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»Und darüber können wir verflucht froh sein!«, sagte General Thovin von den Sicherheitskräften. »Andernfalls hätten wir nicht die geringste Chance. Gegen Beyonder und Hungerleider und die Dweller auf einmal! Schöne Scheiße! Keine Chance. Überhaupt keine Chance!« Thovin war ein Stier von einem Mann, ein dunkelhäutiges Kraftpaket mit einer rauen Stimme, die zu seinem Aussehen passte.

»Stattdessen haben wir nur fast keine Chance«, sagte Colonel Somjomion von der Justitiarität und lächelte dünn.

»Wir haben alle Chancen der Welt, Madame!«, donnerte Flottenadmiral Brimiaice und schlug mit einem Röhrenärmchen auf den Tisch. Sein Körper in der prächtigen maßgeschneiderten Uniform mit den vielen Orden stieg in die Luft wie ein Luftschiff von der Größe eines kleinen Flusspferds. »Gerade hier werden wir keine defätistischen Reden dulden!«

»Wir haben siebzig Schiffe weniger als vorher«, erinnerte ihn der Colonel der Justitiarität sachlich.

»Wir haben immer noch unseren Willen«, hielt Brimiaice dagegen. »Und das ist letzten Endes das Wichtigste. Und wir haben jede Menge Schiffe. Außerdem werden ständig neue gebaut.« Dabei sah er Saluus an. Der nickte und bemühte sich, seine Verachtung nicht zu zeigen.

»Vorausgesetzt sie funktionieren«, murmelte der Oberste Archivar Voriel. Der Cessorianer schien einen persönlichen Groll gegen Saluus zu hegen, den dieser sich nicht erklären konnte.

»Das haben wir doch alles schon behandelt«, warf der Erste Minister Heuypzlagger mit einem Blick auf Saluus rasch ein. »Wenn es Probleme bei der Schiffskonstruktion gibt, werden sie bei der Untersuchung sicherlich zu Tage kommen. wir müssen uns jetzt darauf konzentrieren, was wir sonst noch tun können.«

Saluus wurde es allmählich langweilig. Wozu noch länger warten? »Eine Abordnung«, sagte er. »Das möchte ich vorschlagen. Wir schicken eine Abordnung zu den Dwellern von Nasqueron. Sie soll den Frieden sichern und verhindern, dass es zu weiteren ›Missverständnissen‹ zwischen unseren Spezies kommt. Außerdem soll sie versuchen, die Dweller in die Verteidigung des Ulubis-Systems mit einzubinden und, wenn möglich – und vorzugsweise mit ihrer Einwilligung – entweder direkt oder in theoretischer Form an einige der außerordentlich eindrucksvollen Waffensysteme heranzukommen, die sie offenbar besitzen.«

»Hm«, sagte Heuypzlagger und schüttelte den Kopf.

»Ach, jetzt ist unser Angehöriger der Raffenden Klasse wohl auch noch Diplomat geworden?«, bemerkte Voriel. Sein Lächeln war an der Grenze zum Hohn.

»Dann bräuchten wir sicher noch mehr von Ihren angeblich gastauglichen Schiffen, um diese Waffen zu beschützen!«, protestierte Brimiaice.

»Haben wir denn überhaupt schon eines?«, fragte Thovin.

Oberst Somjomion sah ihn nur mit schmalen Augen an.

Die Konferenz dauerte nicht wirklich ewig. Irgendwann war sie vorbei. Am Abend traf sich Saluus auf Murla in seinem Haus auf der Wassersäule mit seiner neuen Geliebten. Dort hatte er sie zum ersten Mal bei Tageslicht richtig angesehen und entschieden, dass sie ihn interessierte. Das war einen Tag nach seinem und Fassins Besuch im Narkoteria in Boogeytown gewesen, beim Brunch, zusammen mit seiner Frau (und ihrer neuen Freundin) und den Segrette-Zwillingen.

Die FlugSchwinge Cheumerith flog hoch oben in den freien Gasräumen zwischen zwei hohen Dunstschichten mit dem gewaltigen, niemals endenden Jetstream, als wollte sie Schritt halten mit den fernen Sternen, die manchmal klein wie harte Pünktchen durch den gelben Dunst und die ewig vorbeihastenden dünnen Bernsteinwolken blinzelten.

Das Riesenluftschiff war ein schlanker Krummsäbel, wellenförmig untergliedert und mit vielen Triebwerksgondeln besetzt, zehn Kilometer breit, aber nur dreißig Meter lang und zwanzig Meter hoch, ein dünner Faden, der von unten betrachtet wie eine schnelle Wetterfront über der Wolkenwüste dahindüste. In windstillen Gastaschen im Innern von einfachen, nach hinten offenen Diamantschalen, die für das menschliche Auge wie hohle Hände aussahen, hingen Hunderte von Dwellern an Kabeln, die am hinteren Ende der Schwinge befestigt waren – wie Flugzeuge beim Auftanken in der Luft.

Die Dweller befanden sich in einer langen Drogentrance und waren zeitlich so verlangsamt, dass ihnen der Flug mindestens um das Zwölf-bis Sechzigfache schneller erschien, als er tatsächlich war. Unter ihnen rauschten wie Schaumflecken riesige Wolkenkontinente vorbei, oben drehten sich die Sternenfelder in wahnsinnigem Tempo, dünne Nebelschwaden rasten heran wie Wolkenfetzen in einem Hurrikan. Die Dweller an der Schwinge sahen Tage und Nächte um sich herum an-und ausgehen wie ein gewaltiges Stroboskop, und unter ihnen drehte sich der Planet, als spulte er ihr Leben ab.

Fassin Taak verließ den Düsenclipper, flog vorsichtig an die FlugSchwinge heran, passte seine Geschwindigkeit an und verankerte das Gasschiffchen ganz langsam an der Unterseite der Diamantschale mit dem Weisen-Jüngling Zosso, einem schlanken, dunklen Dweller von vielleicht zwei Millionen Jahren, der ziemlich mitgenommen aussah.

Fassin ging auf ›Langsam‹-Zeit. Die Schwinge, die Wolken, die Sterne wurden schneller und rasten schließlich vorwärts wie im Zeitraffer in einem Film. Das Dröhnen der Triebwerke und des Gasstroms schraubte sich immer höher und wurde zu einem schrillen, fernen Jaulen, bevor es die Hörschwelle nach oben vollends überschritt.

Über ihm zuckte und zitterte der Dweller in seinem kleinen Haltegeschirr. Er wartete, bis Fassin synchron war, dann sendete er: – Und was bist du, Person?

– Ich bin ein Mensch. Als Seher in Nasqueron akkreditiert. Dieses Gasschiff ist mein Schutzanzug. Mein Name ist Fassin Taak vom Sept Bantrabal.

– Und ich bin Zosso und gehöre eigentlich nirgendwohin. Sagen wir, ich bin von hier. Schöne Aussicht, nicht wahr?

– Oh ja.

– Ich nehme aber an, dass du nicht wegen der Aussicht hier bist.

– Sie haben Recht.

– Du möchtest mich etwas fragen?

– Ich soll an einen Ort reisen, von dem ich nie gehört habe, um nach einem Dweller zu suchen, den ich unbedingt finden muss. Man sagte mir, Sie könnten mir helfen.

– Das kann ich sicherlich, wenn ich will. Das heißt, wenn irgendjemand noch auf einen törichten alten Schwingenhänger hören will. Wer weiß? Ich bin nicht sicher, ob ich als junger Expeditionscaptain auf jemanden hören würde, der so alt und exzentrisch ist wie ich. Wahrscheinlich würde ich etwas sagen wie: ›Was will dieser alte Trottel …?‹ Oh, verzeihung, junger Mensch. Ich schweife wohl etwas ab. Wohin wolltest du gleich noch reisen?

– Ich glaube, der Ort wird manchmal Hoestruem genannt.

Einen Tag nach der Schlacht im Sturm war Drunisine höchstpersönlich und ohne Begleitung am Vormittag in die Kabine gekommen, die Fassin mit zwei Dwellern teilte.

»Wir haben dich lange genug aufgehalten. Du kannst gehen. Wir stellen dir für die nächsten zwei Dutzend Tage einen Düsenclipper zur Verfügung. Leb wohl.«

»Und nun«, hatte Y’sul bemerkt, »hast du auch einen wortkargen Dweller kennen gelernt.«

Hoestruem?, fragte Zosso. – Nein, davon habe ich noch nie gehört.

Während er noch seine Signale aussandte, fegte die Nacht heran und hüllte sie ein.

In oder in der Nähe von Aopoleyin?, sendete Fassin. – Glaube ich, wiederholte er, als der alte Schwingenhänger zu lange schwieg. – Es gibt irgendeinen Zusammenhang mit Aopoleyin.

Fassin verließ sich ganz und gar auf Valseirs Rat. Auch er hatte in den Datenbanken keinen Ort namens Aopoleyin gefunden. Allmählich fragte er sich, ob bei dem Speicherscan, dem man ihn unterzogen hatte, bevor er die Isaut verlassen durfte, womöglich die Informationsspeicher des Gasschiffs in Unordnung geraten waren.