Выбрать главу

Artamonow schmunzelte.

»Wir werden das schon einrichten. Wir werden alles haben: eine Kirche, einen Kirchhof, eine Schule, ein Krankenhaus! Warte nur ab!«

Als sie über die Watarakschabrücke gingen, stand dort, sich am Geländer haltend, jemand, der wie ein Bettler aussah. Er trug einen fuchsroten, schäbigen Kaftan und sah aus wie ein durch Trinken herabgekommener Beamter. In seinem schwammigen, mit grauen, rasierten Borsten bewachsenen Gesicht bewegten sich behaarte Lippen und ließen die Reste schwarzer Zähne sehen; die nassen Äuglein leuchteten nur trübe. Artamonow wandte sich ab und spuckte aus; als er aber bemerkte, daß Alexej diesem scheußlichen Menschen ungewöhnlich freundlich zunickte, fragte er:

»Wer ist denn das?«

»Der Uhrmacher Orlow.«

»Man sieht, daß er etwas Besonderes ist!«

»Er ist klug«, sagte Alexej mit Nachdruck. »Man hat ihn zu Tode gehetzt.«

Artamonow schielte zu seinem Neffen hinüber und schwieg.

Es kam ein trockener und heißer Sommer. Jenseits der Oka brannten die Wälder, bei Tag schwebte über der Erde eine opalfarbene Wolke beißenden Rauches, des Nachts war der kahle Mond unangenehm rot; die Sterne, die im Nebel ihre Strahlen verloren hatten, sahen wie Köpfe von Messingnägeln aus; das den trüben Himmel widerspiegelnde Flußwasser erinnerte an Schwaden kalten und dichten unterirdischen Rauches.

Nach dem Abendbrot tranken die Artamonows, atemlos vor Hitze, im Garten, im Halbring der Ahorne, Tee. Die Bäume entwickelten sich gut, doch konnten die üppigen Kronen mit ihren durchbrochenen Blättern in dieser dunstigen Nacht keinen Schatten spenden. Die Grillen zirpten, an Blechspielzeug erinnernde Käfer brummten, der Samowar summte. Natalia hatte die oberen Knöpfe ihrer Jacke aufgemacht und schenkte schweigend Tee ein. Die Haut ihrer Brust hatte den warmen Ton von Butter; der Bucklige saß mit gesenktem Kopf da und hobelte Stangen für Vogelkäfige zurecht. Pjotr zupfte sich am Ohrläppchen und sagte leise:

»Es ist gefährlich, die Menschen zu reizen, der Vater reizt sie aber immer.«

Alexej blickte mit trockenem Hüsteln in der Richtung der Stadt und schien mit vorgestrecktem Hals auf etwas zu warten.

In der Stadt ertönte die Glocke.

»Ist das die Sturmglocke? Feuer?« fragte Alexej, mit der Handfläche die Stirn berührend und aufspringend.

»Was hast du? Der Glöckner läßt ja nur die Uhr schlagen.«

Alexej erhob sich und ging, Nikita sagte aber leise nach einem Schweigen:

»Er träumt immer von Feuer.«

»Er ist böse geworden«, bemerkte Natalia vorsichtig. »Dabei war doch früher soviel Heiterkeit in ihm!«

Pjotr machte, wie es einem Älteren ziemt, beiden in eindringlicher Weise Vorwürfe:

»Ihr seht ihn beide so dumm an; euer Mitleid beleidigt ihn. Komm schlafen, Natalia.«

Sie gingen. Der Bucklige blickte ihnen nach, erhob sich gleichfalls, ging in die Laube, wo er auf Heu schlief und setzte sich auf die Schwelle. Die Laube stand auf einem Rasenhügel. Man sah von hier aus über dem Zaun hin die dunkle Häuserherde der Stadt, die von den Glockentürmen und dem Feuerwehrturm bewacht wurde. Die Dienstboten räumten den Tisch ab, die Tassen klapperten. Am Zaun kamen Weber vorbei, einer trug ein Zugnetz, ein anderer klapperte mit einem eisernen Eimer, ein dritter schlug aus einem Zündstein Feuer und bemühte sich, Zunder zum Brennen zu bringen, um seine Pfeife anzurauchen. Ein Hund knurrte. Tichon Wialows ruhige Stimme unterbrach die Stille:

»Wer kommt da?«

Die Stille war straff wie ein Trommelleder über die Erde gespannt, so daß selbst das leise Knirschen des Sandes unter den Füßen der Weber unangenehm deutlich wiederhallte. Nikita gefiel diese Lautlosigkeit der Nächte sehr. Je vollkommener sie war, desto mehr richtete er die ganze Kraft seiner Phantasie auf Natalia, desto heller leuchteten die lieben, stets etwas erschrockenen oder erstaunten Augen. Und er konnte sich leicht verschiedene, für ihn glückliche Ereignisse ersinnen: jetzt hat er einen kostbaren Schatz gefunden und übergibt ihn Pjotr, und der tritt ihm Natalia ab. Oder: sie werden von Räubern überfallen, und er begeht solche außergewöhnliche Heldentaten, daß Vater und Bruder ihm zum Lohn von selbst Natalia überlassen. Es bricht eine Seuche aus und von der ganzen Familie bleiben nur zwei am Leben: er selbst und Natalia! Dann wollte er ihr zeigen, daß ihr Glück nur in seiner Seele verborgen lag.

Es war schon nach Mitternacht, als er bemerkte, daß über der Herde der Stadthäuser aus den regungslosen Gärten noch eine Wolke erstand und langsam zum dunkelgrauen, trüben Himmel emporstieg; eine Minute später war sie von unten hochrot erleuchtet. Er begriff, daß das eine Feuersbrunst war, und lief zum Hause; da sah er, wie Alexej rasch über eine Leiter auf das Dach des Schuppens stieg.

»Feuer!« schrie Nikita. Alexej antwortete, immer höher steigend:

»Ich weiß schon. Was willst du denn?«

»Du hast es erwartet«, erinnerte sich der Bucklige und blieb erstaunt mitten im Hofe stehen.

»Und wenn ich es erwartet habe? Was besagt das? Bei einer solchen Dürre gibt es immer Feuer.«

»Wir müssen die Weber wecken ...«

Tichon hatte sie aber schon geweckt, und sie liefen einer hinter dem andern mit lustigem Geschrei zum Flusse.

»Komm zu mir herauf«, forderte Alexej, oben auf dem Dachfirst sitzend, ihn auf. Der Bucklige kam gehorsam nach und sagte:

»Wenn nur Natascha nicht erschrickt.«

»Fürchtest du nicht, daß Pjotr dir mal den Buckel vollhaut?«

»Wofür?« fragte Nikita leise und vernahm:

»Sieh dir die Augen nicht nach seiner Frau aus?«

Der Bucklige konnte lange kein Wort erwidern. Ihm schien, er gleite vom Dach und müsse sofort fallen und auf die Erde aufschlagen.

»Was redest du? Überlege doch«, murmelte er.

»Nun, schon gut! Ich sehe ja ... Fürchte dich nicht«, sagte Alexej so fröhlich, wie er schon seit langem nicht war. Er blickte unter der vorgehaltenen Handfläche auf die dicken Feuerzungen, die sich schaukelten, die Stille durchbrachen, sie dumpf erdröhnen ließen, und erzählte lebhaft:

»Es brennt bei Barski. Sie haben an die zwanzig Fässer Teer auf dem Hof. Das Feuer erreicht die Nachbarn nicht, die Gärten halten es auf.«

»Wir müssen hinlaufen«, denkt Nikita und blickt in die Ferne, in das vom Feuer zerrissene Dunkel. Dort, in der rötlichen Luft standen wie aus Eisen gehämmerte Bäume, über die rötliche Erde liefen geschäftig kleine, spielzeugartige Menschen, man sah auch, wie sie lange, dünne Stangen ins Feuer schoben.

»Es brennt schön«, lobte Alexej.

»Ich gehe ins Kloster«, dachte der Bucklige.

Auf dem Hof brummte Pjotr schläfrig und zornig; als Antwort ertönten träge Tichon Wialows Worte und wie in einem Rahmen stand am Fenster des Hauses Natalia und bekreuzte sich.

Nikita saß so lange auf dem Dach, bis auf der Feuerstätte ein Kohlenhaufen goldig aufleuchtete und die schwarzen Säulen der Ofenrohre umfing. Dann stieg er auf die Erde hinab, ging aus dem Tor und stieß mit dem nassen und rußigen Vater zusammen, der ohne Mütze, im zerrissenen Wams daherkam.

»Wohin?« schrie der Vater mit außergewöhnlicher Wut und stieß Nikita in den Hof zurück. Als er aber Alexejs weiße Gestalt auf dem Dach erblickte, befahl er noch wütender:

»Was hockst du da oben? Steig herab! Du mußt deine Gesundheit schonen, Dummkopf ...«

Nikita ging in den Garten, setzte sich dort vor dem Fenster des Vaters auf eine Bank und hörte bald darauf, wie der Vater mit Gewalt die Tür zuschlug und halblaut mit dumpfer Stimme fragte:

»Willst du dich zugrunde richten? Und Schande über mich bringen, he? Ich schlag dich tot ...«

Alexej antwortete kreischend:

»Du hast mich selbst darauf gebracht.«

»Schweig! Danke Gott, daß jener Schuft der Sprache beraubt ist ...«

Nikita erhob sich und ging leise, aber eilig in die Gartenecke, zur Laube.