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Einen Augenblick später kam sie keuchend wieder an die Oberfläche.

»Hallo, Mierin«, sagte Rand leise. Er ballte die Faust. Auf keinen Fall würde er in das Wasser springen, um sie zu retten. Das war ein Traumsplitter. Sicherlich konnte der Teich aus echtem Wasser bestehen, aber es war viel wahrscheinlicher, dass es etwas ganz anderes war.

Seine Ankunft schien ihr neuen Auftrieb zu verleihen und die wilden Bewegungen wurden effektiver. »Lews Therin«, sagte sie und wischte sich keuchend mit einer Hand das Gesicht ab.

Licht! Wo war nur seine Ausgeglichenheit geblieben? Unversehens kam er sich wieder wie ein Kind vor, wie der Junge, der Baerlon für die großartigste Stadt hielt, die je erbaut worden war. Ja, ihr Gesicht war anders, aber Gesichter spielten für ihn keine Rolle mehr. Sie war noch immer dieselbe Person.

Von allen Verlorenen hatte allein Lanfear ihren neuen Namen selbst ausgesucht. Sie hatte immer so einen gewollt.

Er erinnerte sich. Er erinnerte sich. Wie er mit ihr am Arm großartige Feste betreten hatte. Wie ihr Lachen die Musik übertönte. Ihre gemeinsamen Nächte. Er hatte sich nicht daran erinnern wollen, wie er mit einer anderen Frau geschlafen hatte, erst recht nicht mit einer der Verlorenen, aber er konnte sich nicht aussuchen, was sein Geist alles enthielt.

Die fremden Erinnerungen vermengten sich mit seinen eigenen, als er sie als Lady Selene begehrt hatte. Dumme, jugendliche Lust. Solche Regungen hatte er abgelegt, aber die Erinnerungen daran blieben.

»Du kannst mich befreien, Lews Therin«, sagte Lanfear. »Er hat Anspruch auf mich erhoben. Muss ich betteln? Er hat Anspruch auf mich erhoben!«

»Du hast dich dem Schatten verschworen, Mierin«, erwiderte Rand. »Das ist deine Belohnung. Erwartest du Mitleid von mir?«

Etwas Dunkles schoss in die Höhe und schlang sich um ihre Beine, um sie wieder in die Tiefe zu reißen. Trotz seiner Worte ertappte sich Rand dabei, wie er einen Schritt nach vorn machte, als wollte er in den Teich springen.

Er brachte sich wieder unter Kontrolle. Endlich fühlte er sich nach langem Kampf wieder wie ein ganzer Mensch. Das verlieh ihm Kraft, aber sein innerer Frieden war eine Schwäche – die Schwäche, die er immer gefürchtet hatte. Die Schwäche, die Moiraine richtigerweise in ihm erkannt hatte. Die Schwäche des Mitgefühls.

Er brauchte es. So wie ein Helm eine Öffnung brauchte, durch die man sehen konnte. Beides konnte ausgenutzt werden. Er musste sich eingestehen, dass das stimmte.

Wasser spuckend kam Lanfear wieder an die Oberfläche und sah hilflos aus. »Muss ich betteln?«, rief sie erneut.

»Ich glaube nicht, dass du so etwas kannst.«

Sie senkte den Blick. »Bitte!«, flüsterte sie.

Etwas in Rand verkrampfte sich. Um das Licht zu finden, hatte er sich durch Finsternis gekämpft. Sich selbst hatte er eine zweite Chance verschafft; sollte er das nicht auch einem anderen zugestehen?

Beim Licht! Er schwankte, erinnerte sich daran, wie es sich angefühlt hatte, die Wahre Macht zu ergreifen. Diese Qual und diese Erregung, diese Macht und dieses Entsetzen. Lanfear hatte sich dem Dunklen König ausgeliefert. Aber in gewisser Weise hatte er das auch getan.

Er blickte ihr in die Augen, forschte darin, erkannte sie. Schließlich schüttelte er den Kopf. »Du bist wesentlich besser in dieser Art von Täuschung geworden, Mierin. Aber nicht gut genug.«

Ihre Miene verfinsterte sich. Im nächsten Augenblick wurde der Teich durch einen Steinboden ersetzt. Lanfear saß dort mit untergeschlagenen Beinen in ihrem silberweißen Kleid. Trug ihr neues Gesicht, war aber noch immer dieselbe.

»Also bist du zurück«, sagte sie, klang aber keineswegs völlig zufrieden. »Nun, dann bin ich nicht länger gezwungen, mich mit einem Bauernjungen auseinanderzusetzen. Das ist immerhin ein kleiner Segen.«

Rand schnaubte und betrat den Raum. Sie war noch immer gefangen – er konnte etwas Dunkles wie eine Schattenkuppel um sie herum fühlen, und er hielt sich davon fern. Der Teich und das Ertrinken waren bloß Theater gewesen. Sie war stolz, stand aber keineswegs darüber, sich schwach zu geben, wenn es die Situation erforderte. Hätte er früher Zugang zu Lews Therins Erinnerungen gehabt, hätte er sich damals in der Fäule niemals so leicht von ihr an der Nase herumführen lassen.

»Dann werde ich dich nicht als eine hilflose Frau ansprechen, die dringend einen heldenhaften Retter braucht«, sagte Lanfear und sah zu, wie er um ihren Kerker herumging. »Sondern als Gleichgestellte, die um Asyl ersucht.«

»Eine Gleichgestellte?« Rand lachte. »Seit wann betrachtest du jemanden als dir gleichgestellt?«

»Meine Gefangenschaft bedeutet dir nichts?«

»Sie schmerzt mich«, sagte er, »aber auch nicht mehr, wie mich geschmerzt hat, dass du dich dem Schatten verschworen hast. Weißt du eigentlich, dass ich dabei war, als du das enthüllt hast? Du hast mich nicht gesehen, denn ich wollte nicht gesehen werden, aber ich habe zugesehen. Beim Licht, Mierin, du hast geschworen, mich zu töten.«

»Habe ich das ernst gemeint?«, fragte sie und drehte sich um, um ihm in die Augen zu blicken.

Hatte sie? Nein, das hatte sie nicht. Jedenfalls nicht in diesem Augenblick. Lanfear tötete niemanden, den sie noch für nützlich hielt, und ihn hatte sie immer als nützlich betrachtet.

»Wir haben einmal etwas ganz Besonderes geteilt«, sagte sie. »Du warst mein …«

»Ich war dein Schmuckstück!«, fauchte Rand. Er holte tief Luft und versuchte sich zu beruhigen. Beim Licht, wie schwer das doch in ihrer Nähe fiel. »Die Vergangenheit ist erledigt. Sie ist mir egal, und ich würde dir mit Freuden eine zweite Chance für das Licht geben. Leider kenne ich dich genau. Du tust es schon wieder. Manipulierst uns, den Dunklen König eingeschlossen. Dir ist das Licht völlig egal. Du interessierst dich nur für Macht, Mierin. Erwartest du allen Ernstes von mir, zu glauben, dass du dich verändert hast?«

»Du kennst mich nicht so gut, wie du glaubst.« Sie beobachtete ihn, wie er die Grenze ihres Kerkers umrundete. »Das hast du nie.«

»Dann beweise es mir.« Rand blieb stehen. »Enthülle mir deinen Geist. Öffne ihn mir völlig. Gib mir die Kontrolle über dich, hier an diesem Ort der beherrschten Träume. Sind deine Absichten rein, befreie ich dich.«

»Um was du mich da bittest, ist verboten.«

Er lachte. »Wann hat dich das je von etwas abgehalten?«

Sie schien darüber nachzudenken; ihre Gefangenschaft schien sie tatsächlich zu beunruhigen. Einst hätte sie über einen derartigen Vorschlag bloß gelacht. Da es sich hier angeblich um einen Ort handelte, an dem er die absolute Kontrolle besaß, falls sie ihm das gestattete, konnte er sie auseinandernehmen und in die Tiefen ihres Verstandes eintauchen.

»Ich …«, sagte Lanfear.

Er machte einen Schritt nach vorn, direkt bis zum Rand ihres Kerkers. Dieses Zittern in ihrer Stimme … das erschien echt. Das erste echte Gefühl, das sie zeigte.

Beim Licht, dachte er und ließ ihren Blick nicht los. Wird sie es tatsächlich tun?

»Ich kann nicht«, sagte sie. »Ich kann nicht.« Beim zweiten Mal sagte sie es leiser.

Rand atmete aus. Seine Hand zitterte. So nahe dran. So nahe am Licht, wie eine Raubkatze in der Nacht, die vor der beleuchteten Scheune auf und ab schlich! Er verspürte Wut, mehr Wut als zuvor. Das tat sie doch jedes Mal! Mit dem zu liebäugeln, was richtig war, aber dann stets den eigenen Weg zu wählen.

»Ich bin fertig mit dir, Mierin«, sagte Rand, wandte sich ab und verließ das Gemach. »Für immer.«

»Du irrst dich in mir!«, rief sie da. »Du hast dich immer in mir geirrt! Würdest du dich jemandem auf diese Weise zeigen? Ich kann das nicht tun. Ich bin zu oft von jenen geschlagen worden, denen ich hätte vertrauen sollen. Von jenen verraten worden, die mich hätten lieben sollen.«

»Du machst mich dafür verantwortlich?« Rand fuhr auf dem Absatz herum.

Sie wich seinem Blick nicht aus. Herrisch saß sie da, als wäre ihr Gefängnis ein Thron.