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Wichtig war vermutlich nur, dachte Saluus, dass man in dieser Hotelklausur in der gegenwärtigen Lage nicht mehr gefährdet war als irgendwo sonst. Die Angriffe auf das Ulubis-System dauerten an, sie hatten nie für längere Zeit nachgelassen, aber auch nie einen ausgesprochenen Höhepunkt erreicht. Viele Ziele waren eindeutig militärischer Natur und wurden gemeinhin mit Bomben, Raketen und anderen Kurzstreckenwaffen attackiert. Anschläge dieser Art wurden gewöhnlich den Beyonder-Rebellen zugeschrieben. Andere Ziele waren von eher kulturellem oder moralischem Wert, oder sie waren einfach groß. Sie wurden vom Weltraum aus mit Felsbrocken beschossen, die stark, manchmal bis knapp unter Lichtgeschwindigkeit beschleunigt worden waren. Solche Attacken waren zahlreicher geworden, während Überfälle durch Drohnen mit Strahlenwaffen und Raketen abgenommen hatten.

Einige Strategen hielten das für ein Zeichen, dass ihre Feinde es nicht geschafft hatten, die Invasion zum geplanten Zeitpunkt durchzuführen, aber die Beweise, die sie dafür vorlegten, stützten sich nach Saluus’ Meinung viel zu sehr auf Simulationen, die alle von den gleichen Voraussetzungen ausgingen.

Jedenfalls dauerte das Warten schon viel zu lange. Die Bevölkerung hatte die verschiedenen Stadien der Verarbeitung – Schock, verleugnung, trotz, Solidarität, grimmige Entschlossenheit und was noch alles dazugehörte – bereits hinter sich und war der ständigen Attacken nur noch überdrüssig. Die Sache sollte ein Ende haben. Auch wenn es ein Ende mit Schrecken wäre, die unberechenbaren Bombardements und die ständige Unsicherheit hatten den Willen ohnehin schon halb gebrochen.

Schlimmer war noch, dass viele Leute inzwischen nicht mehr an die Unglücksprognosen glaubten, seit durchgesickert war, wann die Invasion erwartet wurde, ohne dass sich der Hungerleider-Kult dann auch tatsächlich hätte blicken lassen. Die eingefleischten Verschwörungstheoretiker unterstellten, alles sei von Anfang an eine einzige paranoide Todesphantasie des Militärs und der Industrie gewesen, es hätte niemals eine echte Bedrohung existiert, die meisten Angriffe würden von den Sicherheitskräften selbst durchgeführt und seien entweder Teil eines internen Konflikts oder einer sorgfältig geplanten Serie von zynischen Aktionen, bei denen eigene Opfer bewusst in Kauf genommen würden, um Sympathien für die Streitkräfte zu wecken, die dem einfachen Volk noch die letzten bürgerlichen Freiheiten raubten. Alles sei nur ein Vorwand, um das Ulubis-System in eine semifaschistische Gesellschaft umzuwandeln, in der einige wenige Privilegierte die Macht fest in Händen hielten.

Selbst gemäßigtere Stimmen haderten mit dem Verlust von Freiheiten und den auferlegten Beschränkungen und wollten immer häufiger wissen, wo denn die schreckliche Bedrohung bleibe, auf die man sich seit fast einem vollen Jahr vorbereite? Müsste nicht inzwischen der Himmel im Schein der Triebwerke der Invasionsflotte lodern, die im Raum um Ulubis abbremste? Man zog allmählich in Zweifel, ob all die Opfer und Entbehrungen wirklich erforderlich seien. wurde nicht zu viel gegen eine Gefahr getan, die sich bisher noch nicht gezeigt hatte, und zu wenig gegen die zermürbenden kleinen, aber doch immer wieder verheerenden Angriffe?

Die Strategen fragten sich auch, wo denn die Truppen des E-5-Separats eigentlich sein sollten. Man hatte sich über den besten Verteidigungsplan die Köpfe heiß geredet: sollte man der oder den Invasionsflotten entgegenziehen, in der Hoffnung, sie zu überraschen und damit einen kleinen Vorteil zu erringen – und zumindest einen Teil der Kämpfe von den bevölkerten Regionen des Ulubis-Systems fern zu halten – oder sollte man abwarten und ein Maximum an Streitkräften da versammeln, wo sie letzten Endes am dringendsten gebraucht würden? Man hatte bereits Kundschafterdrohnen in die Richtung geschickt, aus der die Invasion angeblich kommen sollte, aber bisher hatte keine von ihnen etwas gefunden. Man war auf Spekulationen angewiesen.

Im Orbit um G’iri, dem kleineren Gasriesen, der von Nasqueron aus gesehen weiter draußen lag, wurde eine riesige magnetische Railgun gebaut, die im Weltraum vor der anrückenden Flotte Schutt verstreuen sollte. Die riesige Donnerbüchse hatte die Aufgabe, einen Hagel von Überwachungsgeräten und eine Wolke von winzigen gesteuerten Explosiv-oder auch nur kinetisch wirksamen Minen vor die Invasionsschiffe zu schleudern, aber sie wurde jetzt erst hochgefahren, Monate zu spät, sie war viel teurer geworden als veranschlagt, und sie wurde von Problemen gebeutelt. Zumindest diesen jüngsten Fehlschlag konnte man nicht auf das Konto von Kehar Heavy Industries buchen. Saluus’ Firma hatte mit dem Auftrag nichts zu tun gehabt. Sie wäre zwar der geeignetste Hersteller gewesen, aber man hatte das Projekt an ein Konsortium anderer Firmen vergeben, einerseits, um zu zeigen, dass KHI kein Monopol hatte, andererseits, um auch die Konkurrenz einmal bei einem Großauftrag zum Zuge kommen zu lassen.

Der Zwischenbericht über das Nasqueron-Debakel hatte KHI mehr oder weniger entlastet. Man hatte nichts Schlimmeres gefunden als gelegentliche Schlampereien in der Buchhaltung und die Art von Vereinfachungen, wie sie in einer Notlage und bei diesem Zeitdruck selbstverständlich waren. Mit anderen Worten, die Blamage bei der Schlacht im Sturm hatte sich das Militär ganz allein selbst zuzuschreiben, so wie Saluus es von Anfang an behauptet hatte. Nicht zuletzt deshalb hatte man ihn seither besser in den Planungs-und Strategieapparat der Ulubis-Merkatoria integriert und berief ihn sogar mit schöner Regelmäßigkeit in den Krisenstab des Kriegskabinetts.

Das war vernünftig. Außerdem schmeichelte es seiner Eitelkeit, und er war ehrlich genug, das zu erkennen und zu akzeptieren. Und es hatte natürlich den Nebeneffekt, dass er fester in die politische Hierarchie des Systems eingebunden wurde. Man identifizierte ihn noch stärker als bisher mit Machtstrukturen und einzelnen Machthabern, und damit hatte er noch mehr Anlass, für die Erhaltung der Merkatoria-Herrschaft zu kämpfen. Wenn jetzt der Böse Feind über das System herfiele und es eroberte, könnte Saluus nicht mehr so ohne weiteres die Hände heben und beteuern, er sei nur ein gewöhnlicher Schiffsbauer und stelle sich demütig in den Dienst der neuen Herren.

Saluus war es dennoch nicht unbedingt zuwider, im Dunstkreis der Macht zu stehen, darauf zugreifen und sie in gewissem Grade sogar kontrollieren zu können. Und selbst wenn es zum Schlimmsten käme, gab es im Kriegskabinett Personen, die in sehr viel höherem Maße als er Symbolträger des alten Regimes waren, während er als Leiter von KHI für jeden wertvoll wäre, der sich an die Spitze des Systems setzte. Er müsste eben improvisieren. Außerdem hatte er sich einen Fluchtplan zurechtgelegt. Je länger die Invasion des E-5-Separats auf sich warten ließ, desto eher wäre mit dem Gegenangriff der Merkatoria zu rechnen, und in diesem Fall wäre es eventuell ratsam, von der Bildfläche zu verschwinden, solange der Feind noch damit beschäftigt war, sich einzunisten und seinerseits eine Verteidigung aufzubauen. (Eigentlich sollte der Feind gar nicht ahnen, dass die Merkatoria-Flotte unterwegs war, aber auch das war bereits durchgesickert, und seine Verbündeten, die Beyonder, hätten ihn wohl in jedem Fall gewarnt.)

Saluus konnte jederzeit untertauchen, wenn das die einfachere Lösung wäre. Er wollte auch versuchen, mit einigen Guerillagruppen in Kontakt zu kommen, hoffentlich ohne sich direkt engagieren zu müssen, damit er, wenn die Merkatoria das System zurückeroberte, nicht wie ein Feigling dastünde, dem es nur um seinen eigenen Reichtum ging, sondern wenn möglich als Held. Aber wenn es unangenehm wurde, war manchmal die beste Strategie, sich aus der Schusslinie zu bringen. Tatsächlich ließ er gerade auf einer der geheimen Werften ein sehr schnelles Schiff bauen, einen Prototyp, den er auf keinen Fall so weit entwickeln wollte, dass er für den aktiven Dienst oder auch nur für militärische Probeläufe reif war. Das sollte sein Fluchtfahrzeug für den Notfall werden.