Der Vollzwilling wirkte aufrichtig ratlos. Er schüttelte sich, dass die Falten des glänzenden Overalls raschelten. »Wie lange wollt ihr wo gewesen sein?«
»Wie lange waren wir bewusstlos?«, verdeutlichte Fassin.
»Ein paar Tage.«
»Und dann noch ein paar Tage mehr.«
»Im Ernst?«, fragte Fassin.
»Was heißt hier eigentlich ›wir‹?«, protestierte Y’sul. »Ich war nicht ohne Bewusstsein.«
»Da.«
»Siehst du?«
»Dein Freund ist anderer Meinung.«
»Ihr sagtet, ein paar Tage«, zitierte Fassin.
»Ein paar Tage?«, wiederholte Y’sul. »Ein paar Tage? Wir waren doch nicht bewusstlos, schon gar nicht ein paar Tage lang, nicht einmal einen einzigen Tag!« Er hielt inne. »Oder?«
»Der Vorgang dauert seine Zeit und erfordert viel Geduld«, sagte ein Zwilling. »Am besten verschläft man ihn. Keine Zerstreuung.«
»Womit hätten wir euch denn bei Laune halten sollen?«
»Es ist auch eine Frage der Sicherheit.«
»Natürlich.«
»Ich war nur ein wenig schläfrig!«, rief Y’sul. »Ich habe die Augen zugemacht, um nachzudenken, nur für einen Moment, nicht mehr!«
»Ungefähr sechsundzwanzig Tage.«
»Wir waren sechsundzwanzig Tage ohne Bewusstsein?«, fragte Fassin.
»Standardtage.«
»In etwa.«
»Was!«, donnerte Y’sul.»Heißt das, man hat uns absichtlich betäubt ?«
»So könnte man es ausdrücken.«
»So könnte man es ausdrücken!« brüllte Y’sul. Er war außer sich.
»Wie gesagt.«
»Und was für eine Ausdrucksweise soll das sein, ihr elenden Piraten und Kidnapper?«
»Die Ausdrucksweise der reinen Wahrheit.«
»Heißt das, ihr habt uns unter Drogen gesetzt oder einfach k. o. geschlagen?« Y’sul schrie jetzt aus Leibeskräften.
»Ja. Ihr hättet euch sonst zu Tode gelangweilt.«
»Wie könnt ihr es wagen!«, kreischte Y’sul.
»Außerdem gehört es zu den Bedingungen für die Benützung der Röhre.«
»Die Reisebedingungen«, leierte die linke Seite von Quercer & Janath.
Die andere Seite des Vollzwillings pfiff anerkennend.
»Ach ja! Die Reisebedingungen; die sind immer gültig.«
»Ohne sie können wir nicht zu Diensten sein.«
»Ohne sie kommt niemand durch die Röhre.«
»Könnt … Was? … Ihr … Beding …!«, stammelte Y’sul.
Fassin gab ihm ein Zeichen und übernahm das Wort. »Ja richtig. wenn ihr erlaubt, würde ich euch gerne ein paar Fragen zu dieser Röhre … äh … dieser Art des Reisens stellen.
»Unbedingt.«
»Nur zu.«
»Aber überlege dir die Fragen gut; sonst könnten die Antworten blanker Unsinn sein.«
»… Eine Schande, so etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht …« Y’sul schwebte zu einer Reihe von Holotank-Scannern mit mittlerer Reichweite und klopfte daran, als könnte er damit Leisicrofes Schiff schneller finden.
Fassin hatte gewusst, dass sie länger als ein bis zwei Stunden ohne Bewusstsein gewesen waren. Das hatte ihm nicht nur seine eigene Physiologie verraten, sondern auch die Menge an Säuberungs-und Wartungsarbeiten, die das Schockgel und das Kiemenwasser zu erledigen hatten. Er war sogar erleichtert, als er hörte, dass sechsundzwanzig Tage vergangen waren. Natürlich war es erschreckend, ohne jede Vorwarnung so viel Zeit zu verlieren, man fühlte sich noch im Nachhinein hilflos (würde es auf der Rückreise womöglich genauso sein?), aber wenigstens hatten die beiden nicht von einem Jahr oder gar von sechsundzwanzig Jahren gesprochen. Was in der Zwischenzeit in Ulubis geschehen war, wusste nur das Schicksal – da die Systeme seines Gasschiffs nicht funktioniert hatten, konnte Fassin natürlich auch nicht kontrollieren, ob sie tatsächlich so lange ohne Bewusstsein gewesen waren –, aber es hatte den Anschein, als enthielte die Legende von der Dweller-Liste zumindest ein Körnchen Wahrheit. Es gab geheime Wurmlöcher, zumindest gab es ein Wurmloch zwischen Ulubis und Aopoleyin, und Fassin hielt es für äußerst unwahrscheinlich, dass es das einzige sein sollte. Der Verlust von zwei Dutzend Tagen war kein zu hoher Preis für diese Erkenntnis.
Fassin ertappte sich, wie er versuchte, in seinem Gasschiffchen tief Luft zu holen. »Sind wir tatsächlich durch ein Wurmloch gekommen?«, fragte er.
»Ausgezeichnete erste Frage! In jedem Sinn leicht zu beantworten! Ja.«
»Richtig! Nur sprechen wir von Cannula.«
»Wo ist das Ulubis-Ende – das Nasqueron-Ende des Wurmlochs, der Cannula? Wo ist die Adjutage?«, fragte Fassin.
»Aha! Er kennt die Terminologie.«
»Ich bin beeindruckt.«
»Und in einer Hinsicht wieder eine ausgezeichnete Frage.«
»Ganz deiner Meinung. In anderer Hinsicht vollkommen hoffnungslos.«
»Kann es dir nicht sagen.«
»Aus Sicherheitsgründen.«
»Wirst du sicher verstehen.«
»Natürlich verstehe ich das«, sagte Fassin. Eine ehrliche Antwort wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein. »Wie lange existiert das Wurmloch schon?«, fragte er weiter.
Der Vollzwilling zögerte mit der Antwort. Endlich:
»Weiß nicht.«
»Nicht mit Sicherheit. Wahrscheinlich Milliarden von Jahren.«
»Möglich.«
»Wie viele davon gibt es noch?«, fragte Fassin. »Ich meine Wurmlöcher – Cannula?«
»Gleichfalls.«
»Gleichfalls?«
»Gleichfalls wie in – noch einmal – ich weiß es nicht.«
»Keine Ahnung.«
»Nun ja, eine Ahnung schon.«
»Na schön, eine Ahnung. Kann es dir nicht sagen. steht ebenfalls in den Reisebedingungen.«
»Immer diese vertrackten Reisebedingungen.«
»Oh ja, sehr vertrackt.«
»Gibt es weitere Wurmlöcher von Ulubis – oder irgendwo in der Nähe des Ulubis-Systems – anderswohin?«
»Noch eine gute Frage. Kann ich dir nicht sagen.«
»Könnte uns das Captainspatent kosten.«
»Dieses Wurmloch nach Aopoleyin: hat es eine Verbindung zu einem Wurmloch der Merkatoria? Hat eines von ihren Wurmlöchern ein Portal, eine Adjutage hierher?«
»Nein.«
»Einverstanden. Offene Antwort. Welch eine Erleichterung. Nein.«
»Und von hier, von Aopoleyin«, fuhr Fassin fort. »Gibt es da weitere Wurmlöcher?«
Wieder kurzes Schweigen. Dann:
»Klingt albern, aber wir können es nicht sagen.«
»Als ob irgendjemand nur eine einzige blöde Röhre hierher hätte.«
»Trotzdem.«
»Wir können es nicht sagen.«
»Und das ist amtlich.«
Fassin signalisierte Resignation. »Reisebedingungen?«, fragte er.
»Du lernst schnell.«
»Aber warum ich?«, fragte Fassin.
»Warum du?«
»Was heißt, warum du?«
»Warum hat man mir erlaubt, das Wurmloch zu benützen und hierher zu reisen?«
»Du hast gefragt.«
»Genauer gesagt, Valseir, Zosso und Drunisine haben für dich gefragt.«
»Wie konnten wir ablehnen?«
»Ich hätte also nicht in meinem eigenen Namen fragen können?« , sagte Fassin.
»Oh, Fragen sind immer erlaubt.«
»Ich denke, wir belassen es dabei.«
»Man sollte seine Fahrgäste nicht beleidigen.«
»Ungeschriebenes Gesetz.«
»Wisst ihr von anderen Menschen, denen erlaubt worden wäre, Dweller-Wurmlöcher zu benützen?«