Vor Talmanes standen die Drachen aufgebaut, fast hundert Stück in vier Reihen quer über die Straße und weiter auf die Felder in der Nähe. Elayne war zu weit weg, um seinen Feuerbefehl hören zu können. Vielleicht war das gut so, denn der folgende Donner erschütterte sie, als wäre der Drachenberg selbst ausgebrochen. Wiehernd bockte Mondschatten, und Elayne hatte alle Mühe, sich im Sattel zu halten. Am Ende versetzte sie dem Pferd mit einem Gewebe aus Luft einen Hieb auf die Ohren, während die Drachenmänner ihre Waffen zur Seite rollten, damit die zweite Reihe schießen konnte.
Elayne verstopfte sich die Ohren, während sie gleichzeitig Mondschatten beruhigte. Birgitte hatte mit ihrem eigenen erschrockenen Pferd zu tun und sprang schließlich ab, aber Elayne achtete kaum darauf. Sie spähte durch den Qualm, der die Straße einhüllte. Die dritte Reihe Drachen rollte nach vorn, um zu schießen.
Obwohl sie sich die Ohren verstopft hatte, konnte sie fühlen, wie die Salve den Boden erbeben und die Bäume erzittern ließ. Die vierte Salve folgte und erschütterte sie bis ins Mark. Sie atmete ein und aus, beruhigte ihren Herzschlag und wartete darauf, dass sich der Rauch klärte.
Als Erstes konnte sie wieder Talmanes sehen, der noch immer dort oben stand. Die erste Reihe Drachen war nachgeladen wieder auf Position gerollt. Die anderen drei Reihen waren eilig damit beschäftigt, ebenfalls nachzuladen, schoben Pulver und riesige Eisenkugeln in die Rohre.
Eine starke Brise aus dem Westen klärte den Rauch weit genug, um sehen zu können … Elayne stöhnte leise auf.
Tausende Trollocs lagen in qualmenden Stücken da, viele waren von der Straße geschleudert worden. Arme, Beine, strähniges Fell, Stücke lagen in zwei Schritt durchmessenden Löchern im Boden. Wo eben noch so viele Bestien gestanden hatten, gab es jetzt nur noch schwarzes Blut, gebrochene Knochen und Rauch. Viele Bäume hatten sich in zersplitterte Stümpfe verwandelt. Von den Myrddraal an der Front war keine Spur mehr zu sehen.
Die Drachenmänner senkten ihre Zündstäbe und feuerten ihre nachgeladenen Rohre nicht ab. Ein paar überlebende Trollocs ganz hinten eilten in den Wald hinein.
Elayne sah Birgitte an und grinste. Die Behüterin wirkte ernst, während ein paar Gardistinnen losrannten, um ihr Pferd einzufangen.
»Und?«, fragte Elayne, während sie die Ohren entstöpselte.
»Ich glaube …«, sagte Birgitte. »Diese Dinger machen eine Schweinerei. Und sie sind unpräzise. Und verflucht wirksam.«
»Ja, nicht wahr?«, erwiderte Elayne stolz.
Birgitte schüttelte den Kopf. Man brachte ihr Pferd, und sie stieg wieder in den Sattel. »Stets vertrat ich die Ansicht, dass ein Mann und sein Bogen die gefährlichste Kombination sind, die dieses Land jemals kennenlernte, Elayne. Und jetzt … Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass Männer ganz offen die Macht lenken können und die Seanchaner im Kampf Machtlenker einsetzen, haben wir jetzt diese Dinger. Mir gefällt nicht, in welche Richtung sich das entwickelt. Wenn jeder Junge mit einem Eisenrohr ein ganzes Heer vernichten kann …«
»Aber verstehst du denn nicht?«, rief Elayne. »Es wird keine Kriege mehr geben. Wir gewinnen diesen hier, und danach herrscht Frieden, genau wie Rand es wollte. Angesichts solcher Waffen wird niemand mehr in den Krieg ziehen, von den Trollocs einmal abgesehen!«
»Vielleicht«, meinte Birgitte. Sie schüttelte den Kopf. »Vielleicht habe ich weniger Vertrauen in die Vernunft der Menschen als du.«
Elayne schnaubte und hob ihr Schwert in Talmanes’ Richtung, der ebenfalls seine Waffe zog und den Gruß erwiderte. Der erste Schritt zur Vernichtung dieser Trolloc-Armee war getan.
11
Nur ein Söldner mehr
Mir ist durchaus klar, dass es in der Vergangenheit gewisse … Meinungsverschiedenheiten zwischen uns gab«, sagte Adelorna Bastine, die an Egwenes Seite durch das Lager ritt. Adelorna war eine schlanke Frau mit majestätischer Haltung, deren schräg stehende Augen zusammen mit dem dunklen Haar von ihrer saldaeanischen Herkunft kündeten. »Ich möchte nicht, dass Ihr uns als Feinde betrachtet.«
»Das habe ich nicht«, sagte Egwene vorsichtig, »und tue es auch nicht.« Sie konnte sich die Frage sparen, wen Adelorna mit »uns« meinte. Sie war eine Grüne, und schon seit geraumer Zeit hatte Egwene den Verdacht, dass sie ihr Generalhauptmann war, die Bezeichnung, die die Grünen der Anführerin ihrer Ajah gaben.
»Das ist gut«, sagte Adelorna. »Einige Angehörige der Ajah haben dumme Entscheidungen getroffen. Sie sind über ihre Fehler … unterrichtet worden. Es wird keinen Widerstand mehr von denen geben, die Euch am meisten hätten lieben sollen, Mutter. Was auch immer geschehen ist, es soll begraben bleiben.«
»Es soll begraben bleiben«, stimmte Egwene ihr amüsiert zu. Ausgerechnet jetzt, dachte sie. Nach all diesen Ereignissen wollen die Grünen mich vereinnahmen?
Nun, sie würde sie benutzen. Ehrlich gesagt hatte sie sich gesorgt, dass ihre Beziehung zu ihnen nicht mehr zu kitten war. Die Wahl Silvianas zur Bewahrerin der Chroniken hatte viele dazu getrieben, sie als den Feind zu betrachten. Egwene hatte Gerüchte gehört, dass viele glaubten, sie hätte die Roten als Ajah gewählt, obwohl sie nicht nur einen Behüter hatte, sondern auch mit ihm verheiratet war.
»Falls ich fragen darf«, sagte Egwene. »Gibt es einen bestimmten Vorfall, der unsere Probleme … überbrückte?«
»Einige ignorieren bewusst, was Ihr während der Invasion der Seanchaner geleistet habt, Mutter«, sagte Adelorna. »Ihr habt bewiesen, dass Ihr den Geist einer Kriegerin habt. Oder einer Generalin. Das darf die Grüne Ajah keinesfalls ignorieren. Tatsächlich müssen wir es als Beispiel betrachten. So ist es entschieden worden, und so haben die Anführerinnen der Ajah gesprochen.« Adelorna erwiderte Egwenes Blick, dann neigte sie den Kopf.
Die Schlussfolgerungen lagen auf der Hand. Adelorna war die Anführerin der Grünen Ajah. Das unverblümt zu sagen wäre nicht angemessen gewesen, aber Egwene an diesem Wissen teilhaben zu lassen, war ein Zeichen des Vertrauens und des Respekts.
Wärst du wirklich aus unseren Reihen erhoben worden, besagte diese Tat, hättest du gewusst, wer uns anführt. Du hättest unsere Geheimnisse gekannt. Ich offenbare sie dir. Außerdem lag auch Dankbarkeit in dieser Geste. Während des seanchanischen Angriffs auf die Weiße Burg hatte Egwene Adelorna das Leben gerettet.
Die Amyrlin gehörte zu keiner Ajah – und tatsächlich drückte Egwene diese Tugend deutlicher aus als sämtliche ihrer Vorgängerinnen, denn sie war niemals das Mitglied irgendeiner Ajah gewesen. Dennoch war es eine rührende Geste. Dankbar berührte sie Adelornas Arm, dann gab sie ihr die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen.
Gawyn, Silviana und Leilwin ritten ein Stück abseits, da Adelorna die Amyrlin um ein paar Worte unter vier Augen gebeten hatte. Diese Seanchanerin … Egwene konnte sich nicht entscheiden, ob sie sie in unmittelbarer Nähe dulden sollte, um sie im Auge zu behalten, oder sie weit, weit wegschicken sollte.
Leilwins Wissen über die Seanchaner war nützlich gewesen. Soweit sie es beurteilen konnte, hatte die Frau die Wahrheit gesagt. Im Augenblick behielt sie sie in ihrer Nähe – wenn auch nur, weil ihr oft neue Fragen über die Seanchaner einfielen. Leilwin verhielt sich mehr wie eine Leibwächterin als wie eine Gefangene. Als würde Egwene ihre Sicherheit einer Seanchanerin anvertrauen. Sie schüttelte den Kopf und ritt weiter zwischen den Zelten und Lagerfeuern des Heeres. Die meisten Zelte standen leer, da Bryne die Männer Aufstellung hatte nehmen lassen. Er erwartete die Trollocs noch innerhalb dieser Stunde.