Menschen starben auf schreckliche Weise; andere rettete ein zufälliges Wunder. Todesfälle und Geburten. Eheschließungen und Scheidungen. Einmal konnte ich beobachten, wie eine Feder vom Himmel schwebte und mit dem Kiel im Schlamm stecken blieb, um dort aufrecht zu stehen. Die nächsten zehn taten genau das Gleiche. Es geschah alles zufällig. Zwei Seiten einer geworfenen Münze.«
»Dieser Tee ist kein Zufall.«
»Doch, ist er. Aber weißt du, im Moment erhalte ich bloß die eine Seite der Münze. Jemand anders tut das Schlechte. Der Dunkle König bringt Schrecken in die Welt, verursacht Tod, Böses, Wahnsinn. Aber das Muster … das Muster ist Gleichgewicht. So wirkt es durch mich, um die andere Seite zu präsentieren. Je schwerer der Dunkle König arbeitet, umso mächtiger wirkt der Effekt in meiner Nähe.«
»Das wachsende Gras«, sagte Elayne. »Die aufreißende Wolkendecke. Die Nahrung wird wieder genießbar …«
»Ja.« Nun, gelegentlich halfen auch ein paar Tricks, aber die erwähnte er nicht. In der Tasche suchte er nach einem kleinen Beutel.
»Wenn das stimmt, was du sagtest, dann kann es in der Welt niemals Gutes geben.«
»Aber natürlich kann es das.«
»Wird das Muster es nicht ausgleichen, um des Gleichgewichts willen?«
Er zögerte. Diese Argumentation hatte viel zu große Ähnlichkeit mit der Einstellung, die er vor dem Drachenberg langsam kultiviert hatte – dass er keine anderen Möglichkeiten hatte, dass sein Leben vorherbestimmt war. »Solange wir uns um andere bemühen«, sagte er, »kann es das Gute geben. Beim Muster geht es nicht um Gefühle – nicht einmal um Gut oder Böse. Der Dunkle König ist eine Macht, die von außerhalb kommt, die es gewaltsam beeinflusst.«
Und er würde dem ein Ende bereiten. Wenn er konnte.
»Hier«, sagte er. »Das Geschenk, das ich erwähnte.« Er schob ihr den Beutel entgegen.
Neugierig sah sie Rand an. Sie knotete den Beutel auf und entnahm ihm eine Frauenstatuette. Sie stand aufrecht und hatte eine Stola um die Schultern gelegt, aber sie sah nicht wie eine Aes Sedai aus. Das Gesicht war das einer Erwachsenen; gealtert und weise lächelte sie.
»Ein Angreal?«
»Nein, ein Samenkorn.«
»Ein … Samenkorn?«
»Du hast das Talent, Ter’angreale zu erschaffen«, sagte Rand. »Angreale zu erschaffen benötigt aber einen anderen Prozess. Er beginnt mit einem von diesen hier, ein Objekt, das dazu erschaffen wurde, deine Macht aufzunehmen und sie in etwas anderem zu verankern. Das braucht seine Zeit und wird dich mehrere Monate lang schwächen, also solltest du es nicht versuchen, solange wir im Krieg sind. Aber als ich es fand, völlig in Vergessenheit geraten, musste ich an dich denken. Ich hatte mich gefragt, was ich dir geben sollte.«
»Oh, Rand, ich habe auch etwas für dich.« Sie eilte zu einem elfenbeinernen Schmuckkästchen, das auf einem Lagertischchen stand, und holte einen Gegenstand heraus. Es war ein Dolch mit einer kurzen stumpfen Klinge und einem Griff aus Hirschhorn, der mit Golddraht umwickelt war.
Rand sah den Dolch fragend an. »Versteh mich nicht falsch, aber das sieht nach einer schlechten Waffe aus, Elayne.«
»Es ist ein Ter’angreal, das dir am Shayol Ghul nützlich sein könnte. Damit kann dich der Schatten nicht sehen.« Sie legte die Hand an seine Wange.
Er hielt sie.
Bis spät in die Nacht blieben sie zusammen.
10
Drachen im Einsatz
Perrin ritt Steher, und hinter ihm donnerten Hufe, leichte Kavallerie aus Elaynes Streitkräften: Weißmäntel, Mayener, Ghealdaner und ein paar Leute von der Bande der Roten Hand. Nur ein Bruchteil ihrer Heere. Darum ging es hier.
Sie ritten seitlich an den vor Caemlyn lagernden Trollocs vorbei. Die Stadt qualmte noch immer; Elaynes Plan mit dem Öl hatte die Kreaturen größtenteils hinausgetrieben, aber noch immer hielten einige von ihnen die Mauern.
»Bogenschützen«, rief Arganda, »Feuer!« Seine Stimme würde sich größtenteils im Donnern des Sturmangriffs, dem Schnauben der Pferde und dem Galopp der Hufe verlieren. Trotzdem würden genug den Befehl mitbekommen, und der Rest wusste ohnehin, was zu tun war.
Perrin beugte sich vor und hoffte, dass sein Hammer bei diesem Scharmützel nicht gebraucht werden würde. Sie rasten an den Trollocs vorbei und schossen ihre Pfeile ab, dann wandten sie sich von der Stadt ab.
Perrin warf einen Blick über die Schulter und wurde mit dem Anblick sterbender Trollocs belohnt. Die Bande folgte Perrins Kavallerie und kam nahe genug heran, um Pfeile abzuschießen.
Nun flogen Trolloc-Pfeile durch die Luft – schwarz und dick erinnerten sie beinahe schon an Speere und wurden von gewaltigen Bogen abgeschossen. Ein paar von Perrins Reitern stürzten zu Boden, aber sein Angriff war schnell gewesen.
Die Bestien verließen ihre Position vor den Stadtmauern nicht. Die Reiter wurden langsamer. Arganda setzte sich an Perrins Seite und schaute dabei über die Schulter.
»Sie greifen immer noch nicht an«, sagte er.
»Dann schlagen wir so lange auf sie ein«, erwiderte Perrin, »bis sie die Geduld verlieren.«
»Unsere Angriffe werden fortgesetzt, Euer Majestät«, sagte der Bote, der durch ein von Kusinen erschaffenes Wegetor zu der Stelle im Wald kam, an der Elayne ihr Lager aufgeschlagen hatte. »Lord Goldauge schickt seine Grüße, falls nötig machen sie den ganzen Tag damit weiter.«
Sie nickte, und der Bote kehrte wieder um. Der Braemwald schlummerte; die Bäume waren so kahl, als stünde der Winter unmittelbar bevor. »Botschaften zu übermitteln erfordert viel zu viel Mühe«, sagte Elayne unzufrieden. »Ich wünschte, wir könnten diese Ter’angreale zum Funktionieren bringen; Aviendha sagt, dass eines davon einen über große Entfernungen sehen lässt und mit dem anderen kann man sprechen. Aber von Wünschen kann man sich nichts kaufen, wie Lini zu sagen pflegt. Trotzdem, könnte ich den Kampf doch nur selbst sehen …«
Birgitte sagte nichts. Die blonde Behüterin gab durch nichts zu verstehen, dass sie die Bemerkung mitbekommen hatte.
»Schließlich kann ich mich selbst verteidigen, wie ich schon bereits bei einigen Gelegenheiten bewiesen habe«, fuhr Elayne fort.
Keine Reaktion. Die beiden Pferde gingen leise nebeneinander, auf dem weichen Boden machten die Hufe kaum einen Laut. Die »Zelte« der Soldaten bestanden aus Planen, die man über zwischen Bäume gespannte Seile gelegt hatte. Die einzigen Reisemöbel, die sie mitgenommen hatten, waren Elaynes Pavillon und der Befehlspavillon. Eine Gruppe Kusinen hielt sich stets für Wegetore bereit, um sie und ihre Befehlshaber tiefer in den Wald hineinzuschaffen.
Der größte Teil ihrer Streitkräfte wartete so angespannt wie eine Bogensehne, in die man bereits einen Pfeil eingehakt hatte. Aber sie würde die Trollocs auf keinen Fall zu ihren Bedingungen angreifen. Den Berichten zufolge besetzten einige Fäuste noch immer die Stadtmauern, und ein direkter Angriff würde eine Katastrophe sein, wenn sie von oben den Tod herabregnen ließen.
Sie würde sie herauslocken. Und wenn dazu Geduld erforderlich war, dann sollte es eben so sein. »Ich habe mich entschieden«, sagte sie zu Birgitte. »Ich springe rasch durch ein Wegetor, um einen kurzen Blick auf das Trolloc-Heer zu werfen. Aus sicherer Entfernung. Ich könnte …«
Birgitte griff unter ihr Hemd und holte ihr Fuchskopf-Medaillon hervor, eine der drei mangelhaften Kopien, die Elayne hatte anfertigen können. Mat hatte das Original und eine Kopie, Mellar war mit der anderen Kopie entkommen.
»Wenn du das auch nur versuchst«, sagte Birgitte mit stur nach vorn gerichtetem Blick, »dann werfe ich dich über meine verdammte Schulter, so wie es ein Besoffener mit einer Schenkmaid an einem feuchtfröhlichen Tavernenabend machen würde, und schleppe dich zurück ins Lager. Das Licht steh mir bei, ich tue es, Elayne.«