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»Nein.«

»Ebenfalls nein. wobei wir das nicht unbedingt erfahren hätten.«

»Andere Seher?«

»Nicht dass wir wüssten.«

»Was zugegeben keine präzise Antwort ist.«

»Na schön«, sagte Fassin. Tief im Innern des Gasschiffchens klopfte ihm das Herz bis zum Hals. »Unternehmt ihr oft Reisen durch das Wurmloch?«

»Definiere ›oft‹.«

»Ich will es anderes formulieren: wie oft habt ihr das Wurmloch in den letzten zehn Standardjahren benützt?«

»Einfache Frage.«

»Der man gut ausweichen kann.«

»Aber sagen wir – ein paar hundert Mal.«

»Bitte die Ungenauigkeit zu entschuldigen. Reisebedingungen.«

»Ein paar hundert Mal?«, rief Fassin. Du meine Güte, wenn das stimmte, dann fuhren diese Burschen in ihrem geheimen Wurmlochsystem in der Galaxis herum, als wären es die Untergrundbahnen unter einer Stadt.

»Öfter ganz sicher nicht.«

»Gibt es viele andere Schiffe wie …? Nein, anders gefragt: wie viele andere Schiffe in Nasqueron unternehmen regelmäßig Wurmlochreisen?«

»Keine Ahnung.«

»Nicht die leiseste.«

»Nicht einmal ungefähr? Könnten es Dutzende sein, oder eher hunderte?«

Die linke Seite von Quercer & Janath ließ ihren glänzenden Overall durchsichtig werden. Auf ihrer Signalhaut erschien das Muster für große Erheiterung.

Die rechte Seite stieß wieder diesen Pfiff aus.

Fassin wartete auf eine gesprochene Antwort, aber die kam nicht. »Sind es viele?«, fragte er schließlich.

Das Schweigen hielt an.

»Einige.«

»Nicht nur einige.«

»Das kannst du verstehen, wie immer du willst.«

»Noch einmal, bitte die Ungenauigkeit zu entschuldigen. Reisebedingungen.«

»Tausende?«, fragte Fassin. Der Vollzwilling gab keine Antwort. Fassin schluckte. »Zehn …«

»Zahlen weiter aufzustocken ist zwecklos.«

»Siehe vorhergehende Antwort.«

Damit war er so klug wie zuvor. Es konnten einfach nicht so viele Schiffe sein, oder doch? Auch bei noch so phantastischer Tarntechnologie, bei hunderten oder tausenden von Schiffsbewegungen jährlich innerhalb eines Systems musste doch hin und wieder irgendein Sensor etwas aufgefangen haben. Kein System war perfekt, es gab keine Technik, die nie versagte. Irgendetwas musste auffallen. Wie weit draußen mussten die Portale sein? Fassin war kein Spezialist für Physik, aber er war ziemlich sicher, dass die Raumzeit relativ flach und das Portal von einem Schwerkraftgradienten, der so steil war wie im Umkreis eines Gasriesen, weit entfernt sein musste. Ob ein Abstand wie der eines Mondes im nahen Orbit wohl genügte?

»Und Nasqueron?«, fragte er.»Wäre Nasqueron in dieser Hinsicht ein typischer Dweller-Planet?«

»Jede Dweller-Heimat ist etwas Besonderes.«

»Nasqueron – das Nest der Winde – nicht weniger als alle anderen.«

»Dennoch ja.«

Ja. Hätte Fassin bei den bisherigen Fragen und Antworten in normaler Schwerkraft aufrecht gestanden, er hätte sich wohl schon vor einiger Zeit setzen müssen. Um nicht einfach umzufallen.

»Seid ihr schon einmal hierher geflogen, nach Aopoleyin?«, fragte er.

Schweigen. Dann: »Nein.«

»Wenn ja, dann können wir uns nicht erinnern.«

Fassin spürte, wie ihn der Schwimm erfasste, jenes Gefühl tiefer Haltlosigkeit, das einen Menschen befällt, der sich ohne jede Vorwarnung mit einer ganz und gar abnormen Situation konfrontiert sieht.

»Und wenn – falls – wir nach Nasqueron zurückkehren, darf ich dann jedem erzählen, wo ich gewesen bin?«

»Wenn du dich daran erinnerst.«

»Dann schon.«

»Gibt es einen Grund, warum ich mich nicht erinnern sollte ?«

»Cannula-Reisen spielen einem manchmal seltsame Streiche, Seher Taak.«

»Ihr würdet versuchen, die Erinnerung aus meinem Gehirn zu löschen?« Fassin bekam eine Gänsehaut. »Das geht bei menschlichen Gehirnen nicht so einfach, wenn man sie nicht beschädigen will.«

»Davon haben wir gehört.«

»Wir gehen davon aus, dass dir niemand glauben wird.«

»Nur keine Panik.«

Y’sul hatte unverwandt auf die Schirme gestarrt. »Aber mir könnte man glauben!«, sagte er jetzt und wandte sich plötzlich um.

Quercer & Janath hüpften theatralisch auf und ab, als hätten sie ihn ganz vergessen.

»Das ist nicht dein Ernst!«

»Nicht dein Ernst!«, fiepten sie fast im Chor.

Y’sul prustete und signalisierte große Erheiterung. »’türlich nicht.« Kichernd wandte er sich wieder den Schirmen zu und murmelte. »Wofür haltet ihr mich denn? Ich hänge schließlich am Leben. Und ich möchte meine Erinnerungen doch lieber behalten, vielen Dank …

Die Suche wurde fortgesetzt. Fassin fragte probeweise die Systeme der Velpin nach einer eigenen Dweller-Liste, einer Karte des unbekannten Wurmlochnetzwerks oder zumindest nach der Lage des Portals ab, das sie im Ulubis-System benützt hatten, um hierher zu kommen. Die Schiffscomputer – der Zugriff war kein Problem, sie waren kaum abgeschirmt – enthielten offenbar nur die einfachsten Sternenkarten und sonst gar nichts. Die Galaxis war in einem Maßstab erfasst, der erkennen ließ, wo die Sterne und die großen Planeten zu sein hatten, aber auch nicht mehr. Weder Habitate noch Megastrukturen waren verzeichnet, und die Oort-und Kuiperobjekte und die Asteroidengürtel waren nur schwach angedeutet. Das Werk glich eher einem Schulatlas als einer richtigen Sternkarte. Das Gasschiffchen hatte genauere Karten. Fassin suchte die Datenbanken elektronisch so gründlich wie möglich ab, ohne sich allzu verdächtig zu machen, fand aber nichts Besseres.

Vermutlich waren die echten Karten irgendwie versteckt, aber er wurde das Gefühl nicht los, dass dem nicht so war. Die Velpin war ein gutes Schiff – für Dweller-Verhältnisse ausgesprochen solide gebaut – mit vergleichsweise modernen Triebwerken von schlichter Eleganz und hoher Leistung, aber ohne Waffen, nur mit einer gewissen Frachtkapazität. Das war alles. Die rudimentären Sternendaten passten ins Bild.

Fassin suchte nach einem Weg, um das Schiff in seine Gewalt zu bringen. Ob er die Velpin entführen könnte? Er hatte sich lange genug in dem unaufgeräumten kugelförmigen Kommandoraum aufgehalten, um zu sehen, wie Quercer & Janath das Schiff steuerten. Das schien nicht weiter schwierig zu sein. Er hatte sogar danach gefragt.

»Wie läuft das denn mit der Navigation

»Durch Zeigen.«

»Zeigen?«

»Man fliegt in den entsprechenden Raumabschnitt und zeigt in die gewünschte Richtung.«

»Man braucht nur genügend Energie, das ist das ganze Geheimnis.«

»Raffinierte Delta-v-Manöver sind ein Zeichen dafür, dass die Energie nicht ausreicht.«

»Energie ist alles.«

»Man kann nur mit Zeigen sehr weit kommen.«

»Vorausgesetzt, man hat die nötige Energie.«

»Manchmal sind allerdings gewisse Abweichungen zu berücksichtigen.«

»Das wird zu speziell.«

Fassin fand keine Möglichkeit, das Schiff zu übernehmen. Ein wild entschlossener Dweller konnte notfalls jahrelang auf den Zustand verzichten, den ein Mensch als Schlaf bezeichnete, und Quercer & Janath behaupteten, sie bräuchten überhaupt keinen Schlaf, nicht einmal kleine Ruhepausen mit verminderter Aktivität. Fassins Gasschiff hatte abgesehen von den Manipulatoren keine Waffen, er hatte nie gelernt, es im Nahkampf einzusetzen, und ein Dweller-Erwachsener war in jedem Fall größer und wahrscheinlich – außer bei Höchstgeschwindigkeit  – auch stärker als das Gasschiffchen. Außerdem waren Dweller notorisch schwer kampfunfähig zu machen und/oder zu töten.

Taince Yarabokin hatte ihm einiges von ihrer Nahkampfausbildung erzählt. Wenn man es mit einem feindlich gesinnten Dweller zu tun hatte – und man selbst als Mensch etwa in einem konventionellen Raumanzug steckte – lautete der erste Rat, sich eine möglichst große Waffe zu besorgen. Niemand kannte eine Methode, mit der es ein unbewaffneter Mensch, auch wenn sein Anzug gepanzert war, mit einem kräftigen Jung-Dweller aufnehmen konnte. Hatte man keine große Waffe, dann war die zweitbeste Möglichkeit: Ganz Schnell Weglaufen. Von allen Spezies in der Merkatoria konnten nur die Voehn unbewaffnet mit einem Dweller fertig werden, und auch bei ihnen stand der Ausgang nicht immer von vornherein fest.