Valseir fand Fassin auf einer Galerie. Der Alte schaute hinaus in den nächtlichen Gasstrom, der in Infrarot ruhig dahinrauschte und die Isaut an ein unbekanntes Ziel trug.
»Fassin.«
»Valseir. Dürfen wir schon gehen?«
»Ich habe nichts gehört. Noch nicht.«
Gemeinsam sahen sie eine Weile in die bewegte Nacht hinaus. Zuvor hatte sich Fassin Berichte beider Seiten über die Sturmschlacht angesehen. Die Dweller zeigten raffiniert ausgewählte Bilder, nach denen es so aussah, als hätten die Panzerkreuzer und nicht die Isaut den Sieg davongetragen. Die Sendernetze der Merkatoria verzichteten ganz auf Bilder und ergingen sich nur in geheimnisvollen Andeutungen, wonach eine ganze Flotte vermisst wurde. Dass es nichts zu sehen gab, war unerhört. Offenbar hatte man sofort entschieden, dass die Sache nach Möglichkeit vertuscht werden sollte. Beide Seiten spielten nach Kräften herunter, unterstellten ein entsetzliches Missverständnis und beklagten erschreckend hohe Verluste, was, wenn Fassin recht überlegte, immerhin zur Hälfte bis zu drei Vierteln der Wahrheit entsprach und damit der Realität näher kam, als er unter diesen Umständen erwartet hätte.
»Was ist denn nun aus dieser Mappe geworden?«, fragte Fassin. »Falls es sie überhaupt gab?«
»Es gab und gibt eine Mappe, Fassin«, sagte Valseir. »Ich habe sie lange bei mir behalten, aber vor einundzwanzig oder zweiundzwanzig Jahren gab ich sie schließlich meinem Kollegen und guten Freund Leisicrofe, der damals gerade zu einer Forschungsexpedition aufbrach.«
»Ist er inzwischen zurückgekehrt?«
»Nein.«
»Wann kommt er?«
»Sollte er zurückkehren, wird er die Daten nicht mitbringen.«
»Wo werden sie sein?«
»Wo immer er sie gelassen hat. Ich weiß es nicht.
»Wie finde ich deinen Freund Leisicrofe?«
»Du musst ihm folgen. Das wird nicht einfach sein. Du wirst Hilfe brauchen.«
»Ich habe Y’sul. Er hat bisher immer alles arrangiert …«
»Du wirst viel mehr Hilfe brauchen, als er dir geben kann.«
Fassin sah den alten Dweller an. »Ich muss den Planeten verlassen? Ist es das, was du meinst?«
»Sozusagen«, sagte Valseir, ohne ihn anzusehen. Er wandte den Blick nicht von der vorwärts wogenden Nacht.
»An wen sollte ich mich dann wenden, um diese Hilfe zu erhalten ?«
»Ich war bereits so frei, alles in die Wege zu leiten.«
»Tatsächlich? Das ist sehr freundlich.«
Valseir schwieg eine Weile, dann sagte er: »Es geht hier nicht um Freundlichkeit, Fassin.« Er wandte sich zu dem Pfeilschiff um und sah es fest an. »Niemand, der noch bei klarem Verstand ist, würde sich in ein Geschehen von solcher Tragweite hineinziehen lassen. Wenn das, wonach du suchst, auch nur irgendwo mit der Realität zu tun hat, könnte sich für uns alle alles ändern. Ich bin ein Dweller. Meine Spezies führt ein schönes langes – wenn auch egoistisches – Leben und hat sich weit über die Sternensysteme ausgebreitet. Veränderungen in der Größenordnung, von der wir hier sprechen, schätzen wir nicht. Ich weiß nicht, ob irgendeine Spezies davon angetan wäre. Einige von uns werden nichts unversucht lassen, um solche Umwälzungen zu vermeiden und alles genau so zu erhalten, wie es ist.
Du musst dir über eines klar sein, Fassin; wir sind keine Monokultur, wir sind nicht alle vollkommen gleichgeschaltet. Es gibt Unterschiede, die selbst du, der du dich so lange und intensiv mit uns beschäftigt hast, nicht ermessen kannst. In unseren Welten gehen Dinge vor, von denen die meisten von uns kaum etwas ahnen, und zwischen unseren Parteien herrschen ebenso tief greifende Meinungsunterschiede wie bei den Parteien der ›Schnellen‹.«
Parteien, dachte Fassin.
Valseir fuhr fort. »Bei uns stehen nicht alle den Ereignissen in den Weiten der Galaxis mit der Gleichgültigkeit gegenüber, die wir im Allgemeinen so erfolgreich zur Schau tragen. Manch einer würde dir helfen, ohne Genaueres über deine Mission wissen zu wollen, weil ihm klar wäre, dass sich dieses Wissen niemals mit der Loyalität zu seiner Spezies vereinbaren ließe. Andere … andere würden dich auf der Stelle töten, wenn sie auch nur ahnten, wonach du suchst.« Der alte Dweller schwebte wie zu einem Flüsterkuss an ihn heran und signalisierte: – Und ob du es glaubst oder nicht, Fassin Taak, Drunisine gehört zum ersten Lager, während dein Freund Setstyin zum zweiten gehört.
Fassin wich zurück und sah den alten Dweller ungläubig an. Der bekräftigte: – Es ist wahr.
Fassin schwieg einen Moment, dann fragte er: »Wann kann ich deinem Freund Leisicrofe folgen?«
»Ich denke, du wirst es noch vor dem Ende dieser Nacht auf die eine oder andere Weise erfahren. wenn wir beide nicht wenigstens anfangen, nach Leisicrofe zu suchen, dann können wir auch gleich deinem Colonel Hatherence folgen.«
Das war Fassin ein wenig zu melodramatisch. »Meinst du wirklich?«, fragte er und signalisierte Erheiterung.
»Ja, das meine ich wirklich«, sagte Fassin, ohne eine Empfindung zu signalisieren. »Noch einmaclass="underline" es geht hier nicht um Freundlichkeit.«
Saluus Kehar war verärgert. Er hatte an entscheidenden Stellen seine eigenen Leute sitzen, er hatte spezielle Methoden, um Dinge in Erfahrung zu bringen, er hatte eigene, von den Medien und den Regierungsbehörden unabhängige und sichere Informationskanäle – anders wurde und blieb man nicht der größte Lieferant des Militärs – und so wusste er ziemlich genau, was während des katastrophalen Überfalls auf Nasqueron geschehen war. Es war einfach ungerecht, ihm oder seiner Firma die Schuld daran zu geben.
Zum einen waren sie verraten worden, oder ihre Informationen und ihr Funkverkehr waren nicht sicher gewesen, oder jemand (die Dweller!) hatte ihre Absichten frühzeitig erraten. Aus einem dieser Gründe – die alle ganz bestimmt nichts mit ihm zu tun hatten – waren sie in einen Hinterhalt geraten und kläglich unterlegen. Plötzlich waren Dutzende von verdammten Superpanzerkreuzern aufgetaucht, von denen bis dahin kein Schwein je gehört hatte, während die einfallenden Truppen allenfalls mit einer Hand voll Standardschiffen gerechnet hatten, ohne reaktive Spiegelpanzerung, ohne Plasmatriebwerke und ohne Breitbandlaser. Zudem hatten sich die Dweller im Lauf der Jahre – Jahre? Äonen! – sehr geschickt verstellt. Sie hatten sich als hoffnungslos tollpatschig und technisch unfähig verkauft, während sie in Wirklichkeit immer noch Zugriff auf tödliche Waffen hatten – auch wenn sie nicht mehr zu spektakulären Neuentwicklungen imstande waren.
Das Militär hatte versagt. Das Werkzeug konnte noch so gut, der Handwerker noch so geschickt, die Waffe noch so solide gebaut sein, wenn der Benutzer sie fallen ließ, nicht einschaltete oder einfach nicht damit umgehen konnte, war die beste Arbeit umsonst gewesen.
Sie hatten alle Schiffe verloren. Alle. Jedes einzelne Scheißschiff, ob bei der Angriffsflotte selbst oder bei den Unterstützungseinheiten unmittelbar darüber im All. Sogar einige Schiffe, die gar nicht beteiligt waren – sondern um Third Fury kreisten und die Bergungs-und Aufbautrupps bewachten –, waren von einer Teilchenstrahlwaffe ins Visier genommen und vernichtet worden. Hyperschnelle Raketen hatten zwei Schiffe auf der anderen Seite des Mondes aufgespürt und ebenfalls in tausend Stücke gerissen.
Um sich nicht eingestehen zu müssen, dass die Operation ein Fiasko gewesen war, hatte das Militär entschieden, den Fehler bei Kehar Heavy Industries zu suchen. Die Firma trage die Schuld. Mit unseren verdammten Schiffen stimme etwas nicht, um einen alten Admiral aus früherer Zeit zu zitieren. Das schiere Ausmaß der Katastrophe und die frustrierende Unmöglichkeit, genau zu bestimmen, was schief gegangen war, machten es sogar noch einfacher, die Verantwortung auf das Werkzeug zu schieben anstatt auf den Benutzer. Alle Schiffe waren auf Saluus’ Werften gastauglich gemacht worden, alle waren beim ersten Einsatz in der neuen Konfiguration verloren gegangen, folglich musste – nach jener speziellen Logik, der wohl nur ein militärischer Verstand zu folgen vermochte – das Problem in dem Verfahren liegen, mit dem sie für Flüge in einer Atmosphäre umgerüstet worden waren.