In wenigen Sekunden wurden fünfzig zu dreißig. Und diese dreißig stürmten den Hang hinauf. Die Hälfte der Aiel zog die Speere und begann mit dem Kampf, während Birgitte und der Rest ein paar Schritte hangabwärts sprangen und die Bestien flankierten.
Zwanzig wurden zu zehn, die zu fliehen versuchten. Trotz der Waldlandschaft boten sie leichte Ziele – auch wenn man sie zuerst in die Beine oder den Nacken treffen musste, um sie zu Boden zu schicken, damit die Speere ihnen den Rest geben konnten.
Zehn Aiel vergewisserten sich, dass die Trollocs tot waren, indem sie sie mit Speeren durchbohrten. Die anderen sammelten die Pfeile wieder ein. Birgitte zeigte auf Nichil und Ludin, zwei Aiel-Männer, und sie schlossen sich ihr an, um die Gegend zu erkunden.
Ihre Schritte kamen ihr vertraut vor, dieser Wald kam ihr vertraut vor. Nicht nur wegen der vergangenen Leben, an die sie sich nicht länger erinnern konnte. Während ihrer Jahrhunderte in der Welt der Träume hatten sie und Gaidal viele Jahre in diesem Wald verbracht. Sie erinnerte sich daran, wie er ihre Wange liebkoste. Ihren Hals.
Ich darf das nicht verlieren, dachte sie und kämpfte ihre Panik nieder. Beim Licht. Ich darf es einfach nicht. Bitte … Sie wusste nicht, was mit ihr geschah. Da war eine vage Erinnerung, irgendeine Diskussion über … worüber noch mal? Es war ihr entglitten. Menschen konnten vom Horn doch nicht entbunden werden, oder doch? Falkenflügel würde es vielleicht wissen. Sie würde ihn fragen müssen. Oder hatte sie das bereits getan?
Verflucht!
Bewegungen im Wald ließen sie erstarren. Neben einem Stein ging sie in die Hocke. Ganz in der Nähe raschelte es im Unterholz. Nichil und Ludin waren beim ersten Laut verschwunden. Beim Licht, sie waren gut. Es dauerte einen Augenblick, bis sie sie in der Nähe versteckt fand.
Sie hob einen Finger, zeigte auf sich selbst, dann zeigte sie nach vorn. Sie würde erkunden; die anderen würden sie decken.
Birgitte bewegte sich lautlos. Sie würde diesen Aiel zeigen, dass sie nicht die Einzigen waren, die wussten, wie man einer Entdeckung entging. Außerdem waren das ihre Wälder. Ein paar Wüstenleute würden ihr nicht zeigen, wo es langging.
Verstohlen bewegte sie sich vorwärts, ging verdorrten Dornbüschen aus dem Weg. Gab es von denen mehr in der letzten Zeit? Sie schienen zu den wenigen Pflanzen zu gehören, die nicht völlig abgestorben waren. Der Boden roch auf eine Weise abgestanden, wie kein Wald riechen sollte. Allerdings wurde das von dem Gestank nach Tod und Verfall überlagert. Sie kam an einer weiteren Gruppe toter Trollocs vorbei. Das Blut an ihnen war trocken. Sie waren schon ein paar Tage tot.
Elayne hatte ihren Truppen befohlen, die eigenen Toten zurückzubringen. Abertausende Trollocs krochen käfergleich durch diese Wälder. Elayne wollte, dass sie über ihre Toten stolperten, denn sie hoffte, dass es ihnen Angst einjagen würde.
Birgitte näherte sich den Geräuschen. In dem schwachen Licht sah sie große Schatten näher kommen. Trollocs, die witterten.
Die Kreaturen stöberten im Wald herum. Die Straßen mussten sie gezwungenermaßen meiden, weil ein Angriff mit Drachen tödlich sein konnte. Elaynes Plan basierte auf Gruppen, wie Birgitte eine anführte, die ständig auf die Bestien einschlugen, kleine Abteilungen von ihnen tiefer in den Wald lockten und sie dezimierten.
Leider war diese Abteilung bedeutend zu groß für ihren Stoßtrupp. Birgitte zog sich zurück, bedeutete den Aiel, ihr zu folgen, und huschte lautlos zu ihrem Lager zurück.
In der Nacht nach seinem Fehlschlag mit Lans Heer floh Rand in seine Träume.
Er suchte sein Tal des Friedens auf und erschien in einem Hain aus Kirschbäumen in voller Blüte, deren Duft schwer in der Luft lag. Dank dieser wunderschönen weißen Blüten mit der roten Mitte hatte es fast den Anschein, als würden die Bäume in Flammen stehen.
Rand trug die einfache Kleidung der Zwei Flüsse. Nach Monaten in königlicher Kleidung mit hellen Farben und weichen Stoffen waren die locker sitzende Wollhose und das Leinenhemd sehr bequem. An die Füße dachte er robuste Stiefel, wie er sie während seiner Jugend getragen hatte. Sie passten ihm auf eine Weise, wie kein neuer Stiefel, ganz egal, wie gut er auch gemacht war, es je geschafft hatte.
Alte Stiefel durfte er mittlerweile nicht mehr tragen. Gab es auch nur einen Funken Abnutzung zu sehen, ließ sie irgendein Diener stets verschwinden.
Rand stand in den Traumhügeln und machte sich einen Wanderstab. Dann stieg er nach oben in die Berge. Das Tal war kein echter Ort, jedenfalls nicht mehr. Er hatte es aus Erinnerungen und Wunschdenken erschaffen, Vertrautes mit einem Gespür für Entdeckungsreisen vermengt. Überall roch es frisch nach Blättern und Pflanzensaft. Im Unterholz huschten Tiere. Irgendwo in der Ferne kreischte ein Falke.
Lews Therin hatte gewusst, wie man solche Traumsplitter erschuf. Obwohl er kein Traumgänger gewesen war, hatten sich die meisten Aes Sedai dieses Zeitalters das Tel’aran’rhiod auf irgendeine Weise zunutze gemacht. Unter anderem hatten sie gelernt, wie man einen Traum für den Eigenbedarf abtrennte, ein Zufluchtsort innerhalb des eigenen Bewusstseins, der kontrollierter als normale Träume war. Sie hatten gelernt, während ihrer Meditation solche Fragmente zu betreten und dem Körper dabei eine Erholungspause zu verschaffen, die so wirksam wie Schlaf war.
Lews Therin hatte diese Dinge gewusst und noch viel mehr. Wie man auf den Geist eines anderen zugriff, falls dieser den Traumsplitter betrat. Wie man feststellen konnte, ob ein Fremder in seine Träume eingedrungen war. Wie man andere seinen Träumen aussetzte. Lews Therin hatte es einfach Spaß gemacht, Dinge zu wissen; er war darin wie ein Reisender gewesen, der in seinem Rucksack alles haben wollte, was sich irgendwann als nützlich erweisen konnte.
Diese Werkzeuge hatte er zwar nur selten benutzt. Er hatte sie in seinem Hinterkopf abgelegt, wo sie dann verstaubten. Hätten die Geschehnisse ein anderes Ende genommen, wenn er sich jede Nacht die Zeit genommen hätte, in einem friedlichen Tal wie dem hier umherzuwandern? Rand vermochte es nicht zu sagen. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben, war dieses Tal auch nicht länger sicher. Er passierte eine tiefe Höhle zu seiner Linken. Er hatte sie nicht dort hingesetzt. Ein weiterer Versuch Moridins, ihn anzulocken? Er ging daran vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.
Der Wald erschien nicht mehr so lebendig wie noch Augenblicke zuvor. Rand ging weiter und versuchte, dem Land seinen Willen aufzuzwingen. Aber darin hatte er sich nicht genug geübt – also nahm der Wald Grautöne an und erschien ausgewaschen.
Da war die Höhle wieder. Rand blieb an ihrem Eingang stehen. Kalte, feuchte Luft wehte ihm entgegen und ließ ihn frösteln; es roch nach Pilzen. Er warf den Wanderstab zur Seite und betrat die Höhle, webte eine Kugel aus weißblauem Licht und hängte sie neben seinen Kopf. Die Helligkeit wurde von dem feuchten Felsen reflektiert und zeigte glatte Flächen und Spalten.
Aus den Tiefen der Höhle ertönten keuchende Echos. Ihnen folgte Stöhnen. Und … Geplätscher. Rand ging weiter, obwohl ihm mittlerweile klar war, worum es sich hier handelte. Er hatte sich schon gefragt, ob sie es erneut versuchen würde.
Am Ende des Tunnels stieß er auf einen kleinen, vielleicht zehn Schritt breiten Raum, wo sich der Felsen zu einem kreisrunden Teich mit klarem Wasser absenkte. Die blauen Tiefen schienen keinen Grund zu haben.
In der Mitte kämpfte eine Frau in weißem Kleid darum, nicht unterzugehen. Der Stoff ihrer Kleidung breitete sich im Wasser aus und bildete einen Kreis. Gesicht und Haare waren nass. Während Rand zusah, keuchte sie auf und versank, schlug in dem kristallklaren Wasser um sich.