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»Danke«, sagte Fassin.

»Und wo geht es jetzt hin?«, knurrte Y’sul gereizt.

»Aha!«

»Ha!«

»Wartet.«

»Mal ab.«

Das Schiff war beeindruckend. Ein blanker, ebenholzschwarzer Nagel, dreihundert Meter lang, umringt von Triebwerksgondeln, die sich wie fette Samenkörner aneinander reihten. Es lag in einem öffentlichen Hangar unter der Klebestadt, in einem halbkugelförmigen Raum von einem Kilometer Durchmesser, der von den hexagonalen Seitenflächen angrenzender kleinerer Blasenräume begrenzt wurde.

Hier wollte sich Valseir von den beiden verabschieden. Die Reise sollte – in den Worten der beiden Expeditionscaptains – bei hoher Beschleunigung mit einer drehintensiven Serie von rasanten fraktalen Spiralmanövern beginnen, nichts für Leute mit schwachen Nerven. Der greise Dweller hatte sich dieser Strapaze unter Berufung auf sein hohes Alter entzogen.

Y’sul seufzte, als er hörte, was sie erwartete. »Schon wieder eine Karussellfahrt?«

»Grüße Leisicrofe von mir«, bat Valseir an Fassin gewandt. »Das Bildblatt hast du doch hoffentlich noch?«

Fassin nahm das Foto von Himmel und Wolken aus dem Gepäckfach seines Gasschiffchens und zeigte es dem Alten. »Ich werde deine Grüße bestellen.«

»Bitte tu das. Und viel Glück.«

»Dir auch. wo finde ich dich, wenn ich zurückkomme?«

»Überlass das nur mir. wenn ich gerade anderweitig beschäftigt bin, versuche es da, wo wir Zosso getroffen haben. Oder vielleicht bei einer SturmSegel-Regatta.«

»Gut«, sagte Y’sul. »Aber bring beim nächsten Mal lieber keinen von deinen Freunden mit.

Das schwarze Nagelschiff hieß Velpin. Es schoss aus der riesigen Wolkenstadt wie eine Nadel aus einem Wasserfall aus gefrorenem Schaum und verschwand im eisigen Gasstrom, der unaufhörlich um den fernen Pol des Planeten rauschte. Nun begann ein grotesker Flug. Das Schiff drehte Spiralen und Schleifen, rotierte um die eigene Achse, stieg, fiel, und stieg abermals.

Eingeschlossen in einem Raum im Zentrum, der zugleich als Fahrgastkabine und Frachtabteil diente, und von Gurten gehalten, spürten Fassin und Y’sul, wie sich das Schiff in immer kleineren Spiralen nach oben schraubte und sich mit winzigen Korkenzieherbewegungen einfädelte in größere Schlingen, die ihrerseits Teil von noch größeren Schlingen mit noch engeren Spiralen waren.

»Beschissene Höllenfahrt!«, bemerkte Y’sul.

An der Rückwand der Kabine befand sich ein defekter Bildschirm, auf dem es heftig schneite. Er machte surrende Geräusche, und gelegentlich rasten Bilder von gestreiften Wolkenfetzen, verzerrte Knäuel von Licht und Schatten vorüber. Fassin konnte sehen und hören, aber beides nur schwach. Alle Systeme im Gasschiff waren abgeschaltet. von Gurten aufrecht gehalten, konnte er durch ein Feld vor seinem Gesicht schauen, das er transparent gemacht hatte – er hatte auch einen Teil des Schockgels abfließen lassen, um besser sehen zu können. Die Geräusche, die in das kleine Pfeilschiff drangen, waren gedämpft und schrill zugleich. y’sul sprach mit quiekender, kaum verständlicher Stimme.

»Hast du eine Ahnung, wozu diese Fraktalspiralen gut sein sollen?«, hatte Fassin gefragt, als sie beide gesichert waren und Quercer & Janath sich in ihren nur ein Abteil entfernten Kommandoraum begeben hatten.

»Vielleicht sind sie nur purer Unfug« , hatte Y’sul geantwortet.

Jetzt sah Fassin seinen Freund an. Der Dweller hatte beide Sinnesstreifen eingerollt.

Das Schiff beschleunigte hart und flog eine weite Kurve. Über den Schirm zuckten hektisch kreisende Sterne vor einem schwarzen Hintergrund, dann erlosch das Bild.

Die rasenden ineinander geschachtelten Spiralbewegungen lösten sich auf und wurden zu einer einzigen Drehung um die Längsachse, als würde die Velpin durch das Rohr einer riesigen Kanone gejagt.

Ein hoher singender Ton versetzte das ganze Schiff in Schwingungen, dann hatte es offenbar seine Reisegeschwindigkeit erreicht. Die Drehung wurde allmählich langsamer. Fassin sah, wie Y’sul seine Sinnesstreifen zögernd entrollte. Der Bildschirm zeigte minutenlang nur langsam kreisende Sterne. Dann wurde er abermals schwarz. Die Rotation beschleunigte sich noch einmal, bis Fassin den Druck durch das Schockgel hindurch im ganzen Körper spürte. Ich liege in meinem eigenen Sarg, dachte er. Natürlich. Jetzt entwickelte er auch noch einen Tunnelblick. Er sah alles wie durch einen Gewehrlauf, die Aussicht schrumpfte auf einen einzigen kleinen Punkt am anderen Ende. weit, weit entfernt, nur graue Finsternis jenseits der Finsternis zu beiden Seiten, so schaute er durch dieses endlose Rohr dem letzten klar definierten Ort entgegen, ihrem Ziel, das niemals näher kam.

Fassin erwachte. Das Schiff rotierte noch immer, aber die Geschwindigkeit ging wieder zurück. Seine Nase juckte, und er musste pinkeln, obwohl das gar nicht sein konnte, wenn Schockgel und Kiemenwasser ihre Pflicht taten. Er schlief wieder ein.

Taince Yarabokin erwachte. Einer der ersten Gedanken auf ihrem langsamen Weg ins volle Bewusstsein war, dass Saluus Kehar die für ihn aufgezeichnete Botschaft wahrscheinlich doch nicht erhalten hatte. Damit blieb ihr Zeit für weitere Änderungen, Neuaufzeichnungen und Verbesserungen, sie konnte sich noch länger auf dem Band sehen und hören und jedes Mal wieder in Tränen ausbrechen. Sie hatte noch Zeit, hatte noch die Chance, ihm persönlich gegenüberzutreten und ihn vielleicht zu töten, wenn sich die Möglichkeit böte und sie dann auch noch den Wunsch dazu spürte. (Sie wusste es nicht – manchmal wollte sie ihn tot sehen, manchmal wollte sie ihn am Leben lassen, um ihm zu sagen, sie hätte die Geschichte an die Medien gegeben, und sich an seiner Schande zu weiden, und manchmal sollte er nur erfahren, dass sie wusste, was sich in jener längst vergangenen Nacht in dem Schiffswrack in der Wüste abgespielt hatte.)

Sie nahm sich die Zeit und tastete benommen im virtuellen Raum nach Informationen. Noch ein halbes Jahr bis Ulubis. Von jetzt an würde sie bis zum Angriff wach bleiben. Sie war als eine der Ersten für die letzte Annäherungsphase geweckt worden, weil sie die örtlichen Gegebenheiten noch mit am besten kannte. Insgeheim hatte sie ihre Zweifel, dass sie allzu viel praktische Hilfe zu geben hätte, schließlich hatte sie Ulubis vor mehr als zweihundert Jahren zum letzten Mal gesehen, und es könnte sich, vorsichtig ausgedrückt, nach der Invasion doch deutlich verändert haben, aber die Flotte hatte niemand Besseren. Taince betrachtete sich in dieser Beziehung eher wie einen Talisman, ein kleines Symbol des Systems, um das sie kämpfen wollten. Wenn ihr unter anderem diese Überlegung den Platz in der Flotte verschafft hatte, so störte sie das nicht. Sie wusste, dass sie ein guter, tüchtiger und tapferer Soldat war und sich ihren Rang allein durch ihre Verdienste erworben hatte. Dass sie nun auf dem Weg war, um ihr Heimatsystem zu retten, war nur eine Zusatzprämie.

Die Flotte hatte sich seit dem Kampf mit den Beyonder-Rebellen auf halbem Wege weiter auseinander gezogen. Man setzte nun nicht mehr darauf, das gesamte Gewicht ihrer Artillerie auf einmal zum Einsatz zu bringen, sondern hatte ein Netz von vorgeschobenen Beobachtungsschiffen eingerichtet, das die Hauptflotte ausreichend lange vorher vor allen auftauchenden Schwierigkeiten warnen sollte. Taince hatte die letzten Jahre überwiegend zeitverlangsamt und schlafend in ihrer Kapsel verbracht, sich aber – seit die Vorhutschiffe eine gewisse Sicherheit boten – auch immer wieder Erholungs-und Entspannungsphasen außerhalb des Schockgels gegönnt. In der Rotationsschwerkraft hatte sie sich fast wie ein normaler Mensch gefühlt. wenn sie durch das Schiff ging, war ihr gerade diese Normalität fremd vorgekommen, sie war wie ein Alien in einem menschlichen Körper gewesen, unbeholfen, voller Staunen über Kleinigkeiten wie ihre Fingernägel oder die Härchen auf ihrem Arm. Begegnungen mit anderen Menschen, die ebenfalls nicht im Dienst waren, hatten sie anfangs verlegen gemacht. Die virtuelle, verdrahtete Existenz in der Kapsel – wo sie die Möglichkeit hatte, aus unermesslichen Daten-und Bedeutungssensorien zu schöpfen – war ihr viel reicher erschienen, und sie hatte sie so schmerzlich vermisst wie ein amputiertes Glied.