Es war der Augenblick gekommen, es auch zu benutzen.
Die beiden kleineren Einsatzgruppen aus Aes Sedai begaben sich zu den Flanken der Heere. Einst mochten diese Hügel grün und lebendig gewesen sein. Jetzt waren sie gelb und braun, als hätte die Sonne sie verbrannt. Egwene versuchte, die Vorteile zu sehen. Immerhin würden sie nun einen festen Untergrund haben, und auch wenn gelegentlich Blitze den Himmel entlangzuckten, erschien Regen doch unwahrscheinlich.
Die näher rückenden Trollocs schienen sich endlos in jede Richtung auszubreiten. Obwohl Egwene eine gewaltige Armee zur Verfügung stand, erschien sie unversehens winzig. Glücklicherweise hatten sie einen einzigen Vorteiclass="underline" Die Armee der Bestien wurde von der Notwendigkeit angetrieben, immer weiter nach vorn vorzustoßen. Trolloc-Armeen lösten sich einfach auf, wenn sie nicht ständig vorrückten. Sie fingen an, sich zu streiten. Ihnen ging die Nahrung aus.
Egwenes Armee war ein Hindernis auf ihrem Weg. Und ein Köder. Das Schattengezücht konnte sich nicht leisten, eine solche Streitmacht zu ignorieren, also würde Egwene sie auf den von ihr gewünschten Pfad locken.
Ihre Aes Sedai erreichten die Front. Bryne hatte sein Heer in große, außerordentlich bewegliche Stoßtrupps aufgeteilt, die die Ungeheuer dort treffen sollten, wo sie Verwundbarkeit zeigten.
Die offensive Struktur seiner Truppen schien die Trollocs zu verwirren. Zumindest interpretierte Egwene die Unruhe in ihren Reihen so, die sich in aufgewühlten Bewegungen und verstärktem Lärm äußerte. Nur selten mussten sich Trollocs darum sorgen, in der Defensive zu sein. Sie griffen an, Menschen verteidigten sich. Menschen sorgten sich. Menschen waren Nahrung.
Egwene erreichte den Kamm eines niedrigen Hügels und schaute auf die Ebene, wo die Bestien dicht zusammengerückt standen und ihre Aes Sedai zu beiden Seiten von ihr in einer langen Reihe Aufstellung nahmen. Die Männer hinter ihnen erschienen unsicher. Sie wussten, dass Egwene und die anderen Aes Sedai waren, und kein Mann fühlte sich in Gegenwart einer Aes Sedai ungezwungen.
Egwene zog etwas Langes, Weißes und Schlankes aus dem Lederbehälter an ihrem Gürtel. Einen geriffelten Stab, Voras Sa’angreal. Es lag gut und vertraut in ihrer Hand. Obwohl sie dieses Sa’angreal nur einmal benutzt hatte, konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, dass es sie erwählt hatte. Und im Gegenzug sie es. Beim Kampf gegen die Seanchaner war das ihre Waffe gewesen. Zum ersten Mal verstand sie, warum sich ein Soldat mit seinem Schwert verbunden fühlte.
Das Glühen der Macht flammte um die Frauen an der Frontlinie auf wie bei einer Laternenreihe, die man entzündete. Egwene umarmte die Quelle, und die Eine Macht strömte wie ein Wasserfall in sie hinein, füllte sie aus und öffnete ihr die Augen. Die Welt wurde süßer, die Gerüche von Waffenöl und darbendem Gras stärker.
In der Umarmung Saidars sah sie die Spuren von Farben, von denen der Schatten nicht wollte, dass sie sie wahrnahmen. Nicht das ganze Gras war tot; überall gab es winzige grüne Spuren, wo es sich ans Leben klammerte. Unter der Oberfläche bewegten sich Wühlmäuse, wie ihr jetzt die Bewegungen der Erde verrieten. Die Tiere nagten an den sterbenden Wurzeln und klammerten sich an das Leben.
Mit einem durchtriebenen Lächeln zog Egwene die Eine Macht durch den geriffelten Stab. In dieser Sturzflut lenkte sie ein einsames Schiffchen auf einem Meer aus Kraft und Energie und umarmte den Wind. Endlich setzten sich die Trollocs in Bewegung. Ein brüllender Sturmlauf aus Waffen, Reißzähnen, Gestank und viel zu menschlichen Augen. Vielleicht hatten die Myrddraal die Aes Sedai an vorderster Front erkannt und wollten die Machtlenkerinnen angreifen und vernichten.
Die Frauen warteten auf Egwenes Zeichen. Sie hatten sich nicht zu einem Zirkel verknüpft – ein Zirkel funktionierte am besten, wenn man einen konzentrierten, präzisen Strom der Einen Macht brauchte. Das war heute nicht erwünscht. Heute ging es bloß darum, etwas zu vernichten.
Sobald die Bestien den halben Weg zu den Hügeln zurückgelegt hatten, begann Egwene mit ihrer Offensive. Schon immer war sie ungewöhnlich stark in Erde gewesen, also führte sie mit den schlichtesten und zerstörerischsten aller Gewebe. Auf breiter Front sandte sie Stränge Erde in den Boden unter den Ungeheuern und stemmte ihn empor. Mithilfe von Voras Sa’angreal fühlte sich das so leicht an, als würde man eine Handvoll Kieselsteinchen in die Luft werfen.
Nach diesem Zeichen webte die ganze Reihe Frauen die Macht. Glühende Fäden wogten in der Luft. Reine Ströme aus Feuer, sich aufbäumender Erde, aus Windstößen, die Tiermenschen gegeneinanderschleuderten und sie zu Fall brachten.
Die Bestien, die Egwene in die Luft geworfen hatte, stürzten wieder zu Boden, und vielen fehlten Arme oder Beine. Knochen brachen, und Trollocs schrien gequält auf, als ihre Artgenossen auf ihnen landeten. Egwene ließ die zweite Reihe über die Gestürzten straucheln, dann schlug sie erneut zu. Dieses Mal konzentrierte sie sich nicht auf die Erde, sondern auf Metalle.
Metall in Rüstungen, in Waffen und in Schmuck. Sie zerschmetterte Äxte und Schwerter, Kettenhemden und gelegentlich auch Harnische. Stahlfragmente wirbelten mit tödlicher Geschwindigkeit umher. Sprühendes Blut färbte die Luft rot. Die nächsten Reihen versuchten, dem Schrapnell zu entgehen, aber die dahinter befindlichen Angreifer hatten zu viel Schwung. Sie stießen ihre Gefährten in die Todeszone und trampelten sie nieder.
Egwene tötete auch die nächste Welle mit explodierendem Metall. Das war schwerer, als den Boden in die Höhe zu schleudern, aber es war in den hinteren Reihen auch nicht zu sehen, darum konnte sie sie auch weiterhin vernichten, ohne dass sie erkannten, was sie eigentlich damit anrichteten, wenn sie ihre Gefährten weiter nach vorn stießen.
Wieder riss Egwene die Erde auseinander. Unverfälschte Macht einzusetzen und Gewebe in ihren Grundformen zu schleudern hatte etwas Belebendes. In diesem Moment, in dem sie verstümmelte, vernichtete und dem Feind den Tod brachte, hatte sie das Gefühl, mit dem Land zu verschmelzen. Dass sie das Werk verrichtete, nach dem es sich so lange schon gesehnt hatte. Die Fäule und das Schattengezücht, das sie hervorbrachte, waren eine Krankheit. Auswurf. Erfüllt von der Einen Macht stand Egwene in Flammen, war ein loderndes Leuchtfeuer aus Tod und Richterspruch; sie war die Flamme, die die Wunde ausbrannte und dem Land Heilung bringen würde.
Die Trollocs bemühten sich mit aller Kraft, die Gewebe der Aes Sedai zu durchbrechen, aber damit kamen nur immer mehr von ihnen in Reichweite der Weißen Burg. Die Grünen wurden dem Ruf ihrer Ajah gerecht und schickten dem Feind ein Gewebe der Zerstörung nach dem anderen entgegen – aber die anderen Ajahs folgten ihrem Beispiel.
Der Boden erbebte, und die Luft war erfüllt mit den Todesschreien der Sterbenden. Körper zerrissen, Fleisch brannte. Nicht wenige Soldaten der Frontlinie mussten sich bei dem Anblick übergeben. Und noch immer schlugen die Aes Sedai auf die Reihen der Trollocs ein. Einzelne Schwestern suchten sich wie befohlen Myrddraal. Egwene traf selbst einen, riss ihm mit einem Gewebe aus Feuer und Luft den augenlosen Schädel vom Hals. Jeder getötete Blasse vernichtete die mit ihm verknüpften Fäuste Trollocs.
Egwene verdoppelte ihre Angriffe. Eine Reihe traf sie mit einer Welle explodierender Erde, dann schleuderte sie ein Gewebe Luft in die stürzenden Körper und schmetterte sie in die Reihen dahinter. Sie riss Löcher in den Boden und ließ die Steine in der Erde zerplatzen. Es kam ihr so vor, als schlachtete sie stundenlang Trollocs. Schließlich gab das Schattengezücht nach, und die Bestien wichen trotz der Peitschen der Myrddraal zurück. Egwene holte tief Luft – sie spürte die ersten Anzeichen von Schwäche – und tötete noch mehr Blasse. Schließlich hatten auch sie genug und flohen vor den Hügeln.