»Das ist nicht so einfach zu erklären«, antwortete Fassin. »Vielleicht aus Pflichtbewusstsein oder aus schlechtem Gewissen oder auch aus dem Wunsch heraus, irgendwie tätig zu werden. Könntet ihr denn solche Planetenschutzmaschinen auch heute noch bauen?«
»Keine Ahnung«, gestand Setstyin. »Aber wieso eigentlich nicht?Vielleicht fragst du besser jemanden, der sich damit auskennt, aber selbst wenn die richtige Antwort ›nein‹ wäre, müssten wir doch wohl ›ja‹ sagen?«
»War es mein Anruf bei dir, der das alles in Gang gesetzt hat?«
»Ich finde, du holst dir ganz schön viele Zusatzfragen. Aber du hast Recht. ich nehme allerdings an, wenn plötzlich Dutzende von neu auf Gastauglichkeit umgerüsteten Kriegsschiffen im Orbit auftauchen, schrillen bei uns auch ohne besondere Vorwarnung die Alarmglocken. Trotzdem sind wir dankbar. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass wir das Gefühl haben, dir einen Gefallen schuldig zu sein.«
»Und wenn die Merkatoria jemals dahinterkommt«, sagte Fassin, »werde ich als Verräter hingerichtet.«
»Wenn du es niemandem verrätst, schweigen wir auch«, erklärte Setstyin in vollem Ernst.
»Abgemacht«, gab Fassin zurück, aber er war nicht überzeugt.
Das große Kugelschiff Isaut schwebte tief in einer Gasstromwolke und bewegte sich schnell vorwärts, ohne dass man etwas davon bemerkt hätte. Es hatte sich in den brodelnden Sturmboden aus trägem Gas gesenkt, sobald Fassin und die anderen an Bord gekommen waren. Sinkend, sich weiterschlängelnd und wieder leicht steigend hatte es das Wetterband der Zone Zwei erreicht und sich rasch an dessen Geschwindigkeit angeglichen. Als nun der Abend in die Nacht überging, befand es sich fünfhundert Kilometer von dem Sturm entfernt, wo die Schlacht stattgefunden hatte, und vergrößerte diesen Abstand mit jeder Stunde um weitere dreihundert Kilometer.
Fassin, y’sul, valseir und Setstyin schwebten unweit von Colonel Hatherences Leichnam über einer schmalen Plattform am Äquator des großen Schiffs. Das schwache Licht und die noch schwächere Brise verliehen der Szene eine Atmosphäre von stiller Schwermut, die dem Anlass angemessen war. Man hatte den zerrissenen, verbrannten Körper des Colonels mit hunderten von anderen Toten auf der Ebene gefunden, wo sich die Dweller-Leichen gewöhnlich sammelten. Der ihre war etwas weiter oben zur Ruhe gekommen, wo sonst die kinder lagen.
Wenn man die Dweller-Leichen sich selbst überließ, gasten sie aus, gewannen an Dichte und versanken, der Atmosphäre ausgesetzt, irgendwann vollends in den Tiefen. Der Respekt verlangte jedoch, einen toten Verwandten entweder zu Hause in einem besonderen Trauerraum aufzubahren und so lange verwesen zu lassen, bis die Dichte hoch genug war, um ein schnelles Versinken in den Flüssigwasserstoff sehr viel weiter unten zu gewährleisten, oder – wenn die Zeit drängte – den Leichnam zu beschweren und ihn so den Tiefen zu übergeben.
Hatherence hatte hier keine Familie. Es gab in ganz Nasqueron nicht einmal einen zweiten Angehörigen ihrer Spezies, und so hatte man Fassin – immerhin wie sie ein Alien – die Verantwortung für ihre sterblichen Überreste übertragen. Er hatte es vorgezogen, ihren Leichnam rasch in die Tiefen sinken zu lassen, anstatt ihn zu konservieren und an die Justitiarität oder an etwaige Familienangehörige im Ulubis-System zu übergeben. Dabei hätte er nicht einmal sagen können, warum er so dachte. Die ›Wahrheit‹ verlangte keinen speziellen Totenkult, und so weit er wusste, legten auch die Oerileithe keinen besonderen Wert darauf, ihre Toten von weither zurückzuholen. Doch selbst wenn es anders gewesen wäre, hätte er dieses Verfahren befürwortet. Die Dweller hielten diese Art der Entsorgung wohl vor allem für verwaltungsfreundlich, vielleicht auch für besonders sauber und ordentlich. Für ihn war es mehr.
Fassin schaute hinab auf den Alien-Körper in seinem Sarg aus Meteoreisen – schmal und dunkel, von der Form her zwischen einem Manta und einem Riesenseestern. Eisen war für die Dweller aus sentimentalen und zeremoniellen Gründen von jeher ein halbedles Metall. Sie betrachteten diese Form der Beisetzung vermutlich als große Ehre für Hatherence. Im schwindenden Licht wirkten die zerrupften Überreste, ohnehin schon dunkel, dann durch den tödlichen Strahl noch schwärzer verbrannt, wie Schattenfetzen.
Fassin stiegen unter dem Schockgel die Tränen in die Augen. Das Gasschiffchen war auch für ihn wie ein kleiner Sarg, der ihn bei lebendigem Leibe umschloss. Er wusste, dass er in den animalischen Tiefen seines Bewusstseins weniger um den gefallenen Colonel der Ocula trauerte als um all die Menschen, die er in letzter Zeit verloren hatte. Verloren, ohne dass er sie ein letztes Mal gesehen hätte, und wäre es als Tote, verloren, ohne dass er so ganz fassen konnte, dass sie nicht mehr waren, weil er zu weit entfernt gewesen war, als es geschah, um zurückkehren und ihnen in irgendeiner Form die letzte Ehre erweisen zu können, verloren für den Verstand, aber nicht für die Gefühle, denn bis zu diesem Moment sträubte sich etwas in ihm gegen die Erkenntnis, dass er alle diese Verlorenen niemals wiedersehen würde.
»Ich muss gestehen«, sagte Setstyin, »ich habe keine Ahnung, mit welchen Worten man einem solchen Anlass gerecht werden könnte. wie steht es mit dir, Seher Taak ?«
»Bei den f-Menschen gibt es die Redensart, wir kämen aus dem Nichts und gingen ins Nichts, und dieses Nichts sei wie ein Schatten, der das Leben in seiner Fülle hervorhebe und ihm schärfere Konturen verleihe. Und bei den r-Menschen sagt man noch etwas von Staub und Asche.«
»Denkst du, es hätte sie gestört, wie ein Dweller bestattet zu werden?«, fragte Setstyin.
»Nein«, sagte Fassin. »Das glaube ich nicht. Sie hätte es eher für eine Ehre gehalten.«
»Hört, hört«, murmelte Y’sul.
Valseir machte eine feierliche Verbeugung.
»Nun denn, Colonel Hatherence«, sagte Setstyin mit einem kleinen Seufzer und schaute auf den Leichnam im Sarg hinab. »Du hast das Alter und den Rang eines Colonel der Merkatoria erreicht, was für deinesgleichen eine beachtliche Leistung ist. Wir nehmen an, dass du ein gutes Leben geführt hast, und wir wissen, dass du ehrenhaft gestorben bist. Mit dir starben viele andere, aber am Ende sind wir doch alle allein. Für dich gilt das noch mehr, denn du warst unter Wesen, die dir fremd waren, und du warst fern von deiner Heimat und deiner Familie. Du bist in die Tiefen gestürzt, du wurdest geborgen, und nun schicken wir dich noch weiter in diese Tiefen hinab zu all unseren ehrwürdigen Toten auf der felsigen Oberfläche um den Kern.« Er sah Fassin an. »Seher Taak, möchtest auch du noch ein paar Worte sagen?«
Fassin zerbrach sich vergeblich den Kopf. Schließlich sagte er nur: »Ich glaube, Colonel Hatherence war eine gute Person. Tapfer war sie sicherlich. Ich kannte sie nicht einmal hundert Tage lang, und sie war immer meine militärische Vorgesetzte, aber sie wurde mir immer sympathischer, und irgendwann war sie wie eine Freundin. Sie fand den Tod, als sie mich beschützen wollte. Ich werde ihr Andenken stets in Ehren halten.«
Er signalisierte, dass ihm weiter nichts einfiel. Setstyin roll-nickte und deutete auf den offenen Sargdeckel.
Fassin glitt vor und schloss mit einem Manipulator die eiserne Klappe, dann sank er noch ein wenig tiefer, fasste zusammen mit Setstyin die Bahre mit dem Sarg an einer Kante und hob sie an. Der schwere Behälter rutschte lautlos vom Balkon und versank tief unter ihnen in der nächsten dunkelvioletten Wolkenschicht.
Alle schwebten nach draußen und warteten, bis der winzige schwarze Fleck im rötlich blauen Gewoge verschwunden war.
»Ein Großcousin von mir ist beim Tauchen von so etwas getroffen worden«, sagte Y’sul nachdenklich. »Hat nie erfahren, was es war. Er war auf der Stelle tot.«
Die anderen sahen ihn an.
Er zuckte die Achseln. »Was ist? Es ist wahr!«