»Genug davon. Reden wir nicht mehr davon. Heute Abend werde ich in aller Ruhe mit dem Mann zu Abend essen, den ich liebe.«
Rand seufzte, stand aber auf und setzte sich auf den Stuhl neben ihr, während sie den Wächtern am Zelteingang zurief, ihr Essen zu bringen.
»Können wir dann zumindest über die Taktik sprechen?«, fragte er. »Ich bin ehrlich beeindruckt von dem, was du hier geleistet hast. Ich glaube nicht, dass ich das hätte besser machen können.«
»Die Großen Hauptmänner haben das meiste erledigt.«
»Ich habe deine Anmerkungen gesehen. Bashere und die anderen sind großartige Generäle, auf ihre Weise sogar Genies, aber sie denken bloß an die Schlachten, für die sie zuständig sind. Jemand muss sie koordinieren, und du machst das wunderbar. Du hast ein Gespür dafür.«
»Nein, das habe ich nicht«, erwiderte Elayne. »Aber ich habe mein Leben als die Tochter-Erbin von Andor verbracht, die für drohende Kriege ausgebildet wurde. Du kannst General Bryne und meiner Mutter für das danken, was du in mir siehst. Hast du irgendetwas gefunden, das du ändern würdest?«
»Zwischen Caemlyn und dem Braemwald, wo du den Schatten in einen Hinterhalt locken willst, liegen mehr als hundertfünfzig Meilen«, meinte Rand. »Das ist riskant. Und wenn deine Streitkräfte überrannt werden, bevor sie den Wald erreichen?«
»Alles hängt davon ab, dass sie die Trollocs im Wald schlagen. Unsere Stoßtrupps, die sie bedrängen werden, werden die stärksten und schnellsten Pferde benutzen, die wir haben. Es wird ein schreckliches Rennen, keine Frage, und die Pferde werden dem Tod nahe sein, wenn sie den Wald erreichen. Aber wir hoffen, dass auch die Trollocs erschöpft sind, was unsere Aufgabe erleichtern sollte.«
Sie unterhielten sich über die Taktik, und der Abend wurde zur Nacht. Diener brachten das Essen, Brühe und Wildeber. Rand hatte seine Anwesenheit im Lager nicht ankündigen wollen, aber daran ließ sich nun, da es die Diener wussten, nichts mehr ändern.
Er aß und ließ sich in Elaynes Unterhaltung hineinziehen. Welches Schlachtfeld schwebte in der größten Gefahr? Welchen der Großen Hauptmänner sollte sie bevorzugen, falls sie nicht einer Meinung waren, was oft geschah? Wie würde das alles mit Rands Armee zusammenspielen, die noch immer auf den richtigen Augenblick für den Angriff auf Shayol Ghul wartete?
Die Unterhaltung erinnerte ihn an ihre gemeinsame Zeit in Tear, wo sie zwischen Lektionen in Politik Küsse geraubt hatten. In diesen Tagen hatte sich Rand in sie verliebt. Richtig verliebt. Nicht die Bewunderung eines Jungen, der von einer Mauer fiel und eine Prinzessin anschaute – damals hatte er genauso viel von Liebe verstanden wie ein mit einem Schwert herumfuchtelnder Bauernjunge vom Krieg.
Ihre Liebe wurde aus den Dingen geboren, die sie teilten. Mit Elayne konnte er über Politik und die Last der Herrschaft sprechen. Sie verstand. Das tat sie wirklich, besser als sonst jemand, den er kannte. Sie wusste, was es bedeutete, Entscheidungen zu treffen, die das Leben Tausender veränderte. Sie verstand, was es hieß, das Eigentum der Menschen einer ganzen Nation zu sein. Rand fand es bemerkenswert, dass ihre Verbindung hielt, obwohl sie so oft voneinander getrennt waren. Tatsächlich fühlte sie sich sogar stärker an. Jetzt, da Elayne die Königin war, jetzt, da sie die Kinder teilten, die in ihr heranwuchsen.
»Du bist zusammengezuckt«, sagte Elayne.
Rand sah von seiner Brühe auf. Elayne war mit ihrer Mahlzeit so gut wie fertig. Dabei hatte er sie zur Unterhaltung angeregt. Aber sie hielt bereits eine warme Tasse mit Tee in Händen.
»Was?«
»Du bist zusammengezuckt. Als ich die Kontingente erwähnte, die für Andor kämpfen, bist du zusammengezuckt. Jedenfalls ein bisschen.«
Es war keine Überraschung, dass sie es bemerkt hatte. Immerhin war sie es gewesen, die ihm beigebracht hatte, nach winzigen Veränderungen in den Mienen derjenigen Ausschau zu halten, mit denen er sprach.
»All diese Menschen, die in meinem Namen kämpfen. So viele Menschen, die ich nicht einmal kenne, werden für mich sterben.«
»Diese Last trägt jeder Herrscher im Krieg.«
»Ich sollte sie beschützen können.«
»Wenn du glaubst, du könntest jeden beschützen, Rand al’Thor, dann bist du wirklich nicht so weise, wie du zu sein glaubst.«
Er erwiderte ihren Blick. »Ich glaube nicht, dass ich das kann, aber ihr Tod belastet mich. Ich habe das Gefühl, ich sollte mehr tun können, vor allem jetzt, da ich mich an alles erinnere. Er hat versucht, mich zu brechen, und ist gescheitert.«
»Ist das an jenem Tag oben auf dem Drachenberg geschehen?«
Noch nie hatte er mit jemandem darüber gesprochen. Er rückte den Stuhl näher an sie heran. »Dort oben erkannte ich, dass ich viel zu sehr über Stärke nachgedacht habe. Ich wollte hart sein, so hart. Als ich mich antrieb, so zu sein, riskierte ich dabei, jegliches Mitgefühl zu verlieren. Das war falsch. Damit ich siegen kann, muss ich mit anderen mitfühlen können. Leider bedeutet das, dass ich zulassen muss, über ihren Tod Trauer zu empfinden.«
»Und jetzt erinnerst du dich an Lews Therin?«, flüsterte sie. »An alles, was er wusste? Du tust nicht nur so?«
»Ich bin er. Das war ich immer. Daran erinnere ich mich jetzt.«
Elaynes Augen weiteten sich, und sie atmete aus. »Was für ein Vorteil.«
Allein sie konnte so darauf reagieren. Eine wunderbare Frau.
»Mir steht sein ganzes Wissen zur Verfügung, aber es sagt mir nicht, was ich tun soll.« Er stand auf und ging umher. »Ich sollte es in Ordnung bringen können, Elayne. Niemand sollte mehr für mich sterben müssen. Das ist mein Kampf. Warum muss jeder andere so viel Leid ertragen?«
»Du verweigerst uns das Recht zu kämpfen?« Plötzlich saß sie ganz aufrecht da.
»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Rand. »Dir könnte ich nichts verweigern. Ich wünschte nur, dass ich irgendwie … irgendwie dem allen ein Ende bereiten könnte. Müsste mein Opfer denn nicht ausreichen?«
Sie stand auf, nahm seinen Arm. Er drehte sich ihr zu.
Dann küsste sie ihn.
»Ich liebe dich«, sagte sie. »Du bist ein König. Aber wenn du versuchen würdest, den guten Menschen von Andor das Recht zur Selbstverteidigung zu verweigern, das Recht, sich in der Letzten Schlacht zu wehren …« Ihre Augen blitzten, ihre Wangen röteten sich. Licht! Seine Bemerkungen hatten sie wirklich wütend gemacht.
Er wusste nie genau, was sie sagen oder tun würde, und das fand er aufregend. So wie es aufregend war, explodierenden Nachtblumen zuzuschauen; man wusste, dass es wunderschön werden würde, aber man vermochte nie vorherzusagen, welche Gestalt diese Schönheit annehmen würde.
»Ich sagte, ich würde euch niemals das Recht zu kämpfen verweigern!«
»Es geht dabei um mehr als nur um mich, Rand. Es geht um jeden. Verstehst du das?«
»Ich schätze schon.«
»Gut.« Elayne setzte sich wieder und nahm einen Schluck Tee, dann verzog sie das Gesicht.
»Ist er verdorben?«
»Ja, aber ich bin daran gewöhnt. Trotzdem ist es fast noch schlimmer, als gar nichts zu trinken, so verdorben ist alles.«
Rand nahm ihr die Tasse aus der Hand. Er hielt sie einen Moment, lenkte aber nicht die Macht. »Ich habe dir etwas mitgebracht. Ich vergaß es zu erwähnen.«
»Tee?«
»Nein, das ist nur eine Nebenwirkung.« Er gab ihr die Tasse zurück, und sie probierte vorsichtig.
Und riss die Augen auf. »Das ist ja großartig! Wie machst du das?«
»Gar nicht«, sagte Rand und setzte sich. »Das tut das Muster.«
»Aber …«
»Ich bin ein Ta’veren. In meiner Nähe geschehen Dinge, unberechenbare Dinge. Lange Zeit gab es ein Gleichgewicht. In einer Stadt findet jemand einen unerwarteten Schatz unter der Treppe. In der nächsten, die ich besuchte, entdeckten Leute dann, dass ihre Münzen gefälscht sind und das Werk eines geschickten Falschmünzers waren.