Der Ausdruck in Bornhalds Augen zerrte das alles wieder an die Oberfläche. Den Schmerz, den Schrecken, den Verlust, den Zorn.
»Das ist ein schrecklicher Augenblick, um Euch das zu sagen, das weiß ich«, sagte Bornhald. »Aber ich konnte es nicht für mich behalten. Ich … wir könnten fallen. Licht, alles könnte fallen. Ich musste es sagen.«
Er drehte sich um und ging mit niedergeschlagenem Blick zurück zu den anderen Weißmänteln. Perrin blieb allein dort stehen; seine ganze Welt war erschüttert.
Dann rückte er sie wieder zurecht. Er hatte damit abgeschlossen; er hatte seine Familie betrauert. Es war vorbei.
Er könnte und würde nach vorn blicken. Die alten Wunden schmerzten wieder, aber er ignorierte sie und sah zum Wegetor. Zu Rand und seiner Pflicht.
Auf ihn wartete Arbeit. Aber Ordeith … Padan Fain … Das erhöhte nur die Zahl der schrecklichen Verbrechen dieses Mannes. Perrin würde dafür sorgen, dass er dafür bezahlte. Auf die eine oder andere Weise.
Er ging auf das Wegetor zu, um zu Reisen, damit er Rand aufspüren konnte. Gaul trat an seine Seite.
»Ich gehe an einen Ort, der dir verwehrt ist, mein Freund«, sagte Perrin leise, und sein Schmerz verblasste. »Es tut mir leid.«
»Du gehst zu dem Traum im Traum«, erwiderte Gaul und gähnte. »Ich bin sehr müde.«
»Aber …«
»Ich komme mit, Perrin Aybara. Wenn du willst, dass ich zurückbleibe, kannst du mich ja umbringen.« Perrin wagte es nicht, ihn deswegen zu bedrängen. Er nickte.
Er warf noch einen Blick zurück und hob noch einmal seinen Hammer. Dabei fiel sein Blick durch ein anderes Wegetor, das nach Mayene, das Grady noch immer offen hielt. Auf der anderen Seite standen zwei Gestalten in weißen Gewändern, die Gaul beobachteten. Der Aiel hob einen Speer in ihre Richtung. Wie musste sich das für zwei Kriegerinnen anfühlen, an der Letzten Schlacht nicht teilhaben zu können? Vielleicht hätte Rand versuchen sollen, die Gai’shain für ein paar Wochen von ihren Eiden befreien zu lassen.
Aber vermutlich hätte er damit jeden einzelnen Aiel gegen sich aufgebracht. Das Licht helfe jedem Feuchtländer, der es wagte, sich am Ji’e’toh zu vergreifen.
Perrin duckte sich durch das Wegetor auf das Feld von Merrilor. Dort packten er und Gaul für eine lange Reise – genug Wasser und Proviant, so viel sie zu tragen wagten.
Perrin brauchte fast eine halbe Stunde, um Rands Asha’man zu überzeugen, ihm zu verraten, wo ihr Anführer hingegangen war. Schließlich öffnete ihm ein widerstrebender Naeff ein Tor. Perrin verließ Merrilor und trat in etwas hinein, das eigentlich nur die Fäule sein konnte. Aber die Felsen waren kalt.
Die Luft roch nach Tod und Verzweiflung. Der Gestank überwältigte Perrin, und er brauchte Minuten, um die normalen Gerüche davon trennen zu können. Rand stand direkt ein Stück voraus, an der vorderen Kante eines Felsgrats, die Arme auf dem Rücken gehalten. Hinter ihm hatte sich eine Gruppe seiner Berater, Kommandanten und Leibwächter versammelt, einschließlich Moiraine, Aviendha und Cadsuane. Aber in diesem Augenblick stand er ganz allein an der Kante.
In der Ferne erhob sich der Gipfel des Shayol Ghul. Ein Frösteln überkam Perrin. Die unerschütterliche Entschlossenheit auf Rands Gesicht war unverkennbar, während er den Berg betrachtete.
»Licht!«, sagte Perrin. »Ist es so weit?«
»Nein«, erwiderte Rand leise. »Das ist eine Prüfung, um zu sehen, ob er mich wahrnimmt.«
»Perrin?«, fragte Nynaeve von der Hügelseite. Sie hatte eben noch mit Moiraine gesprochen, und wenigstens dieses eine Mal roch sie nicht hasserfüllt. Zwischen diesen beiden Frauen hatte sich etwas getan.
»Ich brauche ihn nur kurz«, sagte Perrin und stellte sich neben Rand an die Kante des Felsvorsprungs. Hier waren auch Aiel vertreten, und er wollte nicht, dass sie und erst recht nicht die Weisen Frauen mitbekamen, worum er Rand bitten würde.
»Du hast diesen Moment und viele weitere, Perrin«, sagte Rand. »Ich stehe tief in deiner Schuld. Was möchtest du?«
»Nun …« Perrin sah über die Schulter. Würden Moiraine oder Nynaeve genug wissen, um zu versuchen, ihn aufzuhalten? Vermutlich. Frauen versuchten immer einen Mann davon abzuhalten, das zu tun, was er tun musste, als hätten sie Angst, er würde sich sofort den Hals brechen. Und dabei spielte es nicht die geringste Rolle, dass das die Letzte Schlacht war.
»Perrin?«
»Ich muss den Wolfstraum betreten.«
»Tel’aran’rhiod? Perrin, ich weiß nicht, was du dort machst; du hast nur wenig darüber erzählt. Ich glaubte, du wüsstest, wie man …«
»Ich weiß, wie man ihn betritt«, flüsterte Perrin, damit die Weisen Frauen und die anderen hinter ihnen nichts mitbekamen. »Auf die einfache Weise. Ich brauche etwas anderes. Du weißt Dinge, du erinnerst dich an Dinge. Erinnert sich irgendetwas in deinem uralten Gehirn daran, wie man die Welt der Träume im Fleisch betritt?«
Rand wurde ernst. »Du erbittest da eine gefährliche Gunst.«
»So gefährlich wie das, was du tun wirst?«
»Vielleicht.« Rand runzelte die Stirn. »Hätte ich es damals schon gewusst, als ich … nun, sagen wir, einige würden deine Bitte als etwas sehr, sehr Böses betrachten.«
»Es ist nicht böse, Rand«, sagte Perrin. »Ich erkenne etwas Böses, wenn ich es rieche. Es ist nicht böse, es ist nur unglaublich dumm.«
Rand lächelte. »Und trotzdem fragst du danach?«
»Die guten Möglichkeiten sind erschöpft. Es ist besser, etwas Verzweifeltes zu tun, als die Hände in den Schoß zu legen.«
Rand schwieg.
»Sieh mal«, sagte Perrin. »Wir haben doch über die Schwarze Burg gesprochen. Ich weiß, dass du dir deswegen Sorgen machst.«
»Ich werde sie besuchen müssen«, sagte Rand mit sich verfinsternder Miene. »Aber es ist eine offensichtliche Falle.«
»Ich glaube, ich weiß, was zumindest für einen Teil der Schwierigkeiten dort verantwortlich ist«, verkündete Perrin. »Da gibt es jemanden, den ich stellen muss, und ich kann ihn nicht besiegen, wenn ich ihm nicht mit den gleichen Mitteln gegenübertreten kann. Im Traum.«
Rand nickte langsam. »Das Rad webt, wie es das Rad will. Wir werden das Verdorbene Land verlassen müssen; man kann den Traum nicht betreten, solange man …«
Nachdenklich verstummte er, dann erschuf er ein Gewebe. Neben ihm öffnete sich ein Wegetor. Etwas daran unterschied sich von den üblichen Toren.
»Ich verstehe«, sagte er dann. »Die Welten nähern sich einander, werden zusammengestaucht. Was einst voneinander getrennt war, ist es nicht länger. Dieses Wegetor bringt dich in den Traum. Pass auf dich auf, Perrin. Stirbst du an diesem Ort im Fleisch, kann das … Konsequenzen haben. Was du dort entgegentrittst, könnte schlimmer als der Tod selbst sein, vor allen Dingen jetzt. Zu diesem Zeitpunkt.«
»Ich weiß«, erwiderte Perrin. »Ich werde einen Ausgang brauchen. Kannst du einen deiner Asha’man einmal am Tag so ein Tor machen lassen, bei Einbruch der Morgendämmerung? Sagen wir, auf dem Reisegelände in Merrilor?«
»Gefährlich«, flüsterte Rand. »Aber ich tue es.«
Perrin nickte dankbar.
»Wenn das Licht es will, sehen wir uns wieder«, sagte Rand. Er streckte die Hand aus. »Halte nach Mat Ausschau. Ich bin mir wirklich nicht sicher, was er vorhat, aber ich habe das Gefühl, dass es für alle Beteiligten äußerst gefährlich sein wird.«
»Für uns nicht«, erwiderte Perrin und umklammerte Rands Unterarm. »Du und ich, wir sind so viel besser darin, den sicheren Weg nicht zu verlassen.«
Rand lächelte. »Möge dich das Licht beschützen, Perrin Aybara.«
»Dich auch, Rand al’Thor.« Perrin zögerte und erkannte, was da gerade geschah. Sie nahmen Abschied voneinander. Er umarmte Rand.
»Ihr beiden passt auf ihn auf«, sagte er dann und warf Nynaeve und Moiraine einen Blick zu, als er sich aus der Umarmung löste. »Habt ihr mich verstanden?«
»Ach, jetzt willst du, dass ich auf Rand aufpasse?«, sagte Nynaeve mit in die Hüften gestemmten Händen. »Ich glaube nicht, dass ich je damit aufgehört habe, Perrin Aybara. Glaub bloß nicht, dass mir euer Flüstern da vorn entgangen ist. Du tust etwas Dummes, nicht wahr?«