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Egwene sah sie erstaunt an. Nur eine Schattenfreundin würde so einen Eid verraten. Natürlich trennte einen Seanchaner nicht viel von einem Schattenfreund.

»Ihr glaubt, dass ich nicht gut beschützt bin?«, wollte Egwene wissen. »Ihr glaubt, dass ich noch einen Diener brauche?«

»Ich will nur meine Schuld begleichen«, sagte Leilwin.

In ihrem Tonfall spürte Egwene eine gewisse Steifheit, eine Verbitterung. Das klang nach Ehrlichkeit. Es gefiel dieser Frau überhaupt nicht, sich auf diese Weise zu demütigen.

Voller Unbehagen verschränkte Egwene die Arme. »Was könnt Ihr mir über das seanchanische Militär berichten, seine Organisation und Stärke? Und über die Pläne der Kaiserin?«

»Einige Dinge sind mir bekannt, Amyrlin«, sagte Leilwin. »Aber ich war Schiffskapitän. Ich weiß nur über die seanchanische Flotte Bescheid, und das wird Euch wenig nützen.«

Natürlich, dachte Egwene. Sie warf Gawyn einen Blick zu, der bloß mit den Schultern zuckte.

»Bitte«, sagte Leilwin leise. »Erlaubt mir, mich Euch irgendwie zu beweisen. Ich nenne nur noch wenig mein Eigen. Selbst mein Name gehört mir nicht länger.«

»Zuerst erzählt Ihr von den Seanchanern«, sagte Egwene. »Mir ist egal, ob Ihr es für irrelevant haltet. Egal was es ist, es könnte mir helfen.« Oder es könnte Leilwin als Lügnerin entlarven, was genauso nützlich wäre. »Gawyn, hole mir einen Stuhl. Ich werde mir anhören, was sie zu sagen hat. Danach sehen wir weiter …«

Rand blätterte den Stapel aus Karten, Notizen und Berichten durch. Den verstümmelten Arm auf dem Rücken haltend stand er da; auf dem Tisch brannte eine einsame Lampe. In Glas gehüllt tanzte die Flamme, weil es in dem Zelt, in dem er allein stand, zog.

Lebte die Flamme? Sie nahm Nahrung zu sich, bewegte sich aus eigenem Antrieb. Man konnte sie ersticken, also atmete sie auf gewisse Weise. Was brauchte es, um zu leben?

Konnte eine Idee leben?

Eine Welt ohne den Dunklen König. Eine Welt ohne das Böse.

Rand konzentrierte sich wieder auf die Karten. Was er dort sah, beeindruckte ihn. Elayne bereitete sich gut vor. An den Besprechungen hatte er nicht teilgenommen, bei denen jede Schlacht geplant worden war. Seine Aufmerksamkeit galt dem Norden. Dem Shayol Ghul. Seinem Schicksal. Seinem Grab.

Stets hatte er verabscheut, wie diese Schlachtpläne mit ihren Notizen über Formationen und Gruppen das Leben vieler Männer auf ein paar hingekritzelte Buchstaben auf einer Seite reduzierte. Zahlen und Statistiken. Oh, er sah ein, dass für einen Schlachtfeldkommandanten Klarheit und Distanz von essenzieller Bedeutung waren. Trotzdem verabscheute er es.

Hier vor ihm stand eine Flamme, die lebte, aber hier waren auch Männer, die schon tot waren. Jetzt, da er diesen Krieg nicht persönlich anführen konnte, hoffte er, sich von solchen Karten fernhalten zu können. Er wusste, dass ihn der Anblick dieser Vorbereitungen um die Soldaten trauern lassen würde, die er nicht retten konnte.

Plötzlich überfiel ihn eine Gänsehaut; die Härchen auf seinen Unterarmen stellten sich auf – ein Frösteln zwischen Aufregung und Schrecken. Eine Frau lenkte die Macht.

Rand hob den Kopf und sah Elayne wie erstarrt im Zelteingang stehen. »Licht!«, sagte sie. »Rand! Was machst du hier? Willst du mir einen solchen Schrecken einjagen, dass ich tot umfalle?«

Er ließ die Finger auf den Schlachtplänen ruhen und musterte sie. Also dort stand das wahre Leben. Gerötete Wangen, blondes Haar mit einem Hauch von Honig und Rosen, Augen, die wie ein Freudenfeuer leuchteten. Ihr blutrotes Kleid zeigte die Wölbung der Kinder, die sie trug. Beim Licht, sie war wunderschön.

»Rand al’Thor«, sagte sie. »Wirst du mit mir reden, oder willst du mich weiter angaffen?«

»Wenn ich dich nicht angaffen kann, wen dann?«

»Grins mich nicht auf diese Weise an, Bauernjunge«, erwiderte sie. »Sich in mein Zelt zu schleichen? Also wirklich. Was würden die Leute sagen?«

»Sie würden sagen, dass ich dich sehen will. Außerdem habe ich mich nicht hereingeschlichen. Die Wächter ließen mich passieren.«

Sie verschränkte die Arme. »Sie haben mir kein Wort gesagt.«

»Ich bat sie darum.«

»Dann hast du dich reingeschlichen, ganz egal, aus welchem Grund auch immer.« Elayne ging dicht an ihm vorbei. Sie roch großartig. »Ehrlich, als wäre Aviendha nicht schon genug …«

»Ich wollte nicht von den regulären Truppen gesehen werden«, sagte er. »Ich hatte Angst, dein Lager in Unruhe zu versetzen. Ich bat die Wächter, niemandem zu sagen, dass ich hier bin.« Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Ich musste dich sehen, bevor …«

»Du hast mich in Merrilor gesehen.«

»Elayne …«

»Es tut mir leid«, sagte sie und drehte sich zu ihm um. »Ich freue mich, dich zu sehen, und ich bin froh, dass du gekommen bist. Ich versuche bloß in meinen Schädel zu kriegen, welche Rolle du in alldem hier spielst. Welche Rollen wir in alldem hier spielen.«

»Ich weiß es nicht«, gestand er. »Ich habe es nie ergründen können. Es tut mir leid.«

Sie seufzte und setzte sich dann auf den Stuhl neben ihrem Tisch. »Vermutlich ist es ja gut, einige Dinge zu finden, die du nicht mit einem Handwedeln regeln kannst.«

»Es gibt vieles, was ich nicht regeln kann, Elayne.« Er warf einen Blick auf den Tisch und die Karten. »So vieles.«

Denk nicht daran.

Er ging vor ihr auf die Knie, was ihm eine erhobene Braue einbrachte, bis er seine Hand auf ihren Bauch legte – zuerst nur zögernd. »Ich wusste es nicht«, sagte er. »Erst kürzlich habe ich es erfahren, in der Nacht vor der Zusammenkunft. Man spricht von Zwillingen?«

»Ja.«

»Also wird Tam Großvater«, fuhr er fort. »Und ich werde …«

Wie sollte ein Mann auf diese Neuigkeit reagieren? Sollte es ihn erschüttern? In seinem Leben hatte er so manche Überraschung erlebt. Bisweilen hatte es den Anschein, als könnte er keine zwei Schritte mehr machen, ohne dass sich seine Welt veränderte.

Aber das hier … das war keine Überraschung. Tief in seinem Inneren hatte er gehofft, eines Tages Vater sein zu können. Es war passiert. Das gab ihm Wärme. Selbst wenn so viele Dinge auf der Welt schiefgelaufen waren, eine Sache verlief so, wie sie sollte.

Kinder. Seine Kinder. Er schloss die Augen, atmete ein und genoss den Gedanken.

Er würde sie niemals kennenlernen. Er würde sie vaterlos zurücklassen, bevor sie überhaupt zur Welt kamen. Andererseits hatte Janduin ihn ebenfalls vaterlos zurückgelassen – und er war eigentlich ganz gut geraten. Bloß ein paar grobe Kanten hier und da.

»Wie willst du sie nennen?«, fragte er.

»Wenn ein Junge dabei ist, habe ich daran gedacht, ihn Rand zu nennen.«

Rand erstarrte, als er ihren Bauch berührte. War da eine Bewegung gewesen? Ein Tritt?

»Nein«, sagte er leise. »Bitte nenne die Kinder nicht nach mir, Elayne. Lass sie ihr eigenes Leben leben. Mein Schatten wird auch so schon lang genug sein.«

»Nun gut.«

Er schaute nach oben, um ihren Blick zu erwidern, und entdeckte, dass sie voller Zuneigung lächelte. Sie legte eine sanfte Hand auf seine Wange. »Du wirst einen prächtigen Vater abgeben.«

»Elayne …«

»Kein Wort davon«, sagte sie und hob einen Finger. »Nichts über Tod oder Pflicht.«

»Wir können nicht ignorieren, was passieren wird.«

»Wir müssen aber auch nicht darauf herumreiten«, sagte sie. »So vieles habe ich dir darüber beigebracht, wie man ein Monarch ist. Anscheinend habe ich eine Lektion vergessen. Es ist völlig in Ordnung, für die schlimmste aller Möglichkeiten vorzusorgen, aber man muss sich nicht darauf fixieren. Eine Königin muss vor allem Hoffnung haben.«

»Ich habe Hoffnung«, sagte Rand. »Ich hoffe für die Welt, für dich, für jeden, der kämpfen muss. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich meinen Tod akzeptiert habe.«