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»Hm. Ich habe die Warnung verstanden«, bemerkte Valseir.

»Sie war meine Vorgesetzte«, erklärte Fassin. »Sie hatte den Auftrag, mich zu beschützen, aber sie sollte mich auch überwachen. Es würde mich wundern, wenn sie nicht Befehl bekommen hätte, mich unter bestimmten Umständen zu töten.«

»Und du glaubst, sie hätte diesen Befehl auch ausgeführt?«

Fassin zögerte. Er schämte sich für das, was er eben gesagt hatte, obwohl er es noch immer für die Wahrheit hielt. Es war, als hätte er Hatherences Andenken beschmutzt. Er wandte den Blick ab und sagte: »Nun ja, das werden wir wohl nie erfahren.«

Mitten in der Decke öffnete sich eine Tür. Alle blickten nach oben. Zwei Dweller traten ein. Den einen kannte Fassin, es war Setstyin, der Einflusshändler, wie er sich selbst bezeichnete, mit dem er telefoniert hatte, als er sich an jenem Abend aus Y’suls Haus in Hauskip City geschlichen hatte. Der zweite sah wahrhaft uralt aus, schwarz und klein – kaum fünf Meter im Durchmesser – und trug auffallend üppige Kleidung, unter der sich wahrscheinlich nur noch wenige natürliche Gliedmaßen und etliche Prothesen verbargen.

»Seher Fassin Taak«, sagte Setstyin und roll-nickte ihm zu. Dann begrüßte er Y’sul und schließlich Valseir – als der Senior unter den dreien kam Valseir als Letzter an die Reihe und wurde mit einer respektvolleren Verbeugung bedacht. »Y’sul, Valseir: ich möchte euch den Weisen-Schwellen-Chospe Drunisine vorstellen. Er befehligt den (zu dementierenden) Planeten-Protektor Isaut

»Sehr erfreut«, sagte der schwarze Dweller. Seine Stimme klang scharf und ziemlich trocken.

»Welche Ehre für uns.« Y’sul stieß Fassin aus dem Weg, drängte sich nach vorne und verbeugte sich schwungvoll bis zum Boden. »Wenn ich das sagen darf.«

»Die Freude ist ganz auf unserer Seite, Prä-KIND«, schloss Valseir sich halbherzig an und machte eine Roll-Verneigung, die nicht ganz so tief, aber dafür würdevoller ausfiel.

»Schön, dich wiederzusehen, Setstyin«, sagte Fassin. »Und natürlich freue auch ich mich, Sie kennen zu lernen«, wandte er sich an den Alten.

Drunisine war bei weitem der älteste und vornehmste Dweller, dem Fassin jemals begegnet war. Für jeden Dweller, der natürlich zuerst die Fährnisse der (ersten) kindheit überstehen musste, dann die Adoleszenz-, die Jugend-und Erwachsenenphasen durchlief und schließlich über die Lebensstadien Reife und Schwelle den Rang des Weisen erreichte, war das letzte Ziel die KINDHEIT. wenn er nur lange genug lebte, erfüllte sich hier sein Schicksal. Dieser Zustand des vollkommenen Alles-Getan-Habens galt als Krönung jeder Dweller-Existenz. Drunisine hatte die Stufe unmittelbar vor diesem Gipfel erklommen: Er war Chospe-Prä-KIND. Man konnte davon ausgehen, dass er mehr als zwei Milliarden Jahre alt war.

»Mein Name ist Setstyin.« Der zweite Dweller postierte sich mit dem Weisen etwa im Zentrum des sphärischen Raums und sah in die Runde. »Ich bin ein Freund von Seher Taak. Ich hoffe, ihr seid alle einigermaßen erholt und/oder ausgeruht. Wir haben nämlich viel zu besprechen.«

Alle erklärten sich zu einem Gespräch imstande. Auf einen Wink von Setstyin fielen aus einem Ring um die Tür in der Decke Sitzhängematten herab. Die Tür schloss sich. Man machte es sich bequem.

»Seher Taak«, sagte der greise Dweller. »Wir müssen sicherstellen, dass alle Aufzeichnungen der soeben zu Ende gegangenen Schlacht aus den Speichern des Schiffchens gelöscht werden, das du bewohnst.«

»Ich verstehe«, sagte Fassin, der den Zusatz ›(zu dementieren) ‹ nicht vergessen hatte. Er suchte alles zusammen, was er von der Schlacht im Auge des Sturms festgehalten hatte, und veranlasste eine vollständige Löschung. Dann rief er viele weitere gespeicherte Daten auf und entfernte sie ebenfalls. »Schon geschehen«, sagte er.

»Wir werden das nachprüfen müssen«, erklärte Setstyin entschuldigend.

»Tut euch keinen Zwang an«, sagte Fassin. »Ich nehme an, wir sollen auch mit niemanden über die Geschehnisse hier draußen sprechen. Ebenso wenig über dieses Schiff.«

»Reden kannst du, so viel du willst, junger Mensch«, versicherte ihm Drunisine. »Uns geht es nur um die harten Fakten.«

»Alle noch funktionsfähigen nicht-dweller-eigenen Überwachungssysteme um Nasqueron werden entfernt«, sagte Setstyin, an Fassin gewandt. »Alle unberechtigt eingedrungenen Schiffe, die in Richtfunkverbindung zu den Geschehnissen standen, wurden bereits zerstört. Die Reste der Merkatoria-Flotte werden derzeit verfolgt und vernichtet.«

»Man jagt sie wie Hunde, Seher Taak«, erläuterte Drunisine und sah ihn fest an. Er hatte das Anglisch-Wort verwendet. »Sie werden bedrängt, ihre Systeme blockiert, ihre Kommunikationsverbindungen durchtrennt. Ihr Schicksal ist besiegelt. Keine direkten Nachweise für das Vorhandensein dieses Schiffes oder seine Leistung und keine Aufzeichnungen aus zweiter Hand dürfen nach außen dringen. vielleicht sollte ich hinzufügen, dass es auch Überlegungen gab, dich sofort zu vernichten.«

»Ich bin sehr dankbar, dass man davon abgesehen hat«, sagte Fassin. »Von den Schiffen, die sich über Nasqueron befanden, soll also kein einziges entkommen?«

»Keines«, sagte der greise Dweller.

»Wer einen Krieg anfängt, muss die Folgen tragen«, grollte Y’sul.

»Und danach?«, fragte Fassin.

»Genauer bitte.«

»Ist dies der Anfang eines Krieges mit der Merkatoria oder zumindest mit der Merkatoria von Ulubis?«

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, sagte Drunisine. Es klang, als sei er auf diesen Gedanken noch gar nicht gekommen. »Höchstens wenn man uns noch einmal überfällt. Hältst du das für möglich, Seher Taak?«

Fassin hatte das beklemmende Gefühl, bei der abgrundtiefen Verachtung aller Dweller für Geheimdienste wären seine nächsten Worte womöglich die einzige Information von Belang, die die Dweller in dieser Sache bekommen und auf die sie ihre Entscheidungen gründen konnten.

»Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, die Merkatoria wird über das Ausmaß der Verluste so entsetzt sein, dass sie es sich zweimal überlegen wird, weitere Schiffe aufs Spiel zu setzen. Erst recht, solange sie selbst mit einer Invasion rechnen muss. Sollte diese Invasion scheitern oder das System letztendlich zurückerobert werden, würde man möglicherweise feststellen wollen, was heute geschehen ist. Und es wird sicherlich Stimmen geben, die nach Vergeltung in irgendeiner Form rufen. Allerdings besteht nach den Informationen, die mir über das Epiphanie-Fünf-Separat zur Verfügung stehen, auf kürzere Sicht die Chance, dass dieser Gegner versucht, hier einzudringen.« Er sah Drunisine und Setstyin an, doch die schwiegen beide. »Aber darauf seid ihr sicher vorbereitet.« Wieder Schweigen. »Wenn die Ulubis-Merkatoria erst herausfindet, was hier geschehen ist, und erkennt, dass ihr darin nicht den Ausbruch eines Krieges seht, könnte sie euch vielleicht sogar ein Bündnis gegen die Streitkräfte des Epiphanie-Fünf-Separats vorschlagen.«

»Und warum sollten wir darauf eingehen?«, fragte Drunisine knapp.

Es war ein langer, anstrengender Tag gewesen. Fassin hatte eigentlich nicht mehr die Energie für lange Erklärungen. Bei einem so alten und erfahrenen Wesen wie Drunisine war die Frage vermutlich ohnehin rhetorisch.

»Schon gut«, sagte Fassin. »Tut einfach so, als sei nichts geschehen. Schickt eine Nachricht an ’glantine und macht ein paar hilfreiche Vorschläge zum Wiederaufbau der neuen Gemeinschaftsanlage für Seher.«

»Etwas dergleichen hatten wir ohnehin vor«, sagte Setstyin belustigt.

Auch Fassin signalisierte höfliche Erheiterung. Er hatte noch immer nicht ganz begriffen, was es mit dem Riesenschiff, das binnen eines Lidschlags ganze Flotten zerstören konnte, tatsächlich auf sich hatte. wer war für diesen Maschinenkoloss verantwortlich? Welche bislang unbekannten gesellschaftlichen Strukturen, welche ungeheuerlichen Produktionskapazitäten in der Dweller-Zivilisation konnten eine so erschreckende Waffe einfach aus dem Hut zaubern? War diese Kugel einmalig? Gab es sie nur auf Nasqueron? Du meine Güte, angenommen, sie wäre Teil einer Flotte? Musste man aus den Ereignissen schließen, dass all die geheimen Schiffe und Hyperwaffen, mit denen die Dweller prahlten, tatsächlich existierten? Könnten die Dweller von Nasqueron das E-5-Separat einfach vom Himmel fegen, wenn sie wollten, und Ulubis vor der Invasion bewahren? Könnten sie es jederzeit mit der Merkatoria aufnehmen, wenn ihnen der Sinn danach stand? War die Wahrscheinlichkeit, dass die Dweller-Liste echt war, jetzt größer geworden? War die Liste doch nicht einfach nur ein Witz, mit dem man seine Zeit verschwendete? Wie gerne hätte er sich vor diesem Treffen eine Weile mit Setstyin allein unterhalten, um zu erfahren, was seit ihrem letzten Gespräch geschehen war. Auf jeden Fall würde er ihm einige dieser Fragen stellen müssen, falls sich irgendeine Gelegenheit fände.