»Bitte«, flüsterte er. »Bitte, geh auf. Wir müssen hier weg …«
Evin fiel Taims Geweben zum Opfer.
»Was sollte das?«, brüllte Taim.
»Keine Ahnung«, sagte Mishraile. »Evin griff uns an! Er hat sich mit dem Pagen unterhalten und …«
Beide starrten in Androls Richtung. Er gab es auf, ein Tor zu machen, stattdessen schleuderte er Taim auf dem Podest verzweifelt ein Gewebe Feuer entgegen.
Taim lächelte bloß. Als Androls Flammenzunge ihn erreichte, löste sie sich einfach in einem Gewebe aus kalter Luft und Wasser auf.
»Du bist wirklich hartnäckig«, meinte Taim und schleuderte ihn mit einem Gewebe Luft gegen die Wand.
Androl keuchte schmerzerfüllt auf. Emarin stolperte benommen auf die Füße, aber ein zweites Gewebe Luft stieß ihn wieder zu Boden. Etwas stemmte Androl in die Höhe und zog ihn quer durch den Raum.
Die hässliche Frau in Schwarz verließ den Kreis aus Aes Sedai und begab sich an Taims Seite. »Interessant, M’Hael«, sagte sie. »Ihr habt nicht einmal annähernd die Kontrolle über diesen Ort, wie Ihr behauptet habt.«
»Ich habe minderwertige Werkzeuge«, erwiderte Taim. »Man hätte mir früher mehr Frauen geben sollen!«
»Ihr habt Eure Asha’man bis zur Erschöpfung angetrieben«, erwiderte die Frau. »Ihr habt ihre Kraft verschwendet. Ich übernehme jetzt hier den Befehl.«
Taim stand abseits von Logains zusammengesunkener Gestalt und den Frauen und den Blassen auf dem Podest. Offensichtlich betrachtete er diese Frau, die vermutlich zu den Verlorenen gehörte, als die größte Bedrohung in diesem Raum.
»Und Ihr glaubt, das geht einfach so?«, fragte er.
»Wenn der Nae’blis erfährt, wie Ihr hier versagt habt …«
»Der Nae’blis? Moridin ist mir völlig egal. Ich habe dem Großen Herrn bereits ein Geschenk gemacht und stehe in seiner Gunst. Ich halte die Schlüssel in meiner Hand, Hessalam.«
»Ihr meint … Ihr habt das tatsächlich getan? Sie gestohlen?«
Taim lächelte. Er wandte sich wieder Androl zu, der in der Luft schwebte und sich erfolglos wehrte. Abgeschirmt hatte man ihn nicht. Also schleuderte er ein weiteres Gewebe, das sein Gegner verächtlich blockierte.
Offensichtlich war er nicht einmal die Mühe wert, abgeschirmt zu werden. Taim ließ ihn los. Hart schlug er auf dem Boden auf und stöhnte.
»Wie lange bist du hier ausgebildet worden, Androl?«, fragte Taim. »Du beschämst mich. Mehr bringst du nicht zustande, um jemanden zu töten?«
Mühsam kam Androl auf die Knie. Hinter ihm lag die von Spaltwurzel benebelte Pevara und übermittelte ihm Schmerzen und Sorge. Vor ihm hockte Logain von seinen Feinden umzingelt zusammengesunken und gefesselt auf seinem Thron. Der Mann hielt die Augen geschlossen; er war kaum noch bei Bewusstsein.
»Wir sind hier fertig«, sagte Taim. »Mishraile, tötet die Gefangenen. Wir schnappen uns die oben in der Burg und schaffen sie zum Shayol Ghul. Der Große Herr hat mir dort bessere Möglichkeiten für meine Arbeit versprochen.«
Taims Komplizen näherten sich. Androl lag auf den Knien und schaute auf. Überall um ihn herum breitete sich Dunkelheit aus, und in den Schatten bewegten sich Umrisse. Die Dunkelheit … sie jagte ihm höllische Angst ein. Er musste Saidin loslassen, er musste es tun. Aber er konnte einfach nicht.
Er musste weben.
Taim warf ihm einen Blick zu, dann lächelte er und webte Baalsfeuer.
Überall sind Schatten!
Androl klammerte sich an die Macht.
Die Toten, sie kommen und holen mich!
Instinkt leitete ihn, er erschuf das beste Gewebe, das er kannte. Ein Wegetor. Er traf diesen Wall, diesen verfluchten Wall.
So müde. Die Schatten … die Schatten holen mich.
Ein weiß glühender Lichtstrahl löste sich von Taims Fingern und schoss direkt auf ihn zu. Er schrie auf, strengte sich noch mehr an, stieß unwillkürlich die Hände nach vorn und rammte sein Gewebe an Ort und Stelle. Er traf diesen Wall und stemmte ihn mit aller Kraft empor.
Vor ihm öffnete sich ein Wegetor von der Größe einer Münze. Das Baalsfeuer schoss direkt in die Öffnung.
Taim runzelte die Stirn, und Stille erfüllte den Raum, als die verblüfften Asha’man mit ihren Geweben innehielten. In diesem Augenblick zersplitterte die Tür.
Canler stürmte die Eine Macht haltend hinein. Ihm folgten ungefähr zwanzig der jungen Burschen von den Zwei Flüssen, die zur Schwarzen Burg gekommen waren, um dort zu lernen.
»Wir werden angegriffen!«, brüllte Taim.
Das Zentrum der Kuppel schien sich in dem unvollendeten Bau zu befinden, der Perrin aufgefallen war. Das war schlecht; der Schlächter würde in den Fundamenten und Gruben zahllose Möglichkeiten für einen Hinterhalt haben.
Sobald sie das Dorf erreichten, zeigte Perrin auf ein besonders großes Gebäude. Mit zwei Stockwerken und einem stabilen Holzdach erinnerte es an ein Gasthaus. »Ich bringe dich dort oben hin«, flüsterte er. »Halte deinen Bogen bereit. Rufe, wenn du jemanden entdeckst, der sich an mich anschleichen will, verstanden?«
Gaul nickte. Perrin versetzte sie auf das Dach, und Gaul nahm neben dem Schornstein seine Position ein. Seine Kleidung passte sich der Farbe der Lehmziegel an, und er blieb geduckt. Den Bogen hielt er in der Hand. Er würde nicht die Reichweite eines Langbogens haben, aber von hier oben würde er tödlich sein.
Perrin sprang zu Boden und schwebte die letzten Zoll, um keinen Lärm zu machen. Er ging in die Hocke und versetzte sich zur Seite des nächsten Gebäudes. Sofort versetzte er sich erneut, an die Ecke des letzten Gebäudes vor den Ausschachtungen, dann blickte er über die Schulter. Der nur schwer auszumachende Gaul hob die Finger. Er hatte ihn nicht aus den Augen gelassen.
Perrin erhob sich ein Stück und schlich zum Rand des riesigen Fundaments. Wo würde der genaue Mittelpunkt der Kuppel sein? Es war unmöglich zu sagen, alles war viel zu groß.
Seine Aufmerksamkeit war so auf die Löcher im Boden gerichtet, dass er um ein Haar in die Wächter hineingelaufen wäre. Ein leises Kichern alarmierte ihn, und er versetzte sich sofort, sprang auf die andere Seite des Fundaments und ging in die Knie, während ein Langbogen von den Zwei Flüssen in seinen Händen erschien. Er musterte die ferne Stelle, die er gerade verlassen hatte.
Narr, dachte er, als er sie endlich entdeckte. Die beiden Männer befanden sich in einer Bauhütte am Rand der Ausschachtung. Perrin ließ nervös die Blicke schweifen, aber der Schlächter erschien nicht irgendwo aus dem Nichts, um ihn anzugreifen, und die beiden Wächter schienen ihn nicht gesehen zu haben.
Einzelheiten waren nur mühsam auszumachen, also versetzte er sich vorsichtig wieder in die Nähe der Stelle, an der er sich zuvor befunden hatte. Mit einem Satz ließ er sich in die Grube fallen, erschuf aber einen Erdhügel, auf dem er landete und von dem aus er über den Grubenrand in die Hütte spähen konnte.
Ja, es waren zwei von ihnen. Männer in schwarzen Mänteln. Asha’man. Er glaubte sie von den Brunnen von Dumai zu kennen, wo sie Rand gerettet hatten. Sie standen loyal zu ihm, oder nicht? Hatte Rand ihm etwa Hilfe geschickt?
Das Licht verbrenne diesen Mann, dachte Perrin. Kann er nicht einmal alle Karten auf den Tisch legen?
Natürlich konnten auch Asha’man Schattenfreunde sein. Perrin zog in Betracht, aus der Grube zu steigen und sie sich vorzuknöpfen.
»Kaputte Werkzeuge«, sagte Lanfear gelangweilt.
Perrin zuckte zusammen und stieß einen Fluch aus, als er sie neben sich auf dem Vorsprung entdeckte, wie sie ebenfalls die beiden Männer betrachtete.
»Man hat sie Umgedreht«, sagte sie. »Ich habe das immer für eine solche Verschwendung gehalten. Man verliert etwas bei dem Prozess – sie werden niemals so gut dienen, als wären sie freiwillig gekommen. Keine Frage, loyal werden sie sein, aber das Licht ist erloschen. Die Selbstmotivation, der Funke, der Menschen erst zu Menschen macht.«