Als wäre er gegen etwas unglaublich Kaltes gestoßen. Es raubte ihm alle Kräfte. Er stolperte, konzentrierte sich aber weiter auf sein Ziel. Der Schlächter. Der Wolfsmörder. Springers Mörder.
Perrin richtete sich auf, als seine Kräfte zurückkehrten. Das war leichter als beim letzten Mal gewesen; sich im Fleisch im Wolfstraum aufzuhalten machte ihn tatsächlich stärker. Er brauchte sich keine Sorgen darüber zu machen, sich zu intensiv in den Traum zu ziehen, was zum Tod seines Körpers in der realen Welt geführt hätte.
Langsam wie durch Wasser bewegte er sich durch die Barriere und erreichte die andere Seite. Hinter ihm streckte Gaul mit neugieriger Miene den Zeigefinger aus und berührte die Kuppelwand.
Augenblicklich sackte er schlaff wie eine Puppe zu Boden. Speere und Pfeile fielen aus ihren Köchern, und er lag völlig reglos da; nicht einmal seine Brust hob und senkte sich. Perrin griff – wenn auch gegen einen Widerstand – durch die Barriere und nahm Gauls Fußknöchel, um ihn auf die andere Seite zu ziehen.
Dort keuchte Gaul sofort auf und rollte sich stöhnend auf die Seite. Er setzte sich auf und hielt sich den Kopf. Stillschweigend holte Perrin ihm seine Speere und Pfeile.
»Das wird eine gute Erfahrung werden, um an unserem Ji zu arbeiten«, meinte der Aiel. Er stand auf und rieb sich den Arm, mit dem er zuerst auf dem Boden aufgeprallt war. »Die Weisen Frauen bezeichnen die Art und Weise, auf die wir an diesen Ort gelangt sind, als böse? Ich glaube, es würde ihnen gefallen, Männer herzubringen, um ihnen hier Manieren beizubringen.«
Perrin musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass der Mann sein Gespräch mit Edarra über den Wolfstraum gehört hatte. »Was habe ich bloß getan, um deine Loyalität zu verdienen, Gaul?«, murmelte er, hauptsächlich an sich selbst gerichtet.
Gaul lachte. »Es geht nicht um das, was du getan hast.«
»Was meinst du? Damals habe ich dich aus diesem Käfig befreit. Darum folgst du mir.«
»Darum bin ich dir nur zu Anfang gefolgt«, erwiderte Gaul. »Darum bin ich aber nicht geblieben. Komm, gibt es hier nicht eine Gefahr, die wir jagen?«
Perrin nickte, und Gaul verschleierte sich. Unter der Kuppel setzten sie sich in Bewegung und näherten sich den Umrissen in der Ferne. Vom Rand einer solchen Kuppel bis zur Mitte war es immer ein ordentliches Stück Weg, aber Perrin wollte sich nicht versetzen und überrascht werden, also gingen sie zu Fuß weiter und durchquerten eine Landschaft aus wogendem Grasland, in dem sich gelegentlich Baumgruppen erhoben.
Sie marschierten ungefähr eine Stunde lang, bevor sie die Mauer erblickten. Hoch und eindrucksvoll erinnerte sie an die Mauer einer großen Stadt. Sie gingen direkt darauf zu, und Gaul behielt sie konzentriert im Auge, als erwarte er jeden Augenblick, beschossen zu werden. Aber im Wolfstraum würde diese Mauer nicht bewacht sein. Falls sich der Schlächter dort aufhielt, würde er im Herzen der Kuppel lauern, im genauen Zentrum. Und er würde vermutlich eine Falle gestellt haben.
Perrin berührte Gaul und beförderte sie auf die Mauer. Der Aiel setzte sich sofort in Bewegung, duckte sich und spähte in einen der überdachten Wachtposten.
Perrin trat an die andere Mauerseite und schaute nach unten. Die Schwarze Burg war bei Weitem nicht so imposant, wie die Mauer vermuten ließ. Einem nahe gelegenen Dorf aus Hütten und kleinen Häusern folgte ein großes, noch im Bau befindliches Gebäude.
»Sie sind ausgesprochen arrogant, findet Ihr nicht?«, sagte plötzlich eine weibliche Stimme.
Perrin zuckte zusammen, fuhr herum und befahl seinen Hammer in die Hände, während er in Gedanken eine Ziegelmauer als Schutz um sich herum vorbereitete. Eine kleine junge Frau mit silbergrauen Haaren stand neben ihm auf der Mauer und bemühte sich um eine kerzengerade Haltung, als wollte sie größer erscheinen, als sie tatsächlich war. Ihr weißes Gewand wurde an der Taille von einem silbernen Gürtel gehalten. Perrin erkannte das Gesicht nicht, aber ihr Duft war ihm vertraut.
»Mondjägerin«, sagte er. Es war fast ein Knurren. »Lanfear.«
»Diesen Namen darf ich nicht länger benutzen«, sagte sie und klopfte mit einem Finger auf die Zinnen. »Er ist so streng, was Namen angeht.«
Perrin wich zurück, ließ die Blicke schweifen. Arbeitete sie mit dem Schlächter zusammen? Gaul verließ den Wachtposten und erstarrte, als er sie sah. Perrin streckte die Hand aus, um ihn fernzuhalten. Konnte er an seine Seite springen und mit ihm verschwinden, bevor sie angriff?
»Mondjägerin?«, fragte Lanfear. »Nennen mich die Wölfe so? Das stimmt nicht, nicht einmal annähernd. Ich jage den Mond nicht. Der Mond gehört mir bereits.« Sie beugte sich nach vorn und stützte die Arme auf die brusthohe Wehrmauer.
»Was wollt Ihr?«, wollte Perrin wissen.
»Vergeltung«, flüsterte sie. Dann sah sie ihn an. »Das Gleiche wie Ihr, Perrin.«
»Ich soll glauben, dass Ihr den Schlächter ebenfalls tot sehen wollt?«
»Der Schlächter? Moridins Waisenjunge, sein Laufbursche? Er interessiert mich nicht. Meine Vergeltung betrifft einen anderen.«
»Wen?«
»Der für meine Gefangenschaft verantwortlich ist«, sagte sie leise und voller Leidenschaft. Plötzlich blickte sie zum Himmel. Entsetzt riss sie die Augen weit auf und verschwand.
Perrin nahm den Hammer von der einen in die andere Hand, während Gaul angeschlichen kam und dabei versuchte, gleichzeitig in alle Richtungen zu blicken. »Wer war das?«, fragte er. »Aes Sedai?«
»Schlimmer.« Perrin verzog das Gesicht. »Haben die Aiel einen Namen für Lanfear?«
Gaul sog zischend die Luft ein.
»Ich weiß nicht, was sie will«, sagte Perrin. »Ich habe sie nie verstanden. Mit etwas Glück haben sich bloß unsere Pfade gekreuzt, und sie kümmert sich um ihre eigenen Angelegenheiten.«
Aber das glaubte er nicht, nicht, wenn er bedachte, was ihm die Wölfe zuvor verraten hatten. Mondjägerin wollte ihn. Beim Licht, als hätte ich nicht bereits schon genug Ärger.
Er versetzte sie zum Fuß der Mauer und sie gingen weiter.
Toveine kniete neben Logain. Androl musste zusehen, wie sie sein Kinn liebkoste und er sie dabei entsetzt anstarrte.
»Schon gut«, sagte sie zuckersüß. »Du kannst aufhören, dich zu wehren. Entspann dich, Logain. Gib einfach nach.«
Mühelos hatte man sie Umgedreht. Anscheinend fiel es mit dreizehn Halbmenschen verknüpften Machtlenkern leichter, Frauen Umzudrehen als Männer und umgekehrt. Darum hatten sie mit Logain auch solche Probleme.
»Nehmt ihn«, sagte Toveine und zeigte auf Logain. »Bringen wir das endlich zu Ende. Er verdient den Frieden, den die Belohnung des Großen Herrn bringt.«
Taims Gefolgsleute schleppten Logain fort. Androl sah verzweifelt zu. Offensichtlich betrachtete Taim ihn als eine ganz besondere Beute. Hatte man ihn erst Umgedreht, würde der Rest der Schwarzen Burg ein Kinderspiel sein. Viele der jungen Männer in der Burg würden sich ihrem Schicksal freiwillig ergeben, falls Logain es ihnen befahl.
Wie schafft er es nur, noch immer Widerstand zu leisten?, dachte Androl. Der stattliche Emarin war schon nach zwei Sitzungen ein wimmerndes Wrack, auch wenn er noch nicht Umgedreht war. Logain hatte das fast schon ein Dutzend Mal durchgemacht, und er widerstand noch immer.
Das würde sich ändern, da Taim jetzt Frauen zur Verfügung standen. Kurz nachdem Toveine Umgedreht worden war, waren weitere Frauen eingetroffen, Schwestern der Schwarzen Ajah, die von einer abstoßend hässlichen Frau angeführt wurden. Die anderen Roten, die mit Pevara gekommen waren, hatten sich ihnen angeschlossen.
Benommene Sorge floss durch Pevaras Bund mit ihm. Sie war wach, aber das Getränk, das sie vom Machtlenken abhielt, hielt sie fest im Griff. Androls Verstand hingegen war ziemlich klar. Wie lange war es her, dass sie ihn gezwungen hatten, den Rest des Becherinhalts zu schlucken, den sie Emarin verabreicht hatten?