Möglicherweise könnte er Quercer & Janath einfach rammen. Wenn er sein Gasschiffchen mit der Nase voraus in sie hineinsteuerte, könnte er sie vielleicht k. o. schlagen oder kampfunfähig machen, aber er war nicht sicher, ob es in irgendeinem Teil des Schiffs genügend Platz gab, um die Geschwindigkeit für ein solches Manöver aufzubauen. Er müsste ein paar Abteile entfernt anfangen und dann in den Kommandoraum rasen, wobei er nur hoffen konnte, sofort einen Volltreffer zu landen. Wenn sie ihn kommen hörten und einfach beiseite rotterten, würde er nur in die Instrumente krachen. Er fragte sich, was Hatherence wohl getan hätte. Hätte man sie überhaupt mitgenommen? Wohl kaum mit Waffen irgendwelcher Art. Andererseits nahmen die Dweller solche Dinge bekanntlich sehr locker. Wieder andererseits hatte er von dieser Lockerheit hier bisher nichts feststellen können.
Selbst wenn es ihm gelänge, Quercer & Janath aus dem Weg zu räumen, was war mit Y’sul? Der ältere Dweller würde ihm wohl kaum helfen, wahrscheinlich nicht einmal kooperieren. Y’sul hatte sehr deutlich gemacht, dass er ein absolut loyaler Dweller war. Er wollte ein guter Führer und Mentor sein, aber er war kein Verräter, kein Freund der Menschheit. Er war weder mit der Merkatoria im Bunde, noch hegte er Sympathien für deren Machtstrukturen, und ihre Zivilisation war ihm nach eigener Aussage unverständlich und vollkommen egal.
Und selbst angenommen, Fassin könnte die zwei – oder, je nach Betrachtungsweise, auch drei – Dweller überrumpeln und das Schiff unter seine Kontrolle bringen – was dann? Er hatte immer noch keine Spur einer geheimen Navigationsmatrix gefunden. wohin sollte er fliegen? Wie sollte er das Wurmloch-Portal finden, durch das sie hierher gelangt waren? Und wenn er es fände, wie käme er hinein? Schließlich war davon auszugehen, dass es bewacht oder zumindest verwaltet wurde. Die Merkatoria-Portale gehörten zu den am strengsten überwachten und geschützten Objekten in der Galaxis. Auch wenn die Dweller in solchen Dingen eine Gleichgültigkeit an den Tag legten, die ans Chaotische grenzte, würden sie ihn wirklich einfach so durch eines ihrer Portale fliegen lassen wie durch einen x-beliebigen Raumabschnitt?
Er hatte versucht, von Quercer & Janath mehr darüber zu erfahren, wie man ein Wurmloch-Portal – eine Adjutage – ansteuerte und passierte, dabei aber zu seiner Überraschung festgestellt, dass die beiden Meister in der Technik des Ausweichens noch nicht ihr ganzes Können gezeigt hatten. Die Antworten hatten alle früheren an Unbrauchbarkeit noch weit übertroffen.
Immerhin hatten sie Fassin erlaubt, das Schiff zu verlassen und sich ein Stück weit davon zu entfernen, während es weiter vorsichtig durch das dünne Beinahe-Vakuum des Wölkers Hoestruem schwebte. Fassin wollte sich möglichst vergewissern, dass er nicht einem Schwindel aufsaß. Woher sollte er schließlich wissen, dass er auch wirklich da war, wo Quercer & Janath behaupteten? Er hatte nur ihre eigene Aussage und die Informationen auf irgendeinem Bildschirm und in oder außerhalb von einigen Holo-Displays. Das Ganze konnte ein schlechter Witz sein, mit dem ihn jemand zum Narren halten wollte. Er musste sichergehen.
Nach Verlassen der Velpin blieb er auf gleicher Höhe mit dem Schiff, das durch die angeblich ich-bewusste interstellare Wolke glitt, und bemühte sich, mit den Sinnen seines Gasschiffchens festzustellen, ob er sich in einer künstlichen Umgebung von gewaltigen Ausmaßen befand.
Soweit er sagen konnte, war das nicht der Fall. Er schwebte tatsächlich in einer Wolke aus Gas und Staub am Rand eines Planetensystems, ein Viertel des Galaxisumfangs von seiner Heimat entfernt, auf halbem Wege zum galaktischen Kern. Die Sterne sahen vollkommen anders aus. Nur die fernen Galaxien waren noch da, wo sie hingehörten. Wenn er nicht wirklich am Rand des interstellaren Raumes war, dann war die Simulation brillant. Er verbrauchte etwas von seiner Reaktionsmasse – im Grunde Wasser – um einige Kilometer von der Velpin wegzufliegen, traf aber weder auf eine Wand, noch auf einen Riesenbildschirm. Entweder hatte man eine Virtuelle Realität von beispiellosen Dimensionen erzeugt, oder man manipulierte ihn direkt durch sein Gehirn oder hatte den Kragen des Gasschiffs irgendwie auf hundertprozentige Immersion aufgerüstet und seiner Kontrolle entzogen.
Ein Ausspruch von Valseir fiel ihm ein: Eine Theorie, die den Solipsismus als einleuchtende Erklärung der Phänomene darstellt, die sie zu beschreiben sucht, macht sich hochgradig verdächtig.
Valseir hatte über die ›Wahrheit‹ und andere Religionen gesprochen, aber Fassin fand, der Satz ließe sich auch auf seine Situation anwenden. Er hatte kaum eine Wahl, er musste so tun, als sei das alles echt. Zugleich musste er, nur für alle Fälle, im Hinterkopf behalten, dass dem vielleicht nicht so war. Denn wenn das alles Wirklichkeit war, dann befand er sich vielleicht an der Schwelle zur spektakulärsten Entdeckung in der Geschichte der Menschheit, einer Erkenntnis, die jeder nur denkbaren Kombination aus der Merkatoria, ihren Gegnern und so etwa jeder anderen raumfahrenden Spezies der Galaxis unermesslichen Schaden zufügen oder unschätzbare Vorteile bringen könnte. Er fühlte sich wie bei dem Gespräch mit der Abgesandten-Projektion, das vor einer ganzen Ewigkeit im Herbsthaus stattgefunden hatte. Erörtern Sie, was wahrscheinlicher ist: das, was Sie zu sehen glauben, oder dass alles eine Lüge ist, ein abgekartetes Spiel, ein unverständlicher und viel zu weit getriebener Scherz.
Er setzte alle vorhandenen Mittel ein, um sich Gewissheit zu verschaffen. Er war im Weltraum. alles passte zusammen. Oder die Simulation war so perfekt, dass es keine Schande war, darauf hereinzufallen. Damit wäre er wieder bei der ›Wahrheit‹. Hatherence hätte sein Dilemma zu würdigen gewusst.
Wenn er wirklich wollte, könnte er vermutlich einfach davonfliegen. Das Gasschiff würde ihn auf unbegrenzte Zeit am Leben erhalten, es war fähig, selbständig in eine Planetenatmosphäre einzutreten, und wenn er fast seine ganze Reaktionsmasse verbrauchte, könnte er in wenigen Jahren das innere System dieser Sonne Aopoleyin erreichen. Er bräuchte von der Reise kaum etwas mitzubekommen, könnte den größten Teil verschlafen. aber was dann? Er hatte von diesem Stern noch nie gehört. Nach dem rudimentären Sternenatlas des Gasschiffs befand sich das System irgendwo im Oberen Khredeil (was immer das sein mochte), aber es wurde nicht von Menschen oder Merkatoria-Angehörigen bewohnt. Es war überhaupt nicht als bewohnt gekennzeichnet. Das musste nicht heißen, dass dort niemand wäre – es gab offenbar keinen Fleck im Universum, den nicht irgendjemand seine Heimat nannte –, aber es hieß, dass er der Rückkehr nach Hause wahrscheinlich keinen Schritt näher käme.
Als Quercer & Janath aufgeregt signalisierten, sie hätten etwas gefunden, kehrte er zum Schiff zurück. Es war nicht Leisicrofes Schiff, sondern das Bewusstsein des Wölkers – ein zarter Ball aus Gas und Chemikalien, zusammengehalten von einem Hauch von Schwerkraft.
… Sucht nach …?
– Einem Dweller. Einem Gasriesen-Dweller mit Namen Leisicrofe.
… Bild …
– Bild?
… Bild versprochen … bestimmtes Bild …
– Ach so. Ich habe ein Bild bei mir. Wie …? Wo, ich meine, wem zeige ich es, damit du es sehen kannst?