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Bei alledem war ihm die Frau, die ihm Fassin Taak einst als Ko vorgestellt hatte – ihr richtiger Name, der Name, den sie jetzt verwendete, war Liss Alentiore – eine echte Hilfe gewesen. Er hatte sich wohl in sie verliebt. So sehr sogar, dass seine Frau – die sich selbst ganz munter zahlreiche Affären leistete – zum ersten und einzigen Mal Anzeichen von Eifersucht gezeigt hatte. (Daraufhin hatte Liss eine Lösung vorgeschlagen, auf die er, zumindest in seiner Phantasie, auch selbst schon gekommen war. Nun führten sie eine sehr anregende ménage à trois.)

Wichtiger war, dass Liss sich als vertrauenswürdige Beraterin und zuverlässige Informationsquelle erwiesen hatte. In den letzten Monaten voller Hektik und Verzweiflung hatte sich Saluus, wenn er nicht mehr wusste, wie er sich verhalten sollte, oft mit ihr beraten, entweder in halb offiziellem Rahmen in seinem Büro, seinem Flieger oder auf seinem Schiff oder von Kopfkissen zu Kopfkissen. Sie hatte immer eine Lösung gefunden, wenn nicht sofort, dann nach einer Bedenkzeit von einer oder zwei Nächten. Sie war von einer Gerissenheit, die an eine Katze erinnerte; sie wusste manchmal so genau, wie andere funktionierten, wie sie dachten und wohin sie springen würden, dass es an Telepathie grenzte.

Um Liss in seiner Nähe zu haben, hatte er sich einen neuen Posten ausgedacht und sie zu seiner persönlichen Privatsekretärin gemacht. Seine bisherigen Sekretärinnen, eine für Geschäftliches, die andere für Gesellschaftliches, waren leicht pikiert gewesen, besaßen aber Verstand genug, um gute Miene zum bösen Spiel zu machen und die Neue mit falscher Freundlichkeit aufzunehmen. Sie unternahmen keinen Versuch, Liss’ Stellung zu untergraben. Saluus ahnte, dass sie sich Liss dennoch sehr genau angesehen hatten und zu dem Schluss gekommen waren, jeder Angriff gegen sie würde wohl auf sie selbst zurückschlagen.

Auch seine Sicherheitsleute waren zunächst misstrauisch gewesen und hatten in ihrer Vergangenheit gewühlt. Zunächst hatten sie alle möglichen Hinweise auf unappetitliche Skandale und dann eine verdächtige blinde Stelle in ihrem Lebenslauf gefunden. Aber letztlich war nichts wirklich Verwerfliches zu Tage gekommen, jedenfalls hatte sie nichts Schlimmeres angestellt als er selbst in ihrem Alter. Sie war jung und wild gewesen und hatte sich mit zwielichtigen Typen eingelassen. Genau wie er. Und wenn schon? Als er sie behutsam nach ihrer Vergangenheit befragte, war er auf Verletzungen, traumata und böse Erinnerungen gestoßen und hatte aufgehört, um sie nicht noch mehr zu kränken. Daraufhin hatte er erst recht das Gefühl, der Ritter zu sein, der die bedrängte Jungfrau rettete.

Zuvor hatte sie als mittelmäßige Journalistin für eine Technikzeitschrift gearbeitet und noch früher als Tänzerin, Schauspielerin, Hostess und Masseurin gejobbt. Er hatte sie aus dieser Existenz herausgeholt. An jenem Abend mit Fassin, als er sie kennen lernte, hatte sie viel jünger ausgesehen, als sie tatsächlich war – Saluus hielt inzwischen sehr viel von der Kombination weiser Kopf auf jungen Schultern – aber nachdem sie sein Angebot angenommen und sich Behandlungen unterzogen hatte, von denen sie vorher nie zu träumen gewagt hätte, sah sie jetzt noch besser aus. Sie war ihm dankbar. Das sprach sie zwar nie so offen aus – es hätte ihre Beziehung auch zu sehr belastet –, aber manchmal sah er es in ihren Augen.

Nun, auch er hatte allen Grund zur Dankbarkeit. Sie hatte seinem Privatleben neuen Auftrieb gegeben, und gesellschaftlich war sie eine echte Bereicherung.

Im letzten Winkel seines Herzens schämte er sich sogar, weil er sie Fassin ausgespannt hatte, und das bereitete ihm eine zusätzliche Befriedigung. Saluus hatte den Jugendfreund nicht direkt beneidet – eigentlich beneidete er niemanden, wie käme er auch dazu? –, aber Fassins Leben war von einer Unbeschwertheit, die Saluus sich immer gewünscht hatte, und die er ihm deshalb verübelte. Zu einem großen Familienverband zu gehören, inmitten von Menschen zu leben, die alle der gleichen soliden Beschäftigung nachgingen und allein für ihre Arbeit respektiert wurden, ohne sich bei Ausschreibungen, durch positive Bilanzen, auf Aktionärs-und Betriebsversammlungen ständig aufs Neue bewähren zu müssen … waren diese akademische Geborgenheit, diese Sinnerfüllung nicht das wahre Glück? Und dann ging der Junge auch noch hin, ließ sich fünf Jahre lang in einem Miniatur-Gasschiff (das nicht einmal von KHI gebaut worden war) in Schockgel einlegen wie ein Hering, zog mit einer Horde degenerierter Dweller herum und wurde damit zum Helden.

Ob es das war, was Fassin für Liss so anziehend gemacht hatte? Hatte sie ihn womöglich nur deshalb für Saluus aufgegeben, weil die Gelegenheit günstig war? Nicht auszuschließen. Aber es störte ihn nicht. Sal wusste, dass auch Beziehungen ihren Marktwert hatten. Nur Kinder und romantische Schwachköpfe sahen das anders. Man bewertete seine eigene Attraktivität  – körperlich, psychisch und gesellschaftlich –, dann wusste man, wo man stand und konnte den Blick entsprechend nach oben oder nach unten richten. Man konnte eine Abfuhr riskieren, sich aber auch sozial verbessern, oder man begnügte sich mit einem soliden Leben ohne große Schwankungen und verzichtete darauf zu erfahren, was man hätte erreichen können.

Saluus sog die kalte Luft tief in seine Lungen.

Die Sonne Ulubis war hinter den bewaldeten Bergen im Südwesten untergegangen. Am dunkelvioletten Himmel erschienen die ersten Sterne. Die sinkende Sonne zog das breite Glitzerband von Orbitalhabitaten und – fabriken hinter sich her wie einen erlöschenden Kondensstreifen, als hätte jemand eine Hand voll funkelnden Staubs über den Himmel gestreut. Saluus überlegte, wie viele dieser winzigen Fünkchen wohl ihm gehörten. Es waren weniger als noch vor einem Jahr. Einige hatte man verlegt, weil sie in ihren alten Bahnen allzu leicht zur Zielscheibe geworden wären. Zwei waren zerstört worden – beides große Docks, in denen zu jener Zeit Schiffe der Navarchie lagen. trümmer des einen waren auf Fessli City gestürzt und hatten Zehntausende erschlagen, der Angriff selbst hatte ein Vielfaches dieser Opfer gefordert. Jetzt wurde KHI wegen Fahrlässigkeit der Prozess gemacht, man warf ihr vor, die Dockschiffe nicht rechtzeitig entfernt zu haben. Obwohl man im Krieg war und das Militär die Macht in Händen hatte, war für solchen Unsinn immer noch Raum. Er war gerade dabei, ein paar Worte in die richtigen Ohren zu flüstern, um eine pauschale Ausnahmeregelung für Kriegszeiten zu erwirken.

Saluus suchte hinter den Wolken seines eigenen Atems nach Nasqueron, aber der Gasriese stand weit unter dem Horizont, und selbst wenn Saluus sich auf dem richtigen Breitengrad befunden hätte, wäre der Planet wahrscheinlich von all den Objekten im Orbit verdeckt worden.

Fassin. Trotz aller Vorbereitungen auf den Krieg und die Invasion musste man sich immer wieder darum kümmern, was er gerade trieb. Ob er bei der Sturmschlacht ums Leben gekommen war? Die Berichte von Nasqueron waren nicht eindeutig. Aber das waren Berichte von Nasqueron schließlich nie. Auf jeden Fall wurde er vermisst, und wahrscheinlich befand er sich noch im Gasriesen – allerdings hatte es zwischen der Zerstörung des ersten Netzes von Beobachtungssatelliten um den Planeten zur Zeit der Sturmschlacht und der Errichtung eines neuen nach der Bildung der Dweller-Abordnung ein Zeitfenster gegeben, in dem selbst ein ziemlich großes Schiff die Nasqueron-Atmosphäre hätte verlassen können – aber wer wusste das schon? Und wenn Taak sich immer noch dort herumtrieb, was mochte er vorhaben?

Selbst wenn er noch am Leben sein sollte, Saluus beneidete ihn nicht mehr. Wenn einem nicht nur die ganze Familie auf einen Schlag ausgelöscht, sondern auch die Existenzgrundlage zerstört wurde … vielleicht hatte Fassin Selbstmord begangen? Offenbar hatte er noch vor dem grässlichen Debakel beim GasClipper-Rennen von dem Unglück erfahren. Er wusste, dass alle seine Angehörigen tot waren. Falls er noch lebte, dann wäre er so einsam wie nie zuvor, und er hätte kaum noch eine Heimat, in die er zurückkehren könnte. Er konnte einem Leid tun.