– Ein einziges Stück Algebra?, fragte er nach.
Die Ergebnisse, die aus der High-Tech-Nase des Gasschiffs kamen, waren abstrus. Die Oberflächenrezeptoren schienen sich nicht entscheiden können, was sie da rochen. Fassin schaltete um eine Detailstufe herunter auf Elektronenmikroskopie.
– Möglich, antwortete Valseir.
Draußen in Richtung auf die SturmMauer geriet nur dreißig bis vierzig Meter entfernt kurz etwas ins schräg einfallende Sonnenlicht und brauchte einen Augenblick zu lange, um sich an die neuen Lichtverhältnisse anzupassen.
Das interne Elektronenmikroskop des Pfeilschiffs lieferte Ergebnisse, die im ersten Moment unverständlich waren. Dann begriff Fassin, was er seinem Analysegerät vorgesetzt hatte. Nanotechnik. Eine dünne Suppe aus winzigen Maschinen, Rezeptoren, Analysatoren, Prozessoren und Signalgebern, klein genug, um sich in der Atmosphäre zu verteilen, leicht genug, um wie Nebelpartikel mitten im Drogenrauch zu schweben. Damit waren sie belauscht worden. Etwas hing zwischen ihnen im Gas, genau in ihren Signalstrahlen, etwas, das fähig war, deren Bedeutung aufzunehmen. Nichts so Primitives wie ein Spiegel oder ein Photonenmikrofon an einem Draht, sondern dieses Zeug, das doch angeblich verboten war.
– Valseir, sendete er aufgeregt. – Wer hat die Drogenschale hier aufgestellt?
Er drehte die visuelle Vergrößerung höher und starrte auf die Stelle draußen im offenen Gas, wo eben noch etwas im Sonnenlicht gefunkelt hatte. Da. Er vergrößerte noch weiter, bis das Bild fast körnig wurde.
– Wieso ?, sendete Valseir verwirrt. Die war doch schon hier, als ich …
Ungefähr kugelförmig, vierzig Meter entfernt, knapp zehn Zentimeter im Durchmesser, nahezu perfekt getarnt wie eine Scheibe aus durchsichtigem Glas vor der echten Aussicht. Eine Kommunikationsvertiefung, nur zu erahnen, ein winziger Krater, der genau auf sie gerichtet war. Fassin schwenkte herum, setzte sich zwischen die winzige Maschine in der Ferne und den alten Dweller und schob sich so dicht an ihn heran, dass sich ihre Signalvertiefungen berührten – wie es verliebte Dweller machten, um Signalküsse zu tauschen.
Valseir wollte zurückrottern. Was zum …?
Wir werden abgehört, Valseir, sendete Fassin. Beobachtet, belauscht. Der Rauch aus der Schale besteht zum Teil aus Nanotechnik. Wir müssen hier raus, sofort.
– Was? Aber …
Wieder eine Neutrinosalve. Seit Fassin wusste, wo er zu suchen hatte, konnte er zweifelsfrei feststellen, dass sie von der getarnten Kugel draußen kam.
– Raus, Valseir. Sofort!
Und noch eine Salve. Diesmal von oben. von hoch oben.
Valseir stieß Fassin von sich. – Der Rauch aus der Schale … ?
– Raus!, sendete Fassin noch einmal und drängte den alten Dweller zur Eingangsöffnung in der Decke der Diamantblase.
Die kleine Kugel raste auf sie zu. Fassin schob sich unter Valseir und hievte ihn nach oben.
– Fassin! Schon gut! Valseir schwebte aus eigener Kraft zu der senkrechten Röhre empor und hievte sich hinein. Die kleine Kugel brach durch die Diamantblase. Scherben spritzten umher. Gleich hinter dem gezackten Loch kam sie, immer noch getarnt, nur ein verwaschener Fleck in der Luft, zum Stehen.
»Major Taak!«, rief eine Stimme. »Hier spricht General Linosu von der Ocula der Justitiarität. Dieses Gerät wird von der Expeditionstruppe Nasqueron gesteuert. Erschrecken Sie nicht. Wir kommen herunter, um …
Eine haarfeine Linie aus kirschrotem Licht durchschnitt die Kugel. Die Stimme verstummte jäh. Ein scharfer Knall peitschte durch die Diamantblase. Die winzige Maschine prallte an die gegenüberliegende Seite der Privatkabine. Fassin fuhr herum. Hatherence ließ sich an der Seite der Dzunda herab. Ihr Panzer glänzte wie Silber. Sie hatte den Laserstrahl abgefeuert. Die kleine Kugel schaltete ihre Tarnung ab und entpuppte sich als verspiegelte Drohne mit Stummelflügeln. In einer Flanke war ein winziges Löchlein zu sehen, auf der anderen Seite klaffte ein sehr viel größeres zweites Loch, aus dem Rauch quoll. Nun drehte sich das Ding mit durchdringendem Knistern um sich selbst und fiel auf den transparenten Boden. Fassin spürte, wie Valseir über ihm in der Zugangsröhre zögerte. Der Fahrtwind pfiff durch das Leck in der Diamantblase.
Der Colonel schwenkte rasch zu ihnen herum und hielt dicht vor der Kabine im Fahrtwind an. – Alles in Ordnung, Major ?, signalisierte sie. Sie kippte ab und sah sich das Gerät an, das über den gewölbten Boden rollte.
– Scheiße, sendete sie. – Sieht aus wie eines von den unseren.
Ein weißer Blitz zuckte auf, scheinbar von allen Seiten zugleich. Fassin war für einen Moment geblendet. Als das Licht schwächer wurde, stürzte Hatherence bereits wie ein Stein durch das Gas. Ein Flugkörper zog schneller als die GasClipper über die Wand der SturmMauer und steuerte auf das Luftschiff zu.
Als sich der Colonel zwanzig Meter unter der Privatkabine befand, flammte zwischen der herannahenden Maschine und ihr ein greller, gelblich weißer Lichtstrahl auf. Ihr Schutzanzug fing Feuer und explodierte. Die schnelle Drohne – sie war spitz und hatte Flossen wie ein kleines Gasschiff oder eine Rakete – raste mit hell leuchtendem Abgasstrahl wieder davon.
Fassin schaute zu Hatherence hinab, sah aber nur noch einen schwarzen, mantaförmigen Fetzen zwischen den qualmenden Trümmern des Schutzanzugs davonwehen. Der Fetzen drehte sich, schnellte sich herum, in einem Stummeltentakel blitzte etwas auf; ein violetter Strahl schoss auf das Flossenschiffchen zu, verfehlte es nur um einen Meter. Die Maschine antwortete mit einer weiteren weißen Linie, die den Colonel durchbohrte. Hatherence flammte auf wie eine Sonne und war verschwunden.
Valseir hatte die Zugangsröhre frei gemacht. Fassin schoss hinauf wie eine Granate durch ein Kanonenrohr, der heftige Rückstoß sprengte die Diamantblase vollends, die Trümmer wurden von der Dzunda weggeschleudert und folgten den Resten des Colonels und ihres Schutzanzugs zur konkaven Basis des Sturms und weiter in die Tiefe.
Valseir wartete oben im breiten Korridor. »Fassin! Was hat das zu bedeuten?«
»Wie kommen wir von diesem Schiff herunter?«, fragte Fassin, fasste den alten Dweller an einem Nabenarm und führte ihn zum nächsten senkrechten Auslass.
»Muss das wirklich sein?«
»Wir werden angegriffen, valseir.«
»Bist du sicher?«
»Ja. Also, wie kommen wir hier weg?«
»Ist gegen Rottern etwas einzuwenden?«
»Man ist zu angreifbar. Ich dachte an irgendeine Maschine.«
»Ich kann uns sicher ein Taxi besorgen. Oder eine von den Luftschiff-Jollen. Ich werde Captain Xessife fragen.«
»Nein«, sagte Fassin. »Nicht Captain Xessife.«
»Wieso nicht?«
»Jemand muss diese Drogenschale in die Kabine gestellt haben.«
Sie hatten die senkrechte Röhre erreicht. »Aber …« Valseir zögerte. »Warte, was ist das für ein Geräusch?«
Fassin hörte ein tiefes Jaulen aus verschiedenen Richtungen. »Könnte ein Alarm sein.« Er deutete nach oben auf die Röhre. »Du zuerst. Nichts wie weg hier.«
Sie hatten die Röhre zum Zentralkorridor zur Hälfte hinter sich gebracht, als die Dzunda einen Satz machte. »Oh-oh«, stöhnte Valseir.
»Weiter.«
Als sie den Hauptgang erreichten, war der Alarm lauter geworden. Die Dweller schrien sich an, sammelten Tabletts mit Speisen und Drogen ein und starrten auf die Bildschirme an den Wänden. Auch Fassin warf einen Blick darauf. »Verdammt«, sagte er leise.
Die Schirme zeigten konfuse Bilder. Nicht alle Kameras und Bildschirme waren jetzt noch auf das laufende GasClipper-Rennen gerichtet. Eine Kamera verfolgte ein schlankes Flossenschiff, das um das Luftschiff kreiste – derselbe Flugkörper, der Hatherence angegriffen hatte.