Logain … hält nicht mehr lange durch. Pevaras Botschaft war durchtränkt von Erschöpfung und wachsender Resignation. Was sollen … Ihre Gedanken verschwammen, sie unterbrach sich. Soll man mich doch zu Asche verbrennen! Was sollen wir tun?
Logain schrie vor Schmerzen. Das hatte er noch nie getan. Gewiss ein böses Zeichen. Evin stand an der Tür und schaute zu. Plötzlich blickte er über die Schulter; etwas hatte ihn zusammenzucken lassen.
Licht, dachte Androl. Könnte es … sein vom Makel verursachter Wahnsinn sein? Ist er noch immer da?
Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass er abgeschirmt war, was sie sonst niemals taten, solange sie nicht die Spaltwurzel absetzten, damit sie jemanden Umdrehen konnten.
Das ließ ihn panisch zusammenzucken. War er als Nächster dran?
Androl?, übermittelte Pevara. Ich habe eine Idee.
Was?
Androl fing durch seinen Knebel an zu husten. Evin zuckte zusammen, dann kam er herüber, nahm seine Feldflasche und goss Wasser auf den Knebel. In der Nähe lümmelte sich Abors – einer von Taims Kumpanen – an der Wand. Er hielt die Abschirmung. Er warf Androl einen Blick zu, aber dann erregte etwas auf der anderen Seite des Raumes seine Aufmerksamkeit.
Androl hustete noch schlimmer, also knüpfte Evin den Knebel auf und rollte ihn auf die Seite, damit er das Wasser ausspucken konnte.
»Still jetzt«, sagte Evin und warf Abors einen Blick zu, der zu weit entfernt stand, um ihre Worte verstehen zu können. »Errege nicht ihren Zorn, Androl.«
Die Verwandlung eines Mannes in einen treuen Diener des Schattens war nicht perfekt. Es veränderte zwar ihre Loyalität, aber es veränderte nicht alles an ihnen. Das Ding in Evins Kopf hatte seine Erinnerungen, seine Persönlichkeit und – wenn ihnen das Licht gnädig war – seine Schwächen.
»Habt Ihr sie überzeugen können?«, flüsterte Androl. »Mich nicht zu töten?«
»Das habe ich!« Evin beugte sich mit gehetztem Blick näher nach unten. »Sie sind noch immer der Ansicht, dass du nutzlos bist, weil du nicht stark in der Macht bist, aber keiner von ihnen webt gern Wegetore, um Leute von einem Ort an den anderen zu bringen. Ich habe ihnen gesagt, dass du das für sie tun wirst. Das wirst du doch, oder?«
»Natürlich«, sagte Androl. »Das ist besser als sterben.«
Evin nickte. »Sie haben bei dir die Spaltwurzel abgesetzt. Du kommst als Nächster dran, nach Logain. Der Große Herr hat M’Hael endlich neue Frauen geschickt, Frauen, die nicht erschöpft sind, weil sie ständig die Macht lenken müssen. Sie und Toveine und die Roten sollten dafür sorgen, dass es jetzt schneller geht. M’Hael sollte Logain am Ende des Tages endlich so weit haben.«
»Ich diene ihnen«, sagte Androl. »Ich leiste dem Großen Herrn meinen Treueid.«
»Das ist gut, Androl. Aber wir können dich nicht gehen lassen, bevor du Umgedreht worden bist. M’Hael verlässt sich nicht bloß auf einen Eid. Aber das ist schon in Ordnung. Ich habe ihnen gesagt, dass man dich mühelos Umdrehen kann. Das wirst du doch machen, oder? Keinen Widerstand mehr?«
»Ich leiste keinen Widerstand.«
»Dem Großen Herrn sei Dank«, sagte Evin und entspannte sich.
Ach, Evin. Du warst nie besonders helle.
»Evin«, sagte Androl leise. »Ihr müsst auf Abors aufpassen. Das wisst Ihr doch, oder?«
»Ich bin jetzt einer von ihnen. Ich brauche mir wegen ihnen keine Sorgen mehr zu machen.«
»Das ist gut«, flüsterte Androl. »Was er über Euch gesagt hat, hat also keine Bedeutung.«
Evin erschien plötzlich unruhig. Dieser Ausdruck in seinen Augen …
Es war Furcht. Der Makel war entfernt worden. Jonneth, Emarin und die anderen neuen Asha’man würden niemals irrsinnig werden.
Aber der Wahnsinn zeigte sich bei jedem der älteren Asha’man anders und in unterschiedlichem Ausmaß. Jedoch war Furcht am häufigsten. Sie kam in Wellen; zum Zeitpunkt der Reinigung hatte sie Evin gerade aufgefressen. Androl hatte mit ansehen müssen, wie man Asha’man töten musste, weil sie der Makel überwältigte. Er kannte diesen Ausdruck in Evins Augen nur zu gut. Auch wenn der Junge Umgedreht worden war, trug er noch immer den Wahnsinn in sich. Das würde sich auch niemals ändern.
»Was hat er gesagt?«, wollte Evin wissen.
»Er war nicht erfreut, dass man Euch Umgedreht hat. Er glaubt, Ihr wolltet seinen Platz einnehmen.«
»Oh.«
»Evin … möglicherweise will er Euch umbringen. Passt auf Euch auf.«
Evin erhob sich. »Danke, Androl.«
Er entfernte sich und ließ Androl ungeknebelt zurück.
Das kann … unmöglich funktionieren, dachte Pevara benommen.
Sie hatte nicht lange genug unter ihnen gelebt. Sie hatte nicht gesehen, was der Wahnsinn anrichten konnte, und sie konnte ihn auch nicht in den Augen der Asha’man erkennen. Verfiel einer von ihnen in diesen Zustand, packte man ihn für gewöhnlich und sperrte ihn ein, bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. Falls das nicht funktionierte, schüttete ihnen Taim etwas in den Wein, und sie wachten nie wieder auf.
Hielt man sie nicht auf, verfielen sie am Ende in blinde Zerstörungswut. Sie würden jene umbringen, die ihnen am nächsten standen, würden zuerst auf die Menschen einschlagen, die sie geliebt hatten.
Androl kannte diesen Wahnsinn. Er trug ihn ebenfalls in sich, das wusste er. Das ist ein Fehler, Taim, dachte er. Du benutzt unsere Freunde gegen uns, aber wir kennen sie besser als du.
Evin schlug auf Abors ein. Mit einem gewaltigen Aufflammen der Einen Macht. Eine Sekunde später löste sich Androls Abschirmung auf.
Androl umarmte die Quelle. Er war nicht sehr stark darin, aber er hatte genug Macht, um die Fesseln wegzubrennen. Mit blutigen Händen rollte er sich aus den Seilresten und sah sich in dem Raum um. Zuvor hatte er nicht alles sehen können.
Der Raum war größer, als er angenommen hatte, wies beinahe die Größe eines Thronsaals auf, und das andere Ende wurde von einem breiten, kreisrunden Podest dominiert, auf dem ein Kreis aus Myrddraal und darin einer aus Frauen stand. Der Anblick der Blassen ließ ihn erschaudern. Beim Licht, dieser augenlose Blick war furchtbar.
Taims erschöpfte Männer, die Asha’man, die darin versagt hatten, Logain Umzudrehen, lehnten an der anderen Wand. Logain selbst saß auf dem Podest in der Mitte des doppelten Kreises auf einen Stuhl gefesselt. Fast schon ein Thron. Logains Kopf rollte zur Seite; seine Augen waren geschlossen. Anscheinend flüsterte er etwas.
Außer sich vor Wut war Taim zu Evin herumgewirbelt, der neben Abors qualmender Leiche mit Mishraile kämpfte. Beide Männer hielten die Eine Macht und wälzten sich auf dem Boden. Evin hielt ein Messer in der Hand.
Androl hastete auf Emarin zu und wäre beinahe auf das Gesicht gefallen, als seine Beine nachgaben. Licht! Er war sehr schwach, aber es gelang ihm, zuerst Emarins Fesseln und dann Pevaras abzubrennen. Sie schüttelte den Kopf, versuchte ihn klarzubekommen. Emarin nickte dankbar.
»Könnt Ihr weben?«, flüsterte Androl. Taims Aufmerksamkeit war noch immer auf Evins Kampf gerichtet.
Emarin schüttelte den Kopf. »Was sie uns da eingeflößt haben …«
Androl klammerte sich an die Eine Macht. Um ihn herum wuchsen die Schatten.
Nein!, dachte er. Nein, nicht jetzt!
Ein Wegetor. Er brauchte ein Wegetor! Androl sog die Eine Macht ein und erschuf das Gewebe zum Reisen. Und wie zuvor traf er gegen eine Art Barriere – sie war wie ein Wall und hinderte ihn daran, ein Wegetor zu öffnen. Frustriert versuchte er, eines in die unmittelbare Umgebung zu öffnen. Vielleicht spielte ja die Entfernung eine Rolle. Konnte er ein Tor in Canlers Lager auf dem Gelände über ihnen öffnen?
Gegen die Wand gelehnt kämpfte er mit jeder Faser seines Seins. Er strengte sich an, näherte sich Zoll für Zoll, schaffte es fast … Er hatte das Gefühl, dass sich etwas tat.