Mat lächelte und tätschelte Pips. Er hatte seinen Ashandarei so gut wie möglich eingewickelt, damit er wie ein an den Sattel geschnallter Wanderstab aussah. Sein Hut befand sich in dem Bündel, das von seinen Satteltaschen hing, zusammen mit allen guten Mänteln. Von dem, den er trug, hatte er den Besatz aus Spitze abgerissen. Eine wahre Schande, aber er wollte nicht erkannt werden.
Ein primitiver Verband bedeckte die eine Seite seines Kopfes und verbarg das fehlende Auge. Als er sich dem Dal-Eira-Tor näherte, reihte er sich brav in die Reihe derer ein, die darauf warteten, in die Stadt gelassen zu werden. Eigentlich sollte er genau wie die anderen verletzten Söldner aussehen, die in die Stadt wollten, um dort Zuflucht oder neue Arbeit zu suchen.
Er achtete darauf, zusammengesunken im Sattel zu sitzen. Den Kopf unten halten, das war ein guter Rat für jedes Schlachtfeld, und wenn man in eine Stadt wollte, in der man bekannt war. Er konnte hier nicht Matrim Cauthon sein. Matrim Cauthon hatte die Königin dieser Stadt gefesselt zurückgelassen, damit man sie ermorden konnte. Viele würden ihn für ihren Mörder halten. Beim Licht, er hätte sich selbst verdächtigt. Beslan würde ihn jetzt hassen, und es war völlig ungewiss, wie Tuon nach ihrer langen Trennung für ihn empfinden würde.
Ja, es war besser, den Kopf unten zu halten und nichts zu sagen. Er würde erst einmal die Stadt erforschen und ein Gefühl für sie bekommen. Immer vorausgesetzt, er erreichte je den Anfang dieser verdammten Schlange. Wer hatte je davon gehört, dass man sich anstellen musste, um eine Stadt zu betreten?
Schließlich erreichte er das Stadttor. Der gelangweilte Soldat, der dort stationiert war, hatte ein Gesicht wie eine alte Schaufel – es war schmutzig und gehörte in einen Schuppen weggeschlossen. Er musterte Mat von Kopf bis Fuß.
»Habt Ihr die Eide geschworen, Reisender?«, fragte der Wächter mit seinem behäbigen seanchanischen Akzent. Auf der anderen Seite des Tores winkte ein anderer Soldat den Nächsten in der Reihe herbei.
»Ja, das habe ich in der Tat«, sagte Mat. »Die Eide für das große seanchanische Kaiserreich und die Kaiserin selbst, möge sie ewig leben. Ich bin bloß ein armer reisender Söldner, der einst zu Haus Haak gehörte, einer adeligen Familie in Murandy. Vor zwei Jahren verlor ich mein Auge an ein paar Banditen im Tweenwald, während ich ein kleines Kind beschützte, das ich im Wald fand. Ich zog sie wie meine eigene Tochter auf, aber …«
Der Soldat winkte ihn weiter. Der Bursche schien ihm nicht wirklich zugehört zu haben. Mat zog in Betracht, allein schon aus Prinzip stehen zu bleiben. Warum sollten die Soldaten Leute zwingen, in einer so langen Schlange zu warten und ihnen Zeit zu geben, sich eine Lügengeschichte auszudenken, nur um sie sich dann nicht anzuhören? Unter Umständen konnte man das schon als Beleidigung auffassen. Nicht Matrim Cauthon, der immer leichten Herzens und nie beleidigt war. Ein anderer aber schon.
Er ritt weiter und verbarg seine Verärgerung. Jetzt musste er nur noch den Weg zur richtigen Schenke finden. Schade, dass Setalle Anans Laden nicht länger zur Verfügung stand. Das hatte sich …
Mat erstarrte, während Pips weiter gemütlich dahintrottete. Er hatte bloß einen Blick auf den anderen Torwächter geworfen. Es war Petra, der Muskelmann aus Valan Lucas Wanderzirkus!
Mat schaute in die andere Richtung und ließ sich noch mehr zusammensinken, dann warf er einen verstohlenen zweiten Blick über die Schulter. Das war Petra, keine Frage. Arme wie Baumstämme und ein Hals wie ein Baumstumpf, das war unverkennbar. Petra war kein großer Mann, aber er war breit genug, dass ein ganzes Heer in seinem Schatten lagern konnte. Was tat er wieder in Ebou Dar? Warum trug er eine seanchanische Uniform? Beinahe ging Mat zu ihm, um mit ihm zu reden, denn sie waren immer gut miteinander ausgekommen, aber diese Uniform ließ es ihn sich anders überlegen.
Nun, wenigstens ließ ihn sein Glück nicht im Stich. Hätte man ihn zu Petra geschickt statt zu dem Wächter, mit dem er gesprochen hatte, wäre er mit Sicherheit erkannt worden. Mat atmete aus, dann stieg er vom Sattel, um Pips am Zügel zu führen. Die Stadt war voller Menschen, und er wollte niemanden mit dem Pferd umstoßen. Außerdem war Pips so beladen, dass er wie ein Lastpferd aussah – vorausgesetzt, der Beobachter verstand nichts von Pferden –, und zu Fuß zu gehen würde weniger auffällig sein.
Vielleicht hätte er im Rahad mit der Suche nach einer Schenke anfangen sollen. Dort fand man immer die neuesten Gerüchte und eine Würfelpartie. Dort bekam man auch ganz schnell ein Messer in den Bauch, ohne sich groß anstrengen zu müssen, und das wollte in Ebou Dar schon etwas heißen. Im Rahad waren die Leute so schnell mit dem Messer bei der Hand und töteten, wie sie einen am Morgen grüßten.
Er begab sich nicht in den Rahad. Dort sah alles nun so anders aus. Am Eingang lagerten Soldaten. Generationen von Herrschern hatten zugelassen, dass der Rahad ungehindert wucherte, aber die Seanchaner hielten nichts davon.
Mat wünschte ihnen Glück. Bis jetzt hatte der Rahad noch jeden Eroberer abgewehrt. Licht, Rand hätte sich einfach dort verstecken sollen, statt in die Letzte Schlacht zu ziehen. Trollocs und Schattenfreunde hätten ihn dort aufzuspüren versucht, und der Rahad hätte sie alle bewusstlos in einer Gasse abgeladen, die Taschen umgedreht und ihre Schuhe für Suppengeld verkauft. Vor dem inneren Auge erhaschte er einen Blick auf Rand, wie er sich rasierte, aber er verdrängte das Bild.
Er bahnte sich einen Weg über eine verstopfte Kanalbrücke und behielt seine Satteltaschen scharf im Blick, aber bis jetzt hatte sich noch kein Beutelschneider daran versucht. Da an jeder zweiten Ecke eine seanchanische Patrouille stand, war das auch nicht weiter verwunderlich. Als er einen Mann passierte, der die Nachrichten des Tages ausrief und andeutete, für wenig Geld guten Klatsch zu haben, musste Mat lächeln. Es überraschte ihn, wie vertraut sich diese Stadt anfühlte, ja, sogar heimisch. Hier hatte es ihm gefallen. Obwohl er sich vage daran erinnern konnte, mürrisch zu maulen, hier so schnell wie möglich wieder verschwinden zu wollen – vermutlich war das gewesen, nachdem die Mauer auf ihn gestürzt war, denn ein Matrim Cauthon war nur selten mürrisch –, wurde ihm jetzt bewusst, dass seine Zeit in Ebou Dar zu der schönsten seines Lebens gehört hatte. In der Stadt hatte es viele Freunde für eine Kartenrunde oder ein Würfelspiel gegeben.
Tylin. Verdammte Asche, das hatte wirklich viel Spaß gemacht. Sie hatte ihn immer wieder gefordert. Mochte das Licht ihm viele Frauen schicken, die das schafften, wenn auch nur in Abständen und auch nur dann, wenn er wusste, wo die Hintertür war. Tuon war auch so eine. Wenn er so darüber nachdachte, würde er vermutlich nie wieder eine andere brauchen. Sie war für jeden Mann mehr als nur ausreichend. Mat lächelte und klopfte Pips auf den Hals. Das Pferd blies ihm im Ausgleich in den Nacken.
Seltsamerweise erschien ihm dieser Ort heimischer als die Zwei Flüsse. Ja, die Ebou Dari waren kratzbürstig, aber schließlich hatte jeder seine Macken. Tatsächlich war er noch nie jemandem begegnet, der nicht wegen der einen oder anderen Sache empfindlich war. Die Grenzländer verblüfften einen ständig, genau wie die Aiel – was man nicht eigens zu erwähnen brauchte. Die Cairhiener und ihre seltsamen Spielchen, die Tairener und ihre albernen Hierarchien, die Seanchaner und ihre … Seanchanerheit.
Das war die reine Wahrheit. Außerhalb der Zwei Flüsse und in geringerem Maße in Andor gab es nur verfluchte Verrückte. Ein Mann hatte sich darauf einzustellen.
Er ging weiter und gab sich alle Mühe, höflich zu sein, um kein Messer in den Bauch zu kriegen. Die Luft roch nach hundert Süßigkeiten, die Unterhaltung der Menge klang wie ein leises Rauschen in seinen Ohren. Die Ebou Dari trugen noch immer ihre bunte Kleidung – vielleicht waren die Kesselflicker ja aus diesem Grund hier, angezogen von den hellen Farben wie Soldaten von ihrem Abendessen –, die Frauen trugen Kleider mit eng geschnürten Oberteilen, die viel Busen zeigten. Nicht dass er hingesehen hätte. Die Röcke wiesen bunte Unterröcke auf, und sie nähten sie an der Seite oder der Vorderseite hochgezogen fest, um sie zur Schau zu stellen. Das hatte er sowieso nie begriffen. Warum das Bunte darunterpacken? Und wenn man es schon tat, warum sich dann solche Mühe geben, es zu bedecken, nur um es wieder oben festzustecken?