Sie ritten ein Stück, dann fügte Prinz Kaisel hinzu: »Ragon. Er starb auch gut. Stürmte mit seinem Pferd direkt in eine Gruppe aus dreißig Trollocs, die von der Seite kamen. Hat damit vermutlich ein Dutzend Männer gerettet und uns Zeit erkauft. Er trat einen ins Gesicht, als sie ihn zu Boden zerrten.«
»Ja, Ragon war schon ein Wahnsinniger«, sagte Andere. »Ich gehöre zu den Männern, die er gerettet hat.« Er lächelte. »Er ist gut gestorben. Beim Licht, das tat er. Aber die verrückteste Sache, die ich in den vergangenen Tagen sah, war Kragil, als er gegen diesen Blassen kämpfte. Hat einer von euch gesehen, wie …«
Als sie das Lager erreichten, lachten die Männer und priesen die Gefallenen. Lan trennte sich von ihnen und brachte Bulen zu den Asha’man. Narishma hielt ein Wegetor für einen Karren mit Nachschub offen. Er nickte Lan zu. »Lord Mandragoran?«
»Ich brauche einen kalten Ort für ihn«, sagte Lan und stieg ab. »Wenn das hier erledigt und Malkier zurückerobert ist, brauchen wir einen anständigen Ruheort für die edlen Gefallenen. Bis dahin lasse ich ihn weder verbrennen noch verfaulen. Er war der erste Malkieri, der zu Malkiers König zurückkehrte.«
Narishma nickte, und die arafelischen Glöckchen an den Enden seiner Zöpfe klirrten leise. Er winkte einen Wagen durch das Wegetor, dann bedeutete er den anderen anzuhalten. Er schloss das Tor und öffnete ein neues auf einer Bergspitze.
Eiskalte Luft wehte hindurch. Lan nahm Bulen vom Pferd. Narishma wollte helfen, aber Lan winkte ab und lud sich den Toten mit einem Grunzen auf die Schulter. Er trat in den Schnee, und der schneidende Wind stach in seine Wangen, als hätte jemand ein Messer genommen.
Er legte Bulen am Boden ab, dann kniete er nieder und entfernte sanft den Hadori vom Kopf. Lan würde ihn in der Schlacht tragen – damit Bulen weiterkämpfen konnte – und ihn ihm nach dem Ende der Kämpfe zurückgeben. Eine alte malkierische Tradition. »Das hast du gut gemacht, Bulen«, sagte Lan leise. »Ich danke dir, dass du mich nicht aufgegeben hast.«
Er stand auf. Seine Stiefel knirschten im Schnee, als er mit dem Hadori in der Hand durch das Wegetor marschierte. Narishma schloss das Tor, und Lan fragte nach dem Standort des Berges – für den Fall, dass der Asha’man im Kampf fallen sollte –, damit er Bulen wiederfinden konnte.
Sie würden nicht alle gefallenen Malkieri auf diese Weise bewahren können, aber einer war besser als gar keiner. Lan wickelte den Hadori direkt unterhalb der Parierstange um das Schwert und knüpfte ihn fest. Dann übergab er Mandarb einem Pferdeknecht, hielt dem Hengst einen Finger vor die Nase und sah ihm in die dunklen, feuchten Augen. »Die Knechte werden nicht mehr gebissen«, knurrte er dem Hengst zu.
Danach machte er sich auf die Suche nach Lord Agelmar. Er fand den Befehlshaber direkt außerhalb des saldaeanischen Lagers, wo er mit Tenobia sprach. In der Nähe hatten sich Bogenschützen in zweihundert Mann starken Reihen aufgebaut und behielten den Himmel im Auge. Es hatte bereits einige Draghkar-Angriffe gegeben. Als Lan näher kam, grollte der Boden und bebte.
Die Soldaten blieben stumm. Langsam gewöhnten sie sich daran. Das Land stöhnte.
Direkt vor Lan brach der nackte Felsboden auseinander. Alarmiert sprang er zurück, als das Beben nicht aufhörte und winzige Risse im Felsen produzierte – Haarrisse. An diesen Rissen war etwas auf fundamentale Weise falsch. Sie waren zu dunkel, zu tief. Obwohl die ganze Gegend noch immer bebte, trat er vor und musterte die winzigen Risse, versuchte sie während des Erdbebens näher zu erforschen.
Die Risse schienen ins Nichts zu führen. Sie sogen das Licht auf. Es war, als würde er Risse in der Realität selbst betrachten.
Das Beben hörte auf. Die Dunkelheit in den Öffnungen verweilte noch ein paar Atemzüge lang, dann verblich sie, und die Haarrisse verwandelten sich in ganz gewöhnliche Sprünge im Stein. Misstrauisch ließ sich Lan auf ein Knie herab und nahm sie näher in Augenschein. Hatte er wirklich gesehen, was er zu sehen geglaubt hatte? Was bedeutete das?
Fröstelnd erhob er sich wieder und ging weiter. Nicht nur die Menschen werden müde, dachte er. Die Mutter wird schwächer.
Er eilte durch das Lager der Saldaeaner. Von den Kämpfern am Pass hatten die Saldaeaner das beste Lager, denn es wurde von den strengen Offiziersfrauen geführt. Lan hatte die meisten Zivilisten der Malkieri in Fal Dara zurückgelassen, und die anderen Streitkräfte hatten hauptsächlich nur aus kämpfenden Truppen bestanden.
Aber das war nicht die Art der Saldaeaner. Auch wenn sie für gewöhnlich nicht in die Fäule zogen, marschierten die Frauen sonst mit ihren Ehemännern. Jede von ihnen konnte mit dem Messer kämpfen und würde das Lager falls nötig bis zum Tod verteidigen. Sie waren außerordentlich nützlich gewesen, um Vorräte zu sammeln und zu verteilen und um die Verwundeten zu pflegen.
Tenobia stritt sich wieder einmal mit Agelmar um die Taktik. Lan trat näher und hörte zu, wie der Große Hauptmann aus Shienar bei ihren Forderungen nickte. Man konnte nicht behaupten, dass sie die Dinge nicht verstand, aber sie war zu kühn. Sie wollte den Feind zurück in die Fäule treiben und den Kampf zu den Geburtsstätten der Trollocs tragen.
Schließlich bemerkte sie Lan. »Lord Mandragoran«, sagte sie und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Sie war wirklich eine hübsche Frau, mit langem schwarzem Haar und einem temperamentvollen Funkeln in den Augen. »Euer letztes Scharmützel war ein Erfolg?«
»Noch mehr Trollocs sind tot«, sagte Lan.
»Wir kämpfen eine ruhmreiche Schlacht«, sagte sie stolz.
»Ich verlor einen guten Freund.«
Tenobia hielt inne, dann schaute sie ihm in die Augen, suchte darin vielleicht nach Gefühlen. Lan verriet nichts. Bulen war gut gestorben. »Die Männer, die kämpfen, ernten Ruhm, aber die Schlacht selbst ist keinesfalls ruhmreich. Sie ist einfach nur das, was sie ist. Lord Agelmar, auf ein Wort.«
Tenobia trat zur Seite, und Lan zog Agelmar mit sich. Der alte General warf ihm einen dankbaren Blick zu. Tenobia sah ihnen noch einen Augenblick lang nach, dann eilte sie davon, und ihre beiden Leibwächter hasteten ihr nach.
Wenn wir nicht auf sie aufpassen, reitet sie noch irgendwann selbst in die Schlacht, dachte Lan. Sie hat den Kopf nur voller Lieder und Geschichten.
Hatte er nicht gerade seine Männer ermuntert, die gleichen Geschichten zu erzählen? Nein. Da gab es einen Unterschied, er fühlte einen Unterschied. Männern beizubringen, dass sie möglicherweise starben, und die Ehre der Gefallenen zu preisen … das war etwas anderes, als Lieder darüber zu singen, wie wunderbar doch der Kampf an der Front war.
Leider brauchte man einen echten Kampf, um den Unterschied lehren zu können. Sollte das Licht dafür sorgen, dass Tenobia nichts Unüberlegtes tat. Lan hatte zu viele junge Männer mit diesem Ausdruck in den Augen gesehen. Bei ihnen hatte die Lösung darin bestanden, sie ein paar Wochen lang bis zur Erschöpfung arbeiten zu lassen, sie so lange zu drillen, bis sie nur noch an ihr Bett dachten und nicht an den »Ruhm«, den sie eines Tages erringen würden. Er bezweifelte, dass sich die Königin darauf einlassen würde.
»Seit Kalyan Ethenielle geheiratet hat, ist sie immer ungestümer geworden«, sagte Lord Agelmar leise, während sie an den hinteren Linien vorbeigingen und Soldaten zunickten. »Meiner Meinung nach konnte er sie immer ein bisschen bremsen, aber jetzt … ohne dass er oder Bashere auf sie aufpassen …« Er seufzte. »Egal. Was wünscht Ihr von mir, Dai Shan?«
»Wir liefern hier einen guten Kampf«, sagte Lan. »Aber ich mache mir Sorgen über unsere Männer. Wie lange können wir die Trollocs zurückhalten?«
»Ihr habt recht; irgendwann wird sich der Feind einen Weg durch unsere Linien erzwingen«, sagte Agelmar.
»Und was tun wir dann?«, fragte Lan.