr gut. Ich schicke Euch eine Nachricht, wie es überbracht wird. Jetzt transportiert erst einmal den Nachschub, damit das bekannt wird. Zu viele Menschen wissen über das Horn Bescheid. Nachdem Ihr es habt, schicke ich fünf verdächtige Boten aus der Weißen Burg und streue die nötigen Gerüchte. Hoffen wir, dass der Schatten annimmt, dass das Horn von einem dieser Boten überbracht wird. Ich will, dass es an einem Ort ist, mit dem niemand rechnet, zumindest so lange, bis wir es Matrim übergeben.«
»Vier Fronten, Lord Mandragoran«, wiederholte Bulen. »Das berichten die Boten. Caemlyn, Shayol Ghul, Kandor und hier. Sie wollen versuchen, den Trollocs hier und in Kandor den Weg zu versperren, während sie alle Kräfte darauf konzentrieren, jene in Andor zuerst zu besiegen.«
Lan grunzte und lenkte Mandarb um den stinkenden Haufen toter Trollocs. Die Kadaver dienten nun als Bollwerk; seine fünf Asha’man hatten sie zu Hügeln aufgeschichtet, kleine blutige Kegel vor der Fäule, wo sich das Schattengezücht sammelte.
Der Gestank war natürlich fürchterlich. Viele der Wächter, die er auf seinen Runden passierte, hatten Zweigblätter in ihr Feuer geworfen, um den Geruch zu überdecken.
Der Abend näherte sich und brachte damit die gefährlichsten Stunden. Glücklicherweise machten die schwarzen Wolken am Himmel die Nächte so dunkel, dass die Trollocs nicht viel sehen konnten. Aber in der Abenddämmerung erstarkten sie – eine Zeit, in der Menschenaugen behindert waren, aber die Augen des Schattengezüchts nicht.
Die Kraft des Angriffs der vereinigten Grenzländer hatte die Kreaturen zurück zum Pass-Eingang getrieben. Lan erhielt jede Stunde weitere Verstärkungen durch Pikenträger und andere Soldaten, die ihm helfen sollten, die Position zu halten. Alles in allem sah es jetzt viel besser aus als noch einen Tag zuvor.
Aber es war noch immer schlimm. Wenn stimmte, was Bulen sagte, dann würde sein Heer hier stationiert, um den Weg zu versperren. Das bedeutete, er bekam weniger Truppen, als er gern gehabt hätte. Allerdings konnte er nichts gegen die Taktik einwenden.
Lan kam zu der Stelle, wo die shienarischen Lanzenträger sich um ihre Pferde kümmerten. Eine Gestalt löste sich von ihnen und ritt neben Lan heran. König Easar war ein stämmiger Mann mit weißem Haarknoten, der erst kürzlich vom Feld von Merrilor eingetroffen war und dann einen langen Tag mit der Vorbereitung von Schlachtplänen verbracht hatte. Lan setzte zu einer Verneigung im Sattel an, erstarrte aber, als König Easar sich vor ihm verneigte.
»Euer Majestät?«, fragte Lan.
»Agelmar hat seine Pläne für diese Front mitgebracht, Dai Shan«, sagte der König und setzte sich an seine Seite. »Er würde sie gern mit uns durchgehen. Es ist wichtig, dass Ihr dabei seid; wir kämpfen unter dem Banner Malkiers. Darauf haben wir uns alle geeinigt.«
»Tenobia auch?« Lan war ehrlich überrascht.
»In ihrem Fall war eine kleine Ermutigung nötig. Sie zeigte sich einsichtig. Ich habe auch die Nachricht bekommen, dass Königin Ethenielle Kandor verlassen hat und herkommen wird. In dieser Schlacht kämpfen die Grenzländer gemeinsam, und wir werden es mit Euch an der Spitze tun.«
Im schwindenden Licht ritten sie weiter, und eine Reihe Lanzenreiter nach der anderen salutierte Easar. Die Shienarer waren die besten Kavalleristen der Welt, und sie hatten zahllose Male auf diesen Felsen gekämpft und waren auch dort gestorben, als sie die fruchtbaren Länder des Südens verteidigt hatten.
»Ich werde da sein«, willigte Lan ein. »Die Last, die Ihr mir auferlegt habt, fühlt sich wie drei Berge an.«
»Ich weiß«, sagte Easar. »Aber wir werden Euch folgen, Dai Shan. Bis der Himmel zerrissen wird, bis der Stein unter unseren Füßen zerbricht und bis das Rad selbst aufhört, sich zu drehen. Oder, wenn es das Licht will, bis jedes Schwert den Frieden kennenlernt.«
»Was ist mit Kandor? Wenn die Königin herkommt, wer führt dann diese Schlacht an?«
»Die Weiße Burg reitet, um dort das Schattengezücht zu bekämpfen. Ihr habt den Goldenen Kranich gehisst. Wir hatten geschworen, Euch zu Hilfe zu kommen, also taten wir es.« Easar zögerte und sein Tonfall wurde grimmig. »Kandor kann nicht zurückerobert werden, Dai Shan. Die Königin gibt es zu. Die Weiße Burg hat nicht die Aufgabe, das Land zurückzuerobern, sondern das Schattengezücht daran zu hindern, noch mehr Land an sich zu reißen.«
Sie drehten und ritten durch die Reihen der Lanzenträger. Von den Männern wurde verlangt, die Abenddämmerung nur wenige Schritte von ihren Pferden entfernt zu verbringen, und sie beschäftigten sich, kümmerten sich um ihre Rüstung, um die Waffen und die Pferde. Jeder Mann trug ein Langschwert auf den Rücken geschnallt, manchmal auch zwei, und alle hatten Hämmer und Streitkolben an die Gürtel geschnallt. Die Shienarer verließen sich nicht allein auf ihre Lanzen; ein Feind, der glaubte, sie in die Enge getrieben und den Raum für einen Sturmangriff genommen zu haben, entdeckte bald, dass sie auch auf engem Raum sehr gefährlich sein konnten.
Die meisten Männer trugen gelbe Waffenröcke mit dem Schwarzen Falken über ihren Harnischen und den Kettenhemden. Sie salutierten steif mit ernsten Mienen. Shienarer waren in der Tat ernsthafte Leute. Dafür sorgte das Leben in den Grenzlanden.
Lan zögerte, dann sprach er mit lauter Stimme. »Warum wird getrauert?«
Die Soldaten in der Nähe wandten sich ihm zu.
»Sind wir nicht hierfür gedrillt worden?«, rief Lan. »Ist das nicht unser Daseinszweck, sogar unser Leben? Dieser Krieg ist keine Sache, die man betrauern sollte. Andere Männer mögen lasch gewesen sein, aber wir nicht. Wir sind vorbereitet, also ist das eine Zeit des Ruhms.
Es soll gelacht werden! Es soll Freude herrschen! Lassen wir die Gefallenen hochleben und auf unsere Vorväter anstoßen, die uns gut gelehrt haben. Solltet ihr morgen sterben und auf eure Wiedergeburt warten, seid stolz. Die Letzte Schlacht ist da, und wir sind bereit!«