»Du hast die Königin von Aldeshar beraubt!«
»Ich war sehr höflich dabei«, protestierte Birgitte. »Sie war keine gute Königin. Viele behaupteten, sie hätte gar kein Recht auf den Thron gehabt.«
»Es geht doch ums Prinzip!«
»Genau darum tat ich es ja.« Birgitte runzelte die Stirn. »Zumindest glaube ich … aber …«
Elayne vertiefte das Thema nicht. Birgitte wurde immer so unruhig, wenn sie daran erinnert wurde, dass sich die Erinnerungen an ihre vergangenen Leben auflösten. Manchmal hatte sie überhaupt keine Erinnerung mehr daran; dann wiederum fielen ihr unvermittelt ganz bestimmte Zwischenfälle wieder ein, nur um im nächsten Moment zu verschwinden.
Elayne führte die Nachhut an, die – zumindest theoretisch – dem Feind den größten Schaden zufügen würde.
Trockene Blätter knirschten, als eine atemlose Botin vom Reisegelände eintraf. »Euer Majestät, ich komme aus Caemlyn«, sagte die Frau und verneigte sich hastig auf ihrem Pferd. »Lord Aybara hat die Trollocs erfolgreich in einen Kampf verwickelt. Sie sind auf dem Weg.«
»Beim Licht, sie haben den Köder geschluckt«, sagte Elayne. »Jetzt treffen wir unsere Vorbereitungen. Ruht Euch etwas aus, Ihr werdet Eure Kräfte schon bald brauchen.«
Die Botin nickte und galoppierte los. Elayne informierte Talmanes, die Aiel und Tam al’Thor über die Neuigkeiten.
Als Elayne etwas im Wald hörte, hob sie die Hand und unterbrach den Bericht einer Gardistin. Mondschatten tänzelte nervös vorwärts, vorbei an den Männern, die in ihrer Nähe im Unterholz kauerten. Niemand sagte ein Wort. Die Soldaten schienen kaum Atem zu holen.
Elayne umarmte die Quelle. Macht strömte in sie und mit ihr vergrößerte sich die Süße einer ganzen Welt. Nach der Umarmung Saidars erschien der sterbende Wald plötzlich viel bunter. Ja. Gar nicht weit von hier erklomm etwas die Hügel. Ihre Soldaten, Tausende von ihnen, die ihre Pferde bis zur Erschöpfung antrieben, näherten sich schnell dem Wald. Elayne hob das Fernrohr und konnte die brodelnde Masse der Trollocs sehen, die ein bereits von Schatten verhülltes Land wie eine schwarze Welle überspülten.
»Endlich!«, rief Elayne aus. »Bogenschützen, nach vorn!«
Vor ihr eilten die Männer von den Zwei Flüssen aus dem Wald und nahmen noch gerade innerhalb der Baumgrenze Aufstellung. Das war bloß die kleinste Streitmacht ihrer Armee, aber falls die Berichte ihres Könnens nicht übertrieben waren, würden sie so nützlich wie eine dreimal so große gewöhnliche Kompanie Bogenschützen sein.
Ein paar der jüngeren Männer fingen an, Pfeile einzulegen.
»Wartet!«, rief Elayne. »Das sind unsere Männer, die da auf euch zukommen.«
Tam und seine Unterführer gaben den Befehl weiter. Nervös senkten die Männer die Bögen.
»Euer Majestät«, sagte Tam und trat zu ihr ans Pferd. »Diese Jungs können sie auf diese Entfernung treffen.«
»Unsere Soldaten sind noch immer zu nahe dran«, erwiderte Elayne. »Wir müssen darauf warten, dass sie zu den Seiten ausbrechen.«
»Mit Verlaub, meine Lady«, sagte Tam. »Aber kein Mann von den Zwei Flüssen würde so einen Fehlschuss machen. Diese Reiter sind sicher, und die Trollocs haben auch Bögen.«
Mit Letzterem hatte er recht. Einige Trollocs hielten lange genug in der Verfolgung inne, um ihre gewaltigen Bögen aus Schwarzholz zu spannen. Perrins Männer ritten mit ungeschützten Rücken, und bei mehr als nur ein paar von ihnen steckten schwarz befiederte Pfeile in ihren Pferden.
»Schießt«, sagte Elayne. »Bogenschützen, schießt!« Birgitte gab den Befehl weiter, während sie die Linie abritt. Tam bellte jenen in der Nähe den Befehl zu.
Elayne senkte das Fernrohr, während eine Brise durch den Wald wehte, die trockenen Blätter rascheln ließ und an den skeletthaften Ästen rüttelte. Die Männer von den Zwei Flüssen spannten die Bögen. Beim Licht! Konnten sie wirklich so weit schießen und noch treffen? Die Tiermenschen waren Hunderte Schritt entfernt.
Pfeile erhoben sich in die Luft, stiegen auf wie Falken aus ihren Nestern. Rand hatte ja immer mit seinem Bogen geprahlt, und gelegentlich hatte sie den Langbogen aus den Zwei Flüssen in Aktion gesehen. Aber das hier … so viele Pfeile stiegen mit unglaublicher Präzision in den Himmel …
Die Pfeile senkten sich wieder, und nicht einer lag zu kurz. Sie regneten auf die Reihen der Trollocs, vor allem auf die Bogenschützen. Ein paar vereinzelte Bestien schossen zurück, aber die Männer aus den Zwei Flüssen hatten ihre Linie sauber zerbrochen.
»Das ist beeindruckende Bogenarbeit«, sagte Birgitte, die zurückgeritten war. »Wirklich beeindruckend …«
Die Männer von den Zwei Flüssen schossen schnell mehrere Salven hintereinander ab, während Perrins Reiter den Wald betraten.
»Armbrustmänner!«, befahl Elayne, zog das Schwert und hob es hoch in die Luft. »Die Legion des Drachen nach vorn!«
Die Männer von den Zwei Flüssen ließen sich hinter die Bäume zurückfallen, und die Armbrustmänner kamen aus ihrem Versteck. Ihr standen zwei volle Banner von der Legion des Drachen zur Verfügung, und Bashere hatte sie gut gedrillt. Sie stellten sich zu drei Reihen auf, eine davon stand und schoss, während die anderen kniend nachluden. Der Tod, den sie auf den Weg schickten, traf die Angreifer wie eine zerstörerische Welle, ließ die näher rückende Armee erbeben und schickte Tausende tot zu Boden.
Elayne zeigte mit dem Schwert auf die Bestien. Die Männer von den Zwei Flüssen hatten die ersten Bäume erklommen und schossen jetzt von dort. Auf den Ästen waren sie nicht ganz so zielsicher wie zuvor am Boden, aber das war auch nicht nötig. Die Ungeheuer sahen dem Tod von oben und von vorn entgegen, und sie fingen an, über ihre Toten zu stolpern.
Kommt schon …, dachte Elayne.
Die Trollocs rückten weiter auf die Bogenschützen vor. Ein großes Kontingent trennte sich von der Vorhut und eilte nach Osten. Dort befand sich die Straße, die am Braemwald vorbeiführte, und es würde den Bestien helfen, sie zu erobern und dann zu benutzen, um Elaynes Truppen einzukreisen. Zumindest würden die Blassen das denken.
»Zurück in den Wald!«, befahl Elayne und schwenkte das Schwert. »Beeilt euch!«
Die Armbrustmänner schossen noch eine Salve ab, dann verschwanden sie im Unterholz. Die Männer von den Zwei Flüssen sprangen zu Boden, dann eilten sie umsichtig durch den Wald. Elayne drehte um und ritt vorsichtig. Ein kurzes Stück tiefer im Wald erreichte sie ein Banner aus Alliandres Ghealdanern, die dort mit Piken und Hellebarden in Reihen aufgestellt waren.
»Fallt auf jeden Fall zurück, sobald sie eintreffen«, rief Elayne ihnen zu. »Wir wollen sie noch tiefer hineinlocken!« Tiefer in den Wald, wo die Siswai’aman ihre Ankunft erwarteten.
Die Soldaten nickten. Elayne passierte Alliandre, die von einer kleinen Leibwache umgeben auf dem Pferd saß. Die dunkelhaarige Königin deutete im Sattel eine Verneigung an. Die Männer hatten gewollt, dass sich ihre Königin zu Berelain in dem Lazarett in Mayene gesellte, aber Alliandre hatte sich geweigert. Möglicherweise hatte der Anblick von Elayne, die ihre Truppen persönlich anführte, ihre Entscheidung beeinflusst.
Elayne ließ sie hinter sich zurück, als die ersten Trollocs grunzend und brüllend im Wald eintrafen. Der Kampf würde hier für sie erheblich schwerer sein. An diesem Ort verfügten die Menschen über eine bedeutend bessere Deckung und konnten die riesigen Ungeheuer ständig von hinten angreifen. Bewegliche Abteilungen Bogenschützen und Armbrustmänner konnten aus Verstecken schießen – wenn sie ihre Arbeit richtig erledigten, würden die Bestien nicht einmal wissen, aus welcher Richtung die Pfeile gekommen waren.
Als Elayne ihre Garde in Richtung Straße führte, hörte sie in der Ferne Explosionen und das Gebrüll von Trollocs. Die Schleudermänner warfen Aludras explosive Donnerstöcke. Lichtblitze huschten über die im Halblicht stehenden Baumstämme.
Elayne erreichte die Straße gerade noch rechtzeitig, um sehen zu können, wie die von mehreren Myrddraal in schwarzen Umhängen angeführten Trollocs herbeiströmten. Sie hätten Elaynes Streitkräfte im Handumdrehen flankieren können – aber die Bande der Roten Hand hatte die Drachen bereits auf der Straße aufgebaut. Talmanes stand mit auf dem Rücken verschränkten Händen oben auf einem Kistenstapel und betrachtete seine Kompanie aus der Höhe. Hinter ihm flatterte das Banner der Roten Hand, ein blutiger Handabdruck auf weißem, rot umrandetem Untergrund. Aludra brüllte Entfernungen und Zielanweisungen. Und gelegentlich einen Fluch, wenn die Drachenmänner Fehler machten oder sich nicht schnell genug bewegten.