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»Soll ich das so verstehen, dass einige von euren Ammenmärchen über geheime Schiffe und Hyperwaffen tatsächlich wahr sind?«, fragte Fassin.

»Tja«, sagte Y’sul und sah sich um. »Sieht ganz danach aus.«

Sie befanden sich auf der Isaut, jenem riesigen Kugelschiff, das binnen weniger Sekunden fast die ganze Merkatoria-Flotte  – einschließlich des raumgestützten Kontrollkommandos und der schweren Artillerie – zerstört hatte. Offiziell war die Isaut ein (zu dementierender) Planeten-Protektor, was aber nicht heißen sollte, dass Fassin oder die anderen aus den zerstörten und beschädigten Schiffen der Zuschauerflotte Geretteten jemals gehört hätten, dass es so etwas gab. Was in Y’suls Augen ein schlagender Beweis für die Wirksamkeit des Dementis war.

Natürlich hatte es, solange man denken konnte, nie an Gerüchten und Mythen zu geheimen Wunderwaffen der Dweller gefehlt. Immer wieder war auch davor gewarnt worden, sich mit einer so uralten und weit verbreiteten Spezies auf einen Krieg einzulassen, aber das nahm in der Regel niemand ernst – da der Verdacht bestand, die meisten dieser Geschichten seien von den Dwellern selbst in Umlauf gesetzt worden. Die Dweller waren so damit beschäftigt, sich dicke zu tun und aller Welt zu erzählen wie unvergleichlich genial sie seien – während sie gleichzeitig so auf sich selbst fixiert und introvertiert waren, sich so wenig um ihre fernen Artgenossen kümmerten und sich nicht nur vom Rest der zivilisierten Galaxis, sondern auch von den anderen Gruppen ihrer weit verstreuten Diaspora isolierten  –, dass sie ausnahmslos für aufgeblasene Phantasten gehalten wurden und man ihre viel gepriesenen Schiffe und Waffen bestenfalls als Folklore gelten ließ, als schwache Erinnerung an einstige, längst vergangene und gänzlich verblasste Größe.

Obwohl Fassin soeben mit eigenen Augen – oder zumindest mit den Sensoren seines Gasschiffchens – die verheerenden Folgen der Intervention der Isaut beobachtet hatte, konnte er noch nicht so recht daran glauben.

»Was für ein seltsamer Ort«, bemerkte Valseir und sah sich in dem sphärischen Raum um, in den man ihn, y’sul und Fassin geführt hatte.

Sie hatten sich im Gewirr der Überlebenden der Dzunda im Gas rasch wiedergefunden. Fassins pfeilförmiges Schiff war zwar kleiner als die Dweller ringsum, aber von der Form her so prägnant, dass Valseir und Y’sul ihn ohne Mühe ausfindig machen und in seine Richtung steuern konnten.

»Warum machen denn alle einen weiten Bogen um mich?«, hatte Fassin gefragt, als nach der Schlacht Ruhe einkehrte und die beiden auf ihn zuschwebten. Er hatte Recht; die anderen Überlebenden hielten sich mindestens fünfzig Meter von ihm fern.

»Sie fürchten, du könntest zur Zielscheibe werden«, hatte Y’sul gesagt und in seinen verschiedenen Taschen und Beuteln gekramt, um zu sehen, was er in der Aufregung alles verloren haben könnte. Sie waren von hohen Rauchsäulen umgeben, die in der schwarzen Sturmwand tief unter ihnen verwurzelt waren und wie verdorrte Pflanzenstängel im Wind hin und her schwankten. Große hantelförmige Wolken – die einzigen Überreste der Atomexplosionen – drehten sich um sich selbst und lösten sich langsam auf. Die runden, kaum bewegten Enden stiegen in immer höhere Atmosphäreschichten auf, wurden von gegenläufigen Windströmungen erfasst und warfen riesige, trübe Schatten an den Himmel über dem Sturmauge. Alles war wieder ruhig. Seitlich von ihnen schwebte wie ein Miniaturplanet, der sich im Auge des mächtigen Sturms verfangen hatte, die große gebänderte Kugel, die aus der Tiefe aufgestiegen war.

In der SturmMauer schien sich die GasClipper-Flotte neu formieren zu wollen. Als Fassin mit den anderen Überlebenden aus der sinkenden Dzunda purzelte, hatte nur der Umstand, dass er ein Leben lang mit der – angeborenen wie auch erworbenen  – Gleichgültigkeit der Dweller konfrontiert gewesen war, verhindert, dass ihm der Atem stockte, als ringsum allen Ernstes darüber diskutiert wurde, ob das GasClipper-Rennen einfach fortgesetzt, neu gestartet oder für ungültig erklärt würde, und inwiefern sich jede dieser Alternativen auf den Status bereits abgeschlossener Wetten auswirken könnte.

Weniger beschädigte Zuschauer und andere Schiffe hatten die frei im Gas schwebenden Dweller aufgenommen. Ambulanzjollen von den Schiffen der silbernen Panzerkreuzer-Flotte, die den Kampf überlebt hatten, und Lazarettschiffe aus den nächst gelegenen Häfen retteten Schwerverwundete und Brandopfer.

Fassin war tatsächlich ins Visier genommen geworden, aber man hatte nicht auf ihn geschossen. Drei Jollen hatten die Riesenkugel verlassen, geradewegs auf die kleine Gruppe, bestehend aus Fassin und seinen zwei Dweller-Freunden, zugehalten und sie an Bord geholt. Dann hatten die Jollen kehrt gemacht und waren zu der riesigen Kugel zurückgeschwebt, ohne auf die empörten Schreie der Dweller zu achten, die bis eben noch so demonstrativ Abstand von Fassin gehalten hatten.

Die Leitjolle, geführt von einem munteren, außergewöhnlich hoch betagten Dweller-Pärchen – sie nannten weder Namen, noch Rang oder Alter, aber jeder schien mindestens so alt wie Jundriance zu sein –, hatte sie irgendwo tief im Innern des riesigen Kugelschiffs abgesetzt, in einem dunklen Tunnel, der in eine weite, sphärische Empfangshalle führte. Dort gab es nicht nur Waschgelegenheiten, sondern auch eine Einrichtung, die Y’sul nach einem flüchtigen Blick naserümpfend als Snacketeria bezeichnete. Bevor die beiden Namenlosen mit ihrer Jolle wieder abzogen, hatte ihnen der eine als Antwort auf Fassins Frage Namen und Klasse des Riesenschiffs genannt. Fassin hatte gemeldet, sein Gasschiff sei mit Nanomaschinen der Merkatoria in Berührung gekommen und womöglich verseucht worden, aber niemand an Bord war darüber so überrascht oder erschrocken, wie er gedacht hatte. Die Besatzung der Jolle hatte das Gasschiffchen gescannt und erklärt, nein, von einer Verseuchung sei nichts mehr festzustellen.

»Wo ist deine kleine Freundin, der Ehrenwerte Colonel?«, fragte Y’sul und sah sich betont auffällig in der Empfangshalle um. »Sie ist aufgesprungen und davongerast, bevor der Spaß so richtig losging.«

»Sie ist tot«, teilte Fassin ihm mit.

»Tot?« Y’sul rollte zurück. »Aber sie war doch so gut bewaffnet !«

»Sie hat ein Abhörgerät abgeschossen, das … der Merkatoria gehörte«, sagte Fassin. »Eines der ersten Merkatoria-Schiffe, die auf der Bildfläche erschienen, hielt sie deshalb wohl für einen Feind und hat sie getötet.«

»Oh«, sagte Y’sul. Es klang bedrückt. »War das tatsächlich die Merkatoria? Nicht diese Separat-Leute. Du bist ganz sicher?«

»Ich bin ziemlich sicher«, erwiderte Fassin.

»Verdammt«, sagte Y’sul verärgert. »In dem Fall sieht es fast so aus, als hätte ich eine Wette verloren. Wie komme ich da bloß wieder raus?« Tief in Gedanken schwebte er davon.

Fassin wandte sich an Valseir. »Und mit dir ist wirklich alles in Ordnung?«, fragte er. Der alte Dweller war ziemlich erschüttert gewesen, als sie sich über dem sinkenden Luftschiff im Gas getroffen hatten, war aber unverletzt bis auf ein paar Panzerabschürfungen, die er sich im Gedränge der Flüchtenden zugezogen hatte.

»Mir geht es gut, Fassin«, beteuerte er dem Menschen. »Und dir? Du hast deine Freundin den Colonel verloren, wie ich höre.«

Fassin stand plötzlich das letzte Bild von Hatherence vor Augen. Er sah, wie sich die schwarze Mantaform – für einen Dweller hätte sie ausgesehen wie eins von ihren Jungen – durch die Luft schraubte und mit einer Handfeuerwaffe auf das Schiff schoss, das sie aus ihrem Anzug gerissen hatte. Dann war sie im Strahl des Gegenfeuers umgekommen. »Ich gewöhne mich allmählich daran, dass jeder, der mir zu nahe steht, eines gewaltsamen Todes stirbt«, sagte er.