Dabei durfte man sich nie verleiten lassen, nach unten zu blicken. Glücklicherweise war die Fassade nicht schwierig zu erklettern. Stein- und Holzornamente sorgten für ausreichende Klettervorsprünge. Er musste daran denken, dass er Tylin deswegen einmal gewarnt hatte.
Schweißtropfen krochen Mats Stirn hinunter wie Ameisen ihren Hügel, als er wieder über die Brüstung stieg, sich nach oben zog und an der Mauer in Richtung drittes Stockwerk kletterte. Gelegentlich schlug der Ashandarei gegen seine Beine. Der Wind trug den Geruch des Meeres herbei. Hoch oben roch immer alles besser. Vielleicht war das der Grund, warum Köpfe besser als Füße rochen.
Was für ein blöder Gedanke, schalt sich Mat. Alles, nur um nicht an die Höhe zu denken. Er zog sich auf einen Vorsprung, rutschte mit einem Fuß ab und baumelte kurz. Keuchend atmete er ein und aus, dann machte er weiter.
Da. Über ihm kam Tylins Balkon in Sicht. Natürlich hatten ihre Gemächer mehrere davon; sein Ziel war der am Schlafzimmer und nicht der am Wohnzimmer. Der sah schließlich auf den Mol-Hara-Platz hinaus, und dort wäre seine Kletterei so verräterisch wie eine Fliege auf einem weißen Pudding gewesen.
Wieder schaute er zu dem aufwendig mit Schmiedearbeiten verzierten Balkongeländer hinauf. Er hatte sich immer gefragt, ob er es wohl schaffen würde, dort hinaufzuklettern. Mit Sicherheit hatte er in Betracht gezogen, dort herunterzuklettern.
Nun, eine solche Kletterpartie würde er auf keinen Fall noch einmal in Angriff nehmen, so ein Narr war er nicht, so viel stand fest. Nur dieses eine Mal und das auch nur widerstrebend. Matrim Cauthon wusste schließlich, wie er auf seinen Hals aufpassen musste. Er hatte nicht so lange überlebt, indem er unberechenbare Risiken einging, ob ihm das Glück nun zur Seite stand oder nicht. Wenn Tuon in einer Stadt leben wollte, wo das Oberhaupt ihrer Heere sie umbringen wollte, dann war das ihre Sache.
Er nickte. Er würde dort einsteigen, ihr in einem ganz vernünftigen Tonfall erklären, dass sie diese Stadt verlassen musste und dieser General Galgan sie verriet. Dann konnte er fröhlich seiner Wege gehen und eine anständige Würfelpartie finden. Dazu war er ja schließlich in diese Stadt gekommen. Falls Rand oben im Norden war, wo sich die vielen Trollocs herumtrieben, dann wollte er so weit von diesem Mann entfernt sein, wie das nur möglich war. Zwar tat Rand ihm leid, aber jeder vernünftige Mensch würde einsehen, dass das für ihn die einzige Möglichkeit darstellte. Der Farbenwirbel bildete sich, aber er unterdrückte ihn.
Vernünftig. Er würde ausgesprochen vernünftig sein.
Schwitzend, fluchend und mit schmerzenden Händen zog sich Mat auf den Balkon im dritten Stock. Einer der Riegel der Sichtschutzblenden war locker, genau wie zu der Zeit, als er in diesem Palast gelebt hatte. Ein schneller Ruck mit einer Drahtschlinge reichte aus, um dort hineinzukommen. Er betrat den geschlossenen Balkon, nahm den Ashandarei ab, legte sich auf den Rücken und keuchte, als wäre er den ganzen Weg von Andor nach Tear gelaufen.
Nach ein paar Minuten kam er wieder auf die Füße, dann schaute er über die Brüstung die drei Stockwerke nach unten. Wenn er diese Kletterpartie jetzt von dieser Perspektive aus betrachtete, fühlte er sich ziemlich gut.
Er hob den Ashandarei auf und trat an die Balkontür. Zweifellos würde Tuon mittlerweile Tylins Gemächer bezogen haben. Es waren die besten im ganzen Palast. Mat öffnete die Tür einen Spalt. Er würde einen schnellen Blick hineinwerfen und …
Etwas schoss aus den Schatten vor ihm und bohrte sich direkt über seinem Kopf in den Türrahmen.
Mat ließ sich fallen, rollte sich ab, zog ein Messer mit der einen und hielt den Ashandarei mit der anderen Hand. Die Wucht des Armbrustbolzens ließ die Tür aufschwingen.
Einen Augenblick später schaute Selucia hinaus. Ihre rechte Kopfseite war glatt rasiert, die andere Seite verbarg ein Tuch. Ihre Haut hatte die Farbe von Sahne, aber jeder Mann, der sie für weich hielt, würde sehr schnell eines Besseren belehrt. Selucia hätte noch einem Schmirgelpapier ein paar Dinge über das Hartsein beibringen können.
Sie richtete eine kleine Armbrust auf Mat, und er musste lächeln. »Ich wusste es!«, rief er aus. »Ihr seid eine Leibwächterin. Das seid Ihr immer schon gewesen.«
Selucia warf ihm einen finsteren Blick zu. »Was macht Ihr denn hier, Ihr Narr?«
»Ach, ich mache bloß einen Spaziergang«, erwiderte Mat, stand auf und steckte das Messer weg. »Angeblich soll Nachtluft einem guttun. Die Meeresbrise. Eben diese Dinge.«
»Seid Ihr etwa hier raufgeklettert?«, fragte Selucia und warf einen Blick über die Balkonbrüstung, als suche sie nach einem Seil oder einer Leiter.
»Was denn? Klettert Ihr hier nicht für gewöhnlich herauf? Das ist wirklich gut für die Arme. Verbessert den Griff.«
Sie schenkte ihm einen Blick, der deutlich zum Ausdruck brachte, dass sie sich fragte, womit sie das verdient hatte, und Mat musste grinsen. Wenn Selucia nach Attentätern Ausschau hielt, dann ging es Tuon vermutlich gut. Er deutete mit dem Kopf auf die Armbrust, die noch immer auf ihn gerichtet war. »Würdet Ihr …«
Sie dachte nach, dann seufzte sie und senkte die Waffe.
»Vielen Dank. Mit diesem Ding könntet Ihr einem Mann das Auge ausschießen, und normalerweise wäre mir das egal, aber ich habe im Moment nicht mehr so viele davon.«
»Was habt Ihr gemacht?«, fragte Selucia trocken. »Mit einem Bär gewürfelt?«
»Selucia!« Mat ging an ihr vorbei, um das Zimmer zu betreten. »Das war ja fast so etwas wie ein Scherz. Vielleicht könnten wir Euch ja mit ein bisschen Mühe doch noch so etwas wie einen Sinn für Humor beibringen. Das wäre dann so unerwartet, dass wir Euch in eine Menagerie stecken und Eintritt für Euch verlangen könnten. ›Kommt und seht die unvergleichliche lachende So’jhin. Heute Abend nur zwei Kupferstücke …‹«
»Das Auge war bestimmt ein Wetteinsatz, nicht wahr?«
Mat stieß die Tür auf. Er kicherte. Beim Licht! Das kam der Wahrheit fast schon seltsam nahe. »Sehr drollig.«
Diese Wette habe ich gewonnen, dachte er, ganz egal, wie andere das vielleicht sehen. Matrim Cauthon war der einzige Mann, der um das Schicksal der Welt selbst im Gewinnbeutel gewürfelt hatte. Natürlich würden sie das nächste Mal einen anderen hirnverbrannten Helden finden müssen, der seinen Platz einnahm. Jemanden wie Rand oder Perrin. Diesen beiden kam das Heldentum ja fast schon aus dem Mund und tropfte ihnen vom Kinn. Er unterdrückte die Bilder, die sich bilden wollten. Licht! Er musste endlich aufhören, an die beiden zu denken.
»Wo ist sie?«, fragte er und sah sich im Schlafgemach um. Die Laken waren zerwühlt – diese pinkfarbenen Bänder am Kopfteil bildete er sich tatsächlich nicht ein –, aber Tuon war nirgendwo zu sehen.
»Unterwegs«, sagte Selucia.
»Unterwegs? Frau, es ist mitten in der Nacht!«
»Ja. Eine Zeit, in der nur Meuchelmörder zu Besuch kommen. Ihr habt Glück, dass ich nicht richtig gezielt habe, Matrim Cauthon.«
»Das ist verdammt noch mal egal«, erwiderte Mat. »Ihr seid ihre Leibwächterin.«
»Ich weiß nicht, was Ihr damit meint«, sagte Selucia und ließ die kleine Armbrust in ihrem Gewand verschwinden. »Ich bin So’jhin der Kaiserin, möge sie ewig leben. Ich bin ihre Stimme und ihre Wahrheitssprecherin.«
»Toll«, sagte Mat und betrachtete das Bett. »Ihr spielt den Lockvogel, nicht wahr? Liegt in ihrem Bett. Die Armbrust bereit, sollten Attentäter versuchen, sich einzuschleichen?«
Selucia schwieg.
»Nun, wo ist sie?«, verlangte Mat zu wissen. »Verdammte Asche, Frau! Das ist eine ernste Angelegenheit. General Galgan persönlich hat Männer bezahlt, um sie zu töten!«
»Darum geht es?«, fragte Selucia. »Darum seid Ihr besorgt?«