Weitere Schirme flimmerten, wurden schwarz, zeigten nur noch Schnee. Einige liefen weiter und waren nun die einzigen Lichtquellen. Die Notbeleuchtung sprang flackernd an und stabilisierte sich. Es wurde heller in der langen Röhre.
Ein leises Murren entstand und schwoll an. Die Dweller verliehen ihrer Bestürzung und ihrem Unmut Ausdruck. Eine Kamera schwenkte auf die Stelle, wo der Panzerkreuzer gewesen war. Eine mächtige Pilzwolke blähte sich dort auf. Am äußersten Rand lösten sich ein paar winzige Trümmer wie kleine Krallen von einer krankhaft angeschwollenen Faust. Die schwarzen Schiffe steuerten wieder auf die Zuschauerflotte zu. Deren Captains teilten sich in zwei Lager: Die einen hielten es für besser, sich zusammenzudrängen, die anderen suchten ihr Heil darin, sich zu zerstreuen, und wagten sich sogar in die Sturmböen hinein.
Die Dweller, die in panischer Flucht aus der Röhre strömten, auf die Valseir von Fassin zugeschoben wurde, drängte die beiden langsam ins Zentrum des Korridors zurück. auch aus anderen Eingängen überschwemmten Flüchtlinge den Raum.
Jemand schrie: »Seht doch nur, seht!«
Plötzlich zeigten mehrere Schirme das gleiche Bild. Zuerst sah es aus wie eine Aufzeichnung vom Auftritt des ersten Panzerkreuzers, eine mächtige Nase, die sich durch wogende Wolkenvorhänge schob und lange Gasstreifen wie Kriegsbanner hinter sich herzog. Dann fuhr die Kamera zurück, und man konnte sehen, dass sich die Ausbuchtung an einer ganz anderen Stelle der SturmMauer befand. Bald zeigten sich eine zweite, eine dritte, eine vierte Schiffsnase, und schließlich schoss ein ganzer Wald von großen Schiffen aus dem Sturm auf die große Säule aus schwarzen Raumschiffen zu, die gleich einem riesigen Pendel über der Zuschauerflotte kreiste.
Die Dzunda erzitterte in allen Fugen und kreischte wie ein Tier, als sie von der Druckwelle der Nuklearexplosion erfasst und durchgeschüttelt wurde. Dweller wurden durch den Korridor geschleudert, prallten gegeneinander und gegen Wände, Fußboden und Decke. Schutt und Flüche erfüllten das Gas. Zwei weitere Bildschirme fielen aus, aber es blieben genügend in Betrieb, um die herannahende Flotte quecksilberfarbener Panzerkreuzer zu zeigen, die im Feuer der Schüsse und der Treffer erstrahlten. Laser wurden reflektiert, Abfangprojektile und -strahlen durchkämmten das Gas und zerstörten spiralig heranschießende Raketen. Zwei, dann drei weitere schwarze Schiffe explodierten oder fielen in sich zusammen und stürzten taumelnd in die Tiefe. Aber auch zwei von den riesigen Panzerkreuzern verschwanden in so gewaltigen Detonationen, dass die Schirme trüb wurden.
Aus dem heiteren gelben Himmel ging unversehens ein greller Strahl auf zwei weitere Panzerkreuzer nieder. Er traf genau zwischen die Kolosse und brachte sie ins Wanken, als wären sie im Gas gestolpert. Dann teilte sich der Strahl in zwei parallele, spitze Stäbe, die sich violett färbten und wie die Axt eines Henkers die angepeilten Schiffe durchschlugen.
Die Szene im halb dunklen Korridor – das Chaos aus scharfen Gerüchen, dem verzweifelten Gebrüll der Dweller, die nicht wussten, ob sie klagen oder jubeln sollten, und dem flackernden Licht der Kampfszenen, die über die Schirme jagten – bekam etwas Übernatürliches, als eine sehr laute Entspannungsmusik einsetzte. Der allgemeine Wahnsinn hatte ein automatisches Gästebetreuungssystem aktiviert, das nun verwirrt Ruhe zu verbreiten suchte.
»Verdammt!«, hörte Fassin die Stimme eines Dwellers nicht laut aber deutlich über den Tumult hinweg. »Was ist das denn?«
(Noch ein schwarzes Merkatoria-Schiff wurde in Stücke gerissen, noch ein silberner Panzerkreuzer erblühte in nuklearem Feuer. Zwei weitere Panzerkreuzer erzitterten unter der ersten Berührung der violetten Strahlen von oben.)
Und auf dem Bildschirm gegenüber, der nach unten in die weite Schale, das tote Herz des Sturmes schaute, stieg eine riesige, dunkelrot glühende Kugel aus den Sumpfgasen des Sturmgrundes und zerrte eine gewaltige Gaswoge hinter sich her, eine bizarre Kugel aus festem Feuer von mehreren Kilometern im Durchmesser, gestreift und gebändert wie ein Miniatur-Gasriese. Fassin, völlig verwirrt, glaubte im ersten Moment tatsächlich, den Palast des Hierchon Ormilla majestätisch in das Getümmel schweben zu sehen.
Ein verschmorter Klumpen – der qualmende Rest eines zerstörten Merkatoria-Schiffs – stürzte auf die Erscheinung zu und lieferte damit einen Anhaltspunkt für die Ausmaße der riesigen Kugel. Als das Wrack dicht dahinter zu versinken schien, konnte Fassin die Kugel auf drei bis vier Kilometer im Durchmesser schätzen.
Tatsächlich stürzte der Klumpen davor in die Tiefen, so dass er seine Schätzung verdoppeln musste.
Zwei filamentdünne gelblich weiße Strahlen schossen auf die Kugel zu und versanken darin, ohne ihr etwas anhaben zu können. Von oben nahm sie der violette Strahl ins Visier, verbreiterte sich kurz, als wolle er die ganzen sieben oder acht Kilometer abmessen, und zog sich wieder zusammen.
Auf der Oberfläche der Riesensphäre erschien ein Muster aus schwarzen Punkten.
Immer neue Explosionswellen erschütterten die Dzunda. Fassin wandte den Blick nicht von der mächtigen Kugel, obwohl sich von beiden Seiten die Dweller gegen ihn drängten. Valseir entglitt ihm.
Etwa fünfzig von den schwarzen Flecken waren wie zufällig über die obere Hemisphäre verteilt. Einer lag genau im Zentrum des rasant fokussierenden violetten Strahls. Im gleichen Augenblick, in dem der Strahl so hell wurde, dass man den dunklen Punkt nicht mehr sehen konnte, begann der zu pulsieren, wurde größer und verschwand. Und plötzlich wuchs aus jedem schwarzen Fleck eine blendend helle, dünne Säule aus rein weißem Licht. Die Strahlen hatten nur einen Lidschlag lang Bestand, dann verschwanden sie fast so schnell, wie sie entstanden waren. Nur ihr Nachbild brannte sich in alle ungeschützten Augen und alle Kameras, die ohne ausreichende Filter auf sie gerichtet waren.
Stille herrschte, auch als die Dzunda vom nächsten wahnwitzigen Krampf erschüttert wurde und der ganze Korridor in allen Fugen ächzte. weitere Bildschirme fielen aus. Die Entspannungsmusik verstummte. Auf zwei noch intakten Schirmen war zu sehen, wie ganze Geschwader, ganze Schwärme der schwarzen Schiffe nahezu über die volle Länge zu glitzernder Asche verbrannten und im Wind verwehten. Nur die langen spitzen Nasen und die Hecks mit Leitwerk und Flossen blieben erhalten und stürzten, zerfleddernde Rauchfahnen hinter sich herziehend, wie Meteore hinab in die schwarzen Tiefen des Sturms.
Der eine Schirm zeigte, wie die Kamera auf der Suche nach einem heilen Merkatoria-Schiff über den Himmel schwenkte, aber nur weitere Rauchfahnen und Aschewolken fand, die bereits vom Wind davongetragen wurden.
Der Blick des zweiten Bildschirms war nach oben gerichtet, auf ein gelb glühendes Objekt, das langsam abkühlte und blasser wurde. Anfangs blieb es noch über der Schreckensszene stehen, dann schwebte es allmählich nach Osten davon.
Die Riesenkugel stieg immer noch weiter, aber jetzt wurde sie langsamer und kam langsam auf gleiche Höhe mit den Resten der Zuschauerflotte. Die zwei Dutzend verspiegelten Panzerkreuzer, die noch übrig waren, bremsten ab und setzten sich neben die Schiffe, die sich zusammengedrängt oder verstreut hatten.
Aus allen Dwellerkehlen über die ganze Länge des Korridors erhob sich lauter Jubel über den vollkommenen – und gänzlich unerwarteten – Sieg und steigerte sich zu einem misstönenden, ohrenbetäubenden, sinnverwirrenden Krawall.
Eine Serie von gewaltigen Druckwellen erfasste die Dzunda und schüttelte sie wie eine Fahne im Wind. Laute Schläge übertönten das Dweller-Gebrüll, als klatschte ein Heer von Titanen in die Hände.
Alle Schirme wurden dunkel. Das Luftschiff Dzunda machte einen letzten Satz und begann zu sinken. Alle Dweller, die noch keinem Ausgang zustrebten, holten das schleunigst nach. Fassin wurde mitgerissen und die Röhre hinaufgeschoben, die er von vornherein ins Auge gefasst hatte. Durch eine weite Trichteröffnung gelangte er auf eine Aussichtsgalerie und von dort durch das großflächig zerstörte Diamantdach hinaus in Nasquerons schwer misshandelten Himmel.