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Egwene fand ihn in einem Zelt in Nähe der Lagermitte, wo er gelassen seine Karten und Papiere sortierte. Yukiri war auch da; sie hatte die Arme verschränkt. Egwene stieg ab und betrat das Zelt.

Bryne schaute ruckartig auf. »Mutter!«, rief er so scharf aus, dass sie mitten in der Bewegung erstarrte.

Sie schaute nach unten. Im Zeltboden klaffte ein Loch, und sie wäre um ein Haar hineingetreten.

Es war ein Wegetor. Die andere Seite schien sich in den Himmel selbst zu öffnen und schaute auf das Trolloc-Heer hinab, das gerade die Hügel überquerte. In der vergangenen Woche hatte es viele Scharmützel gegeben, bei denen Egwenes Bogenschützen und Reiter viele der Tiermenschen getötet hatten, die in großer Zahl auf die Hügel an der Grenze zu Arafel zumarschierten.

Egwene spähte durch das Wegetor im Boden. Es befand sich weit oben, weit außerhalb jeder Bogenschussweite, aber auf die Trollocs hinabzuschauen, machte sie schwindlig.

»Ich weiß nicht, ob das einfach nur brillant ist«, sagte sie zu Bryne, »oder unglaublich leichtsinnig.«

Lächelnd wandte sich der General wieder seinen Karten zu. »Kriege gewinnt man durch Informationen, Mutter. Wenn ich genau sehen kann, was sie tun – wo sie versuchen, uns einzukreisen und wie sie ihre Reserven heranschaffen –, kann ich mich vorbereiten. Das ist besser als jeder Schlachtturm. Schon vor Ewigkeiten hätte ich auf diese Idee kommen sollen.«

»Der Schatten hat Schattenlords, die die Macht lenken können, General«, sagte Egwene. »Der Blick durch dieses Wegetor könnte Euch in eine verkohlte Leiche verwandeln. Ganz zu schweigen von den Draghkar. Sollte ein Schwarm versuchen, hier durchzufliegen …«

»Draghkar sind Schattengezücht«, erwiderte Bryne. »Man hat mir gesagt, dass sie der Durchgang durch ein Wegetor tötet.«

»Das ist wohl wahr«, sagte Egwene, »aber dann hättet Ihr hier einen Schwarm toter Draghkar herumliegen. Und nichtsdestotrotz können Machtlenker immer noch durch die Öffnung angreifen.«

»Ich gehe das Risiko ein. Der Vorteil ist unglaublich.«

»Trotzdem wäre es mir lieber, Ihr lasst Späher durch das Wegetor schauen und nehmt nicht Eure eigenen Augen. Ihr seid eine Ressource. Eine unserer wertvollsten. Risiken sind unvermeidlich, aber bitte achtet darauf, sie möglichst gering zu halten.«

»Ja, Mutter.«

Sie untersuchte die Gewebe, dann sah sie Yukiri an.

»Ich habe mich freiwillig gemeldet, Mutter«, sagte Yukiri, bevor sie fragen konnte, wieso eine Sitzende einfachen Wegetordienst tat. »Er schickte nach uns und fragte, ob es wohl möglich sei, ein Wegetor auf diese Weise zu weben – horizontal statt vertikal. Ich hielt es für eine interessante Herausforderung.«

Es überraschte Egwene nicht, dass er sich an die Grauen gewandt hatte. Unter ihnen gab es eine stetig wachsende Gruppe, die sich immer mehr für die Gewebe des Reisens interessierte, so wie sich die Gelben auf Heilgewebe und die Grünen auf Kampfgewebe spezialisierten. Sie schienen das Schnelle Reisen als Teil ihrer Berufung zu Botschaftern und Friedensstiftern zu betrachten.

»Könnt Ihr mir unsere eigenen Linien zeigen?«, bat Egwene.

»Aber sicher, Mutter.« Yukiri schloss das Tor. Sie öffnete ein neues und ließ Egwene von oben auf die Schlachtlinien ihres Heeres blicken, das auf den Hügeln seine Verteidigungspositionen bezog.

Das war effizienter als jede Karte. Keine Karte konnte das Terrain in jeder Einzelheit wiedergeben, und erst recht keine Truppenbewegungen. Egwene hatte das Gefühl, als würde sie von oben auf ein winziges, aber exaktes Modell der Landschaft blicken.

Plötzlich wurde ihr schwindlig. Sie stand am Rand eines Abgrunds, der Hunderte Fuß in die Tiefe führte. In ihrem Kopf drehte sich alles, und sie trat zurück und holte tief Luft.

»Ihr müsst dieses Ding mit einem Seil absperren«, sagte sie. »Jemand könnte direkt hineintreten.« Oder kopfüber hineinstürzen, während er nach unten sieht …

Bryne grunzte. »Ich habe schon Siuan losgeschickt, um etwas zu holen.« Er zögerte. »Aber es gefiel ihr nicht, nach etwas geschickt zu werden, also kommt sie vielleicht mit etwas völlig Nutzlosem zurück.«

»Eine Frage lässt mich nicht los«, sagte Yukiri. »Müsste es nicht eine Möglichkeit geben, so ein Wegetor zu erschaffen, aber es so zu machen, dass nur das Licht durchkommt? So wie ein Fenster. Man könnte darauf stehen und nach unten schauen, ohne fürchten zu müssen, in die Tiefe zu stürzen. Mit den richtigen Geweben könnte man es von der anderen Seite aus unsichtbar machen …«

Sich daraufstellen? Licht. Da müsste man ja verrückt sein.

»Lord Bryne«, sagte Egwene. »Eure Schlachtlinien erscheinen sehr solide.«

»Danke, Mutter.«

»Außerdem fehlt ihnen etwas.«

Bryne hob den Kopf. Andere Männer hätten vielleicht auf die Herausforderung reagiert, aber er nicht. Vielleicht war es ja die ganze Übung, die er durch den Umgang mit Morgase hatte. »Was denn?«

»Ihr stellt Eure Truppen wie gewöhnlich auf. Bogenschützen an der Front und auf den Hügeln, um den feindlichen Vorstoß zu verlangsamen, schwere Kavallerie für den Sturmangriff, die sich dann zurückzieht. Piken, um die Linie zu halten, leichte Kavallerie, um unsere Flanken zu schützen und zu verhindern, dass man uns einkreist.«

»Die vernünftigsten Strategien sind oft die, die sich im Laufe der Zeit bewährt haben«, sagte der General. »Wir mögen ja eine große Streitmacht mit den vielen Drachenverschworenen haben, aber wir sind immer noch in der Unterzahl. Wir können nicht aggressiver vorgehen, als ich es geplant habe.«

»Doch, das könnt Ihr«, sagte Egwene ganz ruhig. Sie erwiderte seinen Blick. »Das ist nicht wie die Schlachten, die Ihr ausgefochten habt, und so ein Heer habt Ihr auch noch nie angeführt, General. Ihr habt einen großen Vorteil, den Ihr nicht mit einbezieht.«

»Ihr meint die Aes Sedai?«

Und ob ich die meine, verdammt noch mal, dachte sie. Beim Licht, sie hatte zu viel Zeit mit Elayne verbracht.

»Ich habe Euch mit einbezogen, Mutter«, sagte Bryne. »Die Aes Sedai hatte ich als Reserve eingeplant, um den Kompanien zu helfen, sich vom Feind zu lösen, damit wir sie durch frische Truppen ersetzen können.«

»Entschuldigt, Lord Bryne«, sagte Egwene. »Eure Pläne sind weise, und auf jeden Fall sollten ein paar Aes Sedai dafür eingesetzt werden. Aber die Weiße Burg hat sich nicht tausend Jahre vorbereitet, um die Letzte Schlacht als Reservetruppe auszusitzen.«

Bryne nickte und zog neue Papiere unten aus dem Stapel hervor. »Ich habe … dynamischere Strategien überdacht, aber ich wollte meine Autorität nicht überschreiten.« Er reichte ihr die Dokumente.

Egwene überflog sie und hob eine Braue. Dann lächelte sie.

Mat hatte ganz vergessen, dass es in der Umgebung von Ebou Dar so viele Kesselflicker gab. Grellbunte Wagen wuchsen wie farbenprächtige Pilze aus einem ansonsten braunen Feld. Es gab genug von ihnen, um eine verdammte Stadt zu füllen. Eine Stadt der Kesselflicker? Das würde wie … eine Stadt der Aiel sein. Einfach nur falsch.

Mat ließ Pips die Straße entlanggehen. Andererseits gab es eine Aiel-Stadt. Vielleicht würde es eines Tages auch eine Stadt der Kesselflicker geben. Sie würden alle Farben aufkaufen, und alle anderen in der Welt würden Braun tragen müssen. In der Stadt würde es keine Kämpfe geben, also würde sie schrecklich langweilig sein, aber es würde im Umkreis von hundertzwanzig Meilen nicht einen einzigen verfluchten Kessel mit einem Loch im Boden geben!