Wenn sie erst wieder voll bei Bewusstsein wäre, würde sich diese Erfahrung wiederholen. taince konnte nicht behaupten, dass sie sich darauf freute. Wenn sie auf zwei Beinen herumstolperte, wollte sie zurück in die Kapsel und ihre Vielfachsynchronität, doch wenn sie dort war, sehnte sie sich nach einem normalen, physischen Leben in einer Zeitgeschwindigkeit und einer Realität. Nach blauem Himmel und Sonnenschein, frischem Wind im Haar und grünem Gras und Blumen unter den bloßen Füßen.
Wie vor langer Zeit. Aber vielleicht kam das niemals wieder?
Während Taince noch realisierte, dass sie langsam geweckt wurde, ohne dass Alarme schrillten, in Übereinstimmung mit dem einprogrammierten, vorher vereinbarten Dienstplan und nicht wegen eines dringenden Notfalls, der jeden Moment das Ende bringen könnte, kam ihr ein weiterer Gedanke. Sie war noch nicht in den Tod entkommen, noch war nicht alles vorüber, noch mochten ihr unbekannte Katastrophen, unbekannte Ängste bevorstehen, bevor sie im Vergessen Frieden finden konnte.
»Hoestruem«, sagten Quercer & Janath.
»Wo?«, fragte Fassin.
»Was meinst du mit ›Wo?‹«
»Du bist mittendrin!«
Fassin war zu sich gekommen, sobald die Systeme des Gasschiffchens wieder eingeschaltet worden waren. Er war immer noch verwirrt und fühlte sich irgendwie schmutzig, ein Eindruck, der erst allmählich verschwand, als ihn das Schockgel wieder vollends einhüllte. Auch Y’sul war ziemlich benommen durch die Luft getaumelt, nachdem er sich aus den Anschnallgurten befreit hatte.
Jetzt schwebten sie vor dem Bildschirm in der Fahrgastkabine. Quercer & Janath, die immer noch ihre glänzenden Overalls trugen, hatten ihn mit einem Schlag eines Nabenarms wieder in Gang gesetzt. Fassin sah sich das Bild sehr genau an, aber es zeigte nur ein Sternenfeld, und er konnte nicht feststellen, in welche Richtung er schaute. Sicher nicht dahin, wo er es sonst gewöhnt war. Die Aussicht war ihm vollkommen fremd.
»Mittendrin?«, fragte er verdutzt und kam sich ziemlich töricht vor.
»Ja, mittendrin.«
Fassin schaute zu Y’sul, der immer noch ein wenig grau um den Flossensaum war.
Der Dweller zuckte nur die Achseln. »Tja«, sagte er. »Ich gebe mich geschlagen. wer, was oder wo zur Hölle ist Hoestruem?«
»Ein Wölker.«
»Ein Wölker ?«, wiederholte Fassin. Das musste ein Übersetzungsfehler oder einfach ein Missverständnis sein. wölker waren Cincturier: halb zivilisierte Wesen, Maschinen oder auch Technikmüll, noch fremder als die Beyonder, fernab von allem.
Y’sul schüttelte sich. »Meint ihr einen SchwingenWölker, einen BaumWölker, einen KlebeWölker oder …«
»Nein.«
»Nichts von alledem.«
»Einfach nur ein Wölker.«
»Aber …«, sagte Fassin.
»Dann eben Aopoleyin!«, rief Y’sul. »Fangen wir damit an. Ist das der Ort, wo wir gerade sind?«
»Ja.«
»Durchaus.«
»Irgendwie schon.«
»Kommt darauf an.«
»Jedenfalls der nächste Ort.«
»Das nächste System.«
»Wie?«, fragte Y’sul.
»Das Nächste was?« Auch Fassin verstand jetzt gar nichts mehr. Er sah sich das Sternenfeld genauer an. Irgendetwas stimmte damit nicht. Ganz und gar nicht. wie man es auch betrachtete, auch wenn man es auf den Kopf stellte, spiegelte oder rückwärts holografierte.
»Ich glaube, ich bin immer noch durcheinander«, sagte Y’sul langsam. »Was meinst du mit ›System‹?«
»Etwa vierunddreißig Kilojahre.«
»Sonnen-, nicht Gasriesensystem. Eventuelle Verwechslungen werden bedauert.«
»Vierunddreißig Kilojahre?«, wiederholte Fassin. Er hatte Angst, gleich wieder das Bewusstsein zu verlieren. »Du meinst wohl …« Die Stimme versagte ihm.
»Vierunddreißigtausend Standardlichtjahre. In etwa. Eventuelle Verwechslungen werden bedauert.«
»Das habe ich bereits gesagt.«
»Weiß schon. Andere Person, andere Verwechslung.«
Sie befanden sich in einem anderen System, einem anderen Sonnensystem, in einem ganz anderen Teil der Galaxis; wenn man ihnen die Wahrheit sagte, hatten sie Ulubis – das System und den Stern – vierunddreißigtausend Lichtjahre weit hinter sich gelassen. Es gab im Ulubis-System ein funktionierendes Portal, und es war durch ein Wurmloch mit diesem fernen Sternensystem verbunden, von dem weder Fassin noch Y’sul jemals gehört hatten.
Das Wölker-Wesen namens Hoestruem hatte einen Durchmesser von einem Lichtjahr. Wölker waren – je nachdem, mit wem man sprach – empfindungsfähig, halb empfindungsfähig, proto-empfindungsfähig, kaum empfindungsfähig oder nicht im Entferntesten empfindungsfähig – wobei die letzte extreme Ansicht im Allgemeinen nur von Parteien vertreten wurde, für die es von großem Interesse gewesen wäre, hätte sie der Wahrheit entsprochen, weil sie nämlich für große Gaswolken viele nützliche und einträgliche Verwendungen gefunden hätten. Doch nur unter der Voraussetzung, dass die Wolke nicht lebendig war. Wölker waren wohl eher als riesige Pflanzen mit verteilter Intelligenz denn als Tiere anzusehen, sie hatten von ihrer Zusammensetzung her große Ähnlichkeit mit den Wolken aus interstellarem Gas, in denen sie wohnten oder aus denen sie bestanden (der Unterschied war nicht von Belang).
Wölker gehörten zu den Cincturiern, jener Gruppe von Wesen, Spezies, Maschinen und intelligentem Schutt, die – im Allgemeinen – zwischen den Sternensystemen existierte und nicht eindeutig einer anderen Kategorie zuzuordnen war. (So gehörten sie nicht zu den Eklipta, im interstellaren Raum lebenden Kometariern, waren keine wandernden Exemplare der Braun-Zwerg-Gemeinschaften und auch keine wirklichen Exoten wie die nicht-baryonischen Penumbrae, die 13-D-Dimensionierten und die flussbewohnenden Quantarchen).
Valseirs Freund Leisicrofe widmete sich der Erforschung der Cincturier. Die Expedition, auf der er sich befand, führte ihn zu verschiedenen Angehörigen dieser Gattung – Wölkern, Segelschotern, Faslern, Schuftern und so weiter – überall in der Galaxis. Hoestruem hatte er aufgesucht, weil er einer der wenigen Wölker in der Nähe eines Wurmlochs war. Allerdings eines Wurmlochs beziehungsweise eines Portals, von dem weder die Merkatoria noch der Rest der selbst ernannten Zivilisierten Galaxis eine Ahnung hatte.
Der Stern Aopoleyin war nur ein Dutzend Lichtjahre entfernt. Der Wölker Hoestruem – er war viel größer als das ganze Sternensystem bis zu seinem äußersten Planeten – zog teilweise durch die äußeren Zonen des Systems, mit der Absicht (falls Absicht kein zu starkes Wort war) gemächlich zu einem weit entfernten Teil der großen Linse zu wandern. Die Velpin machte sich auf die Suche nach ihm.
»Wie lange waren wir eigentlich weg?«, erkundigte sich Fassin bei Quercer & Janath. Sie schwebten im Kontrollraum und sahen den Scannern zu, die schnatternd die Umgebung nach etwas absuchten, das Ähnlichkeit mit einem Schiff hätte. Die Velpin kam nur langsam voran. Dweller und Wölker hatten seit langem eine Vereinbarung, der zufolge die Schiffe der Dweller nur in sehr geringem Tempo durch einen Wölker fliegen durften. Wölker waren elastisch, aber ihre einzelnen Filamente, die feinen Bänder und Kanäle aus dünnem Gas, aus denen ihr Sensorium und ihr Nervensystem bestand, waren hochempfindlich, und ein Schiff von der Größe der Velpin musste sich langsam und vorsichtig zwischen den Fäden der Wölker-Substanz hindurchtasten, um keinen Schaden anzurichten. Die Velpin sendete einen Hagel von Signalen, die Leisicrofe immer wieder aufforderten, sich zu melden, aber Quercer & Janath hatten wenig Hoffnung, den Gesuchten damit zu erreichen. Diese Gelehrten waren bekannt dafür, dass sie ihre Funkgeräte einfach abschalteten.