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Wen kümmerte es, dass der Schlachtkreuzer, der das Kommando führte und die Mission steuerte, und die beiden schwer gepanzerten Überwachungsschiffe, die alle niemals gastauglich gemacht worden waren und sich zu dieser Zeit noch im All befanden, ebenso mühelos in ihre Atome zerlegt worden waren wie die Schiffe, die in den Wolken des Planeten operierten? Dieses kleine Detail ging in der größeren Katastrophe irgendwie unter und wurde in der ganzen Hysterie tunlichst vergessen.

Nun hatte man also Fassin und die Spur zu dieser Dweller-Liste verloren. Schlimmer noch, man hatte ein schwerwiegendes Problem mit seinem Geheimdienst, denn im Grunde genommen hatte man sich hinters Licht führen lassen. Der alte Dweller Valseir musste Verdacht geschöpft oder einen Tipp bekommen haben. Das ergab sich einfach daraus, dass sich die von ihm gelieferte Information – fast die letzten Daten, die bei den Lamettaträgern auf Sepekte eintrafen, bevor das Chaos ausbrach – bei späterer Überprüfung als falsch herausgestellt hatte. Der Dweller in Deilte, den Fassin auf seinen Rat hin hätte aufsuchen sollen, existierte nicht. Und dafür hatte man mehr als siebzig erstklassige Kriegsschiffe verloren, ohne irgendetwas zu gewinnen – Schiffe, die man schmerzlich vermissen würde, wenn die Invasion durch die Allianz aus Beyondern und Hungerleidern tatsächlich aktuell wurde – und obendrein hatte man die Dweller gründlich verärgert. Und den Dwellern krumm zu kommen, war noch nie ratsam gewesen, schon bevor sie plötzlich gezeigt hatten, dass sie immer noch eine Faust in der Tasche hatten, mit der sie eine Merkatoria-Flotte auf die Bretter schicken konnten. Das Militär hatte also Mega-Scheiße gebaut, diamantscheiße mit vielen Facetten, ein wahrer Geniestreich, ein bleihaltiges Stück Scheiße, eine mehrstufige Rakete mit einer ganzen Traube von Scheiße-Sprengköpfen, ein regeneratives Waffensystem mit fraktaler Scheiße als Munition.

Tatsächlich hatte sich nur der letzte Punkt auf der langen Liste von verheerenden Folgen – das Verhalten der Dweller nach der Niederlage und die Signale, die sie gaben – als weniger schlimm herausgestellt als befürchtet. Endlich ein Hoffnungsschimmer am Horizont.

Saluus saß in einer Konferenz. Er hasste Konferenzen. Sie mochten zum Leben jedes Industriellen, ja zum Leben jedes Geschäftsmanns in jedem beliebigen Unternehmen gehören, dennoch hasste er sie. Er hatte, zum Teil von seinem Vater, gelernt, sich gut zu behaupten und Teilnehmer wie Informationen vor, während und nach der Zusammenkunft in seinem Sinne zu manipulieren, doch selbst wenn alles schnell über die Bühne ging und wichtige Entscheidungen fielen, hatte er das Gefühl, seine Zeit zu verschwenden.

Und es gab nur wenige Konferenzen, in denen wichtige Entscheidungen fielen.

Diesmal hatte er nicht einmal den Vorsitz. Das war ungewöhnlich. Man hatte ihn vorgeladen. Vorgeladen? Man hatte ihn vorführen lassen. wie einen Angeklagten!

Er zog Konferenzschaltungen oder Holo-Meetings bei weitem vor. Sie waren im Allgemeinen kürzer (wenn auch nicht immer – wenn alle Beteiligten sich in ihrer jeweiligen Umgebung wirklich wohl fühlten, konnten auch sie ewig dauern), und sie waren leichter zu leiten – und im Grunde auch leichter zu beenden. Aber in der Welt der Konferenzen gab es offenbar eine bestimmte Verteilungskurve: am unteren Ende einer Organisationshierarchie setzte man sich oft und gern zusammen  – häufig nur deshalb, wie Saluus schon lange vermutete, weil man sonst nichts Vernünftiges zu tun und genügend Zeit hatte und weil man sich gern ein wenig wichtig machte. In den mittleren und oberen Rängen wurden die Holo-Meetings zahlreicher, sie waren zeitsparender, die Leute, die man treffen wollte, standen etwa auf der gleichen Stufe wie man selbst, auch ihre Zeit war knapp, und sie waren oft weit entfernt. Doch auf den allerhöchsten Ebenen – und das war nicht ganz logisch  – stieg der Prozentsatz an persönlichen Konferenzen allmählich wieder an.

Vielleicht war das ein Zeichen dafür, wie gut man gelernt hatte zu delegieren. vielleicht konnte man auf diese Weise den mittleren und gehobenen Rängen unterhalb von einem selbst den eigenen Willen besser aufzwingen. Oder die Themen, die bei solchen Konferenzen auf höchster Ebene besprochen wurden, waren so wichtig, dass man auch noch die letzte physische Nuance ausnützen wollte, die eine Holo-Präsenz vielleicht nicht liefern konnte, um wirklich alle relevanten Informationen zur Verfügung zu haben. Einschließlich der Beobachtung, ob jemand schwitzte oder einen nervösen Tick hatte.

Natürlich wäre so etwas auch bei einem guten Holo zu sehen, andererseits ließen sich diese kleinen Schwächen ausmerzen, wenn man die Übertragung über eine Kamera mit einem guten Bildbearbeitungssystem laufen ließ. theoretisch konnte jemand bei einer Konferenzschaltung Ströme von Schweiß vergießen und zucken, als säße er auf dem elektrischen Stuhl, aber nach einer vernünftigen, in Echtzeit arbeitenden Bildbearbeitung so wirken wie die sprichwörtliche Ruhe selbst.

Wobei man auch in der Realität so manches kaschieren konnte. Saluus’ Vater hatte für seinen Sohn zum dreizehnten Geburtstag eine Überraschungsparty ausgerichtet und ihm anschließend ein Überraschungsgeschenk gemacht, einen Aufenthalt in einer Perfektionierungsklinik. Dort hatte man ihm im Laufe eines langen und keineswegs schmerzfreien Monats die Zähne verschönert, die Augen vergrößert und deren Farbe verändert. (Saluus’ Aussehen war zwar schon im Mutterleib nach den Wünschen seiner Eltern festgelegt worden, aber als Vater hatte man doch wohl das Recht, seine Meinung zu ändern.) Wichtiger war, dass man ihm seine Zappeligkeit genommen, seine Konzentrationsfähigkeit erhöht und ihn darauf konditioniert hatte, seine Schweißdrüsen, seine Pheromonabgabe und die galvanische Hautreaktion zu kontrollieren.(Letzteres war streng genommen nicht legal, aber die Klinik gehörte schließlich einer Tochtergesellschaft von Kehar Heavy Industries.) All das verschaffte ihm einen Vorteil bei Konferenzen, Diskussionen und sogar bei zwanglosen Treffen. Und es ließ sich auch in die Kunst der Verführung einbauen, wenn man selbst als Erbe eines ungeheuren Vermögens nicht den gewünschten Erfolg erzielte.

Zusammengetreten war der Krisenstab des Kriegskabinetts, lauter hochrangige Würdenträger, die sich in einem kilometertief gelegenen Kommandobunkerkomplex unter einer Hand voll diskret bewachter Villen in den Außenbezirken von Borquille versammelt hatten.

Ein Treffen auf höchster Ebene, nur der Hierchon Ormilla fehlte. Er war sich wohl zu gut dafür, an einer einfachen Konferenz teilzunehmen, auch wenn sie von einer so bedeutenden Organisation wie dem Krisenstab des Kriegskabinetts einberufen wurde und das System in noch größerer Gefahr war als vor der katastrophalen Entscheidung, in Scharen in Nasquerons Atmosphäre einzufallen, sobald man glaubte, eine sichere Spur zu der Dweller-Liste zu haben – die wahrscheinlich ohnehin nur ein Mythos war.

Wieso konnte er eigentlich bei Konferenzen nie bei der Sache bleiben? Wieso schweiften seine Gedanken immer in eine – ganz bestimmte – Richtung ab, in Richtung Sex?

Wenn Saluus sich die Frauen ansah, die mit ihm in den Konferenzen saßen, fiel es ihm schwer, sie sich nicht nackt vorzustellen. Das passierte ihm schon bei eher schlichten Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts. Wenn sie auch nur halbwegs gut aussahen, war es unvermeidlich und hatte oft drastische Folgen. Wahrscheinlich lag es daran, dass man sie, wenn sie redeten, lange betrachten konnte, ohne dass es auffiel. Oder es manifestierte sich einfach der geheime Wunsch, die zivilisatorische Tünche abzuwerfen und vom braven kleinen Firmenangestellten wieder zum Höhlenmenschen zu werden, der sich in den Dreck warf und hemmungslos rammelte.